Markus Braun, Wirecard

Geschädigte auf allen Seiten Wirecard vor der Pleite?

Stand: 23.06.2020, 14:04 Uhr

Die Insolvenz des Zahlungsdienstleisters gilt derzeit als unwahrscheinlich. Auszuschließen ist sie jedoch nocht. Im Pleitefall würden vor allem Aktionäre, Anleihegläubiger, aber auch die kreditgebenden Banken leiden.

Dass die Banken ihre Kredite an den Zahlungsdienstleister aus dem Dax fällig stellen und damit den Konzern in die Zahlungsunfähigkeit treiben, gilt derzeit als wenig wahrscheinlich. Zu sehr würden die Institute sich ins eigene Fleisch schneiden. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bereits am Wochenende berichtete, wollen die Banken Wirecard bei einer Aufarbeitung und Restrukturierung nach dem Bilanzskandal helfen, der mit der Verhaftung des ehemaligen Chefs Markus Braun am Dienstag seinen Höhepunkt erreicht hat.

Die Gläubigerbanken verhandeln derzeit mit dem Unternehmen über neue Fristen und Konditionen. Federführend sind dabei laut Bloomberg die niederländischen Institute ABN Amro und ING, aber auch die Commerzbank und die Landesbank Baden-Württemberg sind mit hohen Millionensummen bei Wirecard als Gläubiger an Bord.

Nur wenn die Verhandlungen doch noch platzen sollten, und der Konzern in die Zahlungsfähigkeit schliddert, drohen die entsprechenden Konsequenzen. Ganz anders als bei der Lufthansa sind hierbei staatliche Eingriffe wohl kaum zu erwarten. Auch wenn Wirecard als einer der führenden Zahlungsdienstleister gilt, wird dem Unternehmen kaum ein "strategischer" Wert wie der Airline zugesprochen. Zudem ist die prekäre Lage von Wirecard keine Folge der Corona-Krise, sondern durch Missmanagement und vermutlich sogar Betrug herbei geführt worden.

Schadenersatzklagen gegen Wirecard und die Prüfer?

Damit sind bei einer Zahlungsunfähigkeit zuallererst die Aktionäre als Anteilseigner "an Bord". Je nach Art der Insolvenz müssten sie schlimmstenfalls mit einem Totalverlust ihres Engagements rechnen. In der Regel werden Aktionäre am Erlös der "Verwertung" der Unternehmenswerte beteiligt. Allerdings, erst, nachdem sich die Gläubiger ihre Ansprüche befriedigt haben. Dazu würden neben den Banken auch die Anleihebesitzer von Wirecard gehören.

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Inwieweit Aktionäre Schadenersatzansprüche etwa wegen des Verstoßes gegen Publizitätspflichten am Kapitalmarkt geltend machen können, bleibt der gerichtlichen Klärung vorbehalten. Auch, ob die Wirtschaftsprüfer von EY in eine solche Schadenersatzklage einbezogen werden können, wird derzeit ebenfalls von mehreren Kanzleien geprüft.

Anleihegläubiger könnten fällig stellen

Derzeit hat das Unternehmen eine herkömmliche Anleihe im Volumen von 500 Millionen Euro und eine Wandelanleihe von 900 Millionen Euro ausstehen, die einst zusammen mit der japanischen Beteiligungsgesellschaft Softbank ausgegeben worden war. Experten wie der auf Kapitalmarktrecht spezialisierte Anwalt Stephan Greger sehen für Gläubiger der Anleihe "durchaus Erfolgschancen, die Anleihe durch eine außerordentliche Kündigung zur sofortigen Rückzahlung fällig zu stellen". Damit müsse nicht der Rückzahlungstermin 2024 abgewartet werden. Auch diese Rückzahlung zum vollen Nominalbetrag müsste aber gerichtlich durchgefochten werden - mit ungewissem Ausgang. Die Anleihe (WKN: A2YNQ5) notiert derzeit nur noch bei 25 Prozent.

Kunden bei Insolvenz in der Bredouille

Geschädigt durch eine Insolvenz wären nicht zuletzt auch die Kunden von Wirecard. Großkonzerne wie Aldi, die Deutsche Telekom oder Vodafone wickeln ihre Zahlungsströme über die Technologie des Dax-Unternehmens ab. Für sie würde ein "Umzug" zu einem Mitbewerber hohe Kosten mit sich bringen. Ein solcher könnte etwa der niederländische Anbieter Adyen sein. Dessen Aktie steigt seit Tagen von einem Rekordhoch zum nächsten - während die Wirecard-Aktie von ihrem Höchststand zu Beginn des Jahres rund 90 Prozent verloren hat. Am Dienstag klettert der Titel allerdings um mehr als 27 Prozent. Die Hoffnung steigt, dass das Schlimmste in der Causa Wirecard doch noch vermieden werden kann.

AB