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Externer Bericht veröffentlicht Wirecard sieht "keine wesentlichen Auswirkungen"

Stand: 26.03.2019, 17:02 Uhr

Gegen 14:00 Uhr war es so weit: Wirecard veröffentlichte wesentliche Ergebnisse des Prüfberichts der Singapurer Rechtsanwaltskanzlei Rajah & Tann. Der Dax-Titel schoss nach oben. Einer der Wermutstropfen: Die Bilanzvorlage wird verschoben.

Die Papiere sprangen nach der Veröffentlichung der Stellungnahme des Unternehmens um bis zu 30 Prozent nach oben. Damit war Wirecard der mit Abstand der größte Dax-Gewinner. Die Anleger hatten die Ergebnisse der von Wirecard beauftragten Kanzlei seit Wochen sehnlich erwartet.

Wirecard sieht sich nach einer externen Untersuchung wegen Vorwürfen rund um die fehlerhafte Buchung von Umsätzen weitgehend entlastet. Die Kanzlei Rajah & Tann LL.P. Singapore habe in ihrem Bericht "keine wesentlichen Auswirkungen" auf die Konzernabschlüsse festgestellt, teilte Wirecard mit. Der Bericht selbst wurde nicht veröffentlicht.

Kleine Unregelmäßigkeiten in der Jahresbilanz

Allerdings fanden die Prüfer der Kanzlei nun tatsächlich Fehler - aber keine, die die Jahresbilanzen wesentlich beeinträchtigten. Unter anderem sei im Geschäftsjahr 2017 ein Umsatz von 2,5 Millionen Euro fälschlicherweise verbucht worden, was rückwirkend für 2017 korrigiert werde und durch andere "identifizierte positive Korrekturen" kompensiert werde. Weiterhin sei 2018 ein Vermögensgegenstand von drei Millionen Euro eine Woche lang "fälschlicherweise bilanziert" worden.

Fragwürdige Vertragsentwürfe

Offensichtlich hat die Untersuchung aber doch ein paar fragwürdige Aktivitäten zu Tage gebracht:

"Zudem wurden Entwürfe von Verträgen vorbereitet und im Namen der Gesellschaft unterschrieben, jedoch nicht abgeschlossen", teilte das Dax-Unternehmen mit. "Diese Vorgänge betrafen Vereinbarungen, denen möglicherweise keine tatsächlichen Geschäftsvorgänge zu Grunde lagen." Mit Ausnahme einer Transaktion in Höhe von rund 63.000 Euro habe sich aber keiner der Entwürfe in Buchungen niedergeschlagen.

"Darüber hinaus hat Rajah & Tann weitere Feststellungen gemacht, die sich insbesondere auf die Nachvollziehbarkeit von Zahlungen anhand vorliegender Verträge sowie den Abschluss von gruppeninternen Verträgen für Wirecard Tochtergesellschaften ohne die erforderliche Vollmacht beziehen", hieß es weiter in der Stellungnahme von Wirecard.

"Kein round tripping"

An diesen beiden Punkten dürfte sich die Diskussion um die Bilanzierungspraxis, die insbesondere von angelsächischen Medien und Akteuren vorangetrieben wird, weiter entzünden. Den Vorwurf des "round trippings", also Scheinbuchungen zwischen verschiedenen Stationen, um Umsätze vorzugaukeln, sieht Wirecard durch die unabhängige Untersuchung entkräftet.

"Aus den Untersuchungen haben sich auch keine Erkenntnisse über eine strafrechtliche Verantwortung in Bezug auf die Konzernzentrale von Wirecard in München/Aschheim ergeben. Einzelne lokale Angestellte in Singapur können sich jedoch möglicherweise nach lokalem Recht strafbar gemacht haben", erklärte Wirecard weiter.

Zuvor hatte das Unternehmen erklärt, die Anschuldigungen gegen seine Mitarbeiter seien gegenstandslos und hatte diese mit internen Streitigkeiten erklärt. Insofern dürften erst die offiziellen Ermittlungen der Behörden in Singapur weitere Erkenntnisse bringen, wie es zu den genannten Fehlbuchungen kam.

Bilanzvorlage verschoben

Um die Ergebnisse der Untersuchung von Rajah & Tann berücksichtigen zu können, soll die Vorlage des Jahresfinanzberichts und die Bilanzpressekonferenz vom bisher geplanten 4. April nun auf den 25. April verschoben werden, teilte Wirecard außerdem mit.

Ende Januar war die Wirecard-Aktie nach einem Bericht der "Financial Times" über angebliche bilanzielle Unregelmäßigkeiten eingebrochen. Damals sackte der Dax-Titel binnen weniger Tagen von knapp 170 bis auf 86 Euro ab, womit sie also fast die Hälfte ihres Werts verlor. Einer zwischenzeitlichen Erholung bis auf 136,50 Euro folgte ein neuerlicher Kursrückgang auf zuletzt gut 93 Euro. Vom Niveau vor dem Aufkommen der Vorwürfe ist die Aktie derzeit immer noch knapp 36 Prozent entfernt.

Kaufgelegenheit oder übertriebene Kursreaktion?

Die von Wirecard zitierten Untersuchungsergebnisse bestätigten seine Meinung, dass die Artikel der "FT" übertrieben gewesen seien, schrieb Analyst Robin Brass von der Privatbank Hauck & Aufhäuser in einer ersten Reaktion. Der dadurch verursachte Kursrückgang des Aktie biete fundamental orientierten Investoren deshalb einmal mehr eine gute Kaufgelegenheit, erklärte der Analyst.

Ähnlich optimistisch kommentierte Andreas Lipkow von der Comdirect Bank die Ergebnisse: "Der ersehnte Abschlussbericht ist endlich da, und die meisten Marktteilnehmer atmen erleichtert auf."

Etwas skeptischer zeigte sich dagegen Daniel Saurenz, Marktexperte bei Feingold Research: "Für die Aktionäre von Wirecard ist die Nachricht natürlich ein sehr positives Signal", räumte er ein. "Dennoch ist der Bericht einer Singapurer Kanzlei nur ein Teilerfolg. Entscheidend ist die Unterschrift unter dem Testat des Wirtschaftsprüfers, in diesem Fall EY (Ernst & Young)." Den heutigen Kursanstieg der Aktie hält Saurenz daher für "sehr ambitioniert, womöglich sogar übertrieben".

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