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Letzter Akt Wirecard meldet Insolvenz an

Stand: 25.06.2020, 17:11 Uhr

Diese lapidare Ad hoc hatte es in sich. Wirecard hat erhebliche Zahlungsprobleme und beantragt ein Insolvenzverfahren. Die Aktie bricht um bis zu 80 Prozent ein. Ob der Konzern weiter bestehen kann, ist äußerst fraglich. EY spricht nun von "umfassendem Betrug".

"Der Vorstand der Wirecard AG hat heute entschieden, für die Wirecard AG beim zuständigen Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung zu stellen. Es wird geprüft, ob auch Insolvenzanträge für Tochtergesellschaften der Wirecard-Gruppe gestellt werden müssen."

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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2,21
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-7,25%

Das teilte der Noch-Dax-Konzern per Pflichtmitteilung um 10:28 Uhr mit. Die Aktie wurde für 60 Minuten vom Handel ausgesetzt. Danach folgte der unausweichliche weitere Absturz.

Die Gläubigerbanken hatten das Recht, Kredite über zwei Milliarden Euro zu kündigen, wenn das Unternehmen nicht bis zum vergangenen Freitag eine testierte Bilanz für das vergangene Jahr vorlegen könne. Doch die Wirtschaftsprüfer von EY hatten das Testat verweigert, als sich herausstellte, dass Bestätigungen über Treuhandkonten offensichtlich gefälscht waren.

Wie aus einem Anleiheprospekt hervorgeht, gehören zu Wirecards führenden Kreditgebern die Commerzbank, die LBBW, die niederländische ABN Amro und die Deutschland-Tochter der niederländischen ING.

"Fortführbarkeit nicht sichergestellt"

Die Fortführbarkeit des Unternehmens sei nicht sichergestellt, teilte Wirecard gegen Mittag mit. Zuletzt hatten bereits mehrere Händler ihre Geschäftsbeziehung mit dem Zahlungsdienstleister gekündigt. Die Wirecard Bank AG sei derweil nicht Teil des Insolvenzverfahrens.

EY: "Umfassender Betrug"

Am Nachmittag meldete sich auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die selbst massiv in der Kritik steht, zu Wort. Der Prüfer, der jahrelang die Bilanzen des Dax-Konzerns testierte, geht nun von schwerer Kriminalität in quasi weltumspannenden Maßstab aus. "Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren", erklärte EY in Stuttgart.

Wann fliegt Wirecard aus dem Dax?

Die Tage von Wirecard im Dax sind mit dem Insolvenzantrag endgültig gezählt. Ob der Zahlungsabwickler nun rasch den Leitindex verlassen muss, ist allerdings angesichts eines fehlenden Präzedenzfalles unklar. Nur im Falle einer Abwicklung oder falls der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens mangels Masse abgewiesen wird, muss ein Unternehmen laut den Regeln der Deutschen Börse aus einem Auswahlindex "umgehend" herausgenommen werden. Als Nachfolger beim dennoch sicheren Abschied bei der regulären Indexüberprüfung im September gelten der Online-Essenslieferant Delivery Hero und der Aromen- und Duftstoffhersteller Symrise.

Analysten: Aktie meiden!

Anja Kohl
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Für Wirecard wird es eng

Der Insolvenzantrag sei der vorläufige Höhepunkt der von skandalösen Vorgängen geradezu strotzenden vergangenen Tage, bemerkte Analyst Wolfgang Donie von der NordLB. Der Experte rät dringend von spekulativen Investments bei Wirecard ab. Sein Kursziel strich er von 20,00 auf 1,00 Euro zusammen und gesellte sich damit zum Experten Adithya Metuku von der Bank of America, der bereits gestern mit diesem Ziel für Aufmerksamkeit gesorgt hatte.

Auch Cyan AG betroffen

Der Insolvenzantrag hat auch Folgen für den Münchener IT-Dienstleister Cyan wegen dessen Forderungen an die Wirecard-Tochter Technologies GmbH, wie der Cyan-Vorstand mitteilte. Die Cyan-Aktie brach am Nachmittag zweistellig ein.

boerse.ARD.de