Wirecard-Schriftzug

Zweifel nicht ausgeräumt Wirecard: Anleger entsetzt über KPMG-Prüfbericht

Stand: 28.04.2020, 15:17 Uhr

Der KPMG-Prüfbericht zeigt große Wirkung - aber anders als von Wirecard erhofft: Vorstandschef Braun hält den Zahlungsdienstleister zwar wegen Vorwürfen der Bilanzmanipulation für entlastet. Die Investoren sehen das aber ganz anders.

Die Aktie des Zahlungsdienstleisters stürzt unter die Marke von 100 Euro. Offenbar sind die Anleger mit dem Ergebnis des Prüfberichts äußerst unzufrieden. Zeitweise rutschte der Dax-Titel auf weniger als 95 Euro ab.

So kann die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zur Höhe und zur Existenz der Umsätze aus dem kritisierten sogenannten Drittpartnergeschäft in den untersuchten Jahren 2016 bis 2018 weder eine Aussage treffen, dass diese existieren und korrekt sind, noch, dass sie nicht existieren und nicht korrekt sind. "Insofern liegt ein Untersuchungshemmnis vor", erklärte KPMG in dem am Dienstag von Wirecard veröffentlichten Bericht.

Authentisch oder nicht?

"Ursächlich sind neben den Mängeln in der internen Organisation insbesondere die fehlende Bereitschaft der Third Party Acquirer umfassend und transparent an dieser Sonderuntersuchung mitzuwirken", hieß es in dem Bericht von den Prüfern. So hätten unter anderem Transaktionsdaten und Nachweise sowie Verträge zwischen den Drittpartnern und Händlern bislang nicht zur Verfügung gestanden.

Wirecard weist zurück, dass Umsätze und Kundenbeziehungen manipuliert sind. Vorstandschef Markus Braun hatte immer wieder behauptet, die bilanzierten Umsätze und Kundenbeziehungen aus diesen Geschäften mit Drittpartnern seien authentisch.

Braun verwies darauf, dass nun nach der Umstellung auf eine neuere Datenplattform eigene Daten aus dem Jahr 2019 vorliegen, die derzeit noch analysiert werden. Dabei handelt es sich um über 200 Millionen Datensätze allein aus dem Dezember 2019. Laut Braun sollen die Ergebnisse dazu "in wenigen Wochen" vorliegen - und seinen Worten zufolge sollen sie auch Rückschlüsse auf die Zeit vor 2019 zulassen. KPMG verneinte das jedoch explizit.

Keine leichte Untersuchung

Der Dax-Konzern wickelt in Ländern, in denen er keine eigenen Lizenzen dafür besitzt, Transaktionsvolumina über Drittpartner ab. An der Transparenz rund um diese Erlöse hatte es in einer Artikelserie der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times" Kritik gegeben.

Interessant sind Details zur "Auftragsdurchführung", die KPMG im Bericht mitteilt: "Die Wirecard AG hat von KPMG im Verlauf der Untersuchung angeforderte Dokumente teilweise nicht bzw. erst mehrere Monate nach Anforderung geliefert, wodurch sich die Untersuchung insgesamt verzögerte", heißt es wörtlich. Wirecard habe einzelne vereinbarte Interview-Termine mit wesentlichen Wirecard-internen Ansprechpartnern mehrfach verschoben, wodurch ebenfalls "erhebliche Verzögerungen der Untersuchungshandlungen" entstanden seien.

"Einzelne, im Rahmen der ursprünglichen, dem Auftraggeber zu Beginn der Untersuchung zur Kenntnis gebrachte Untersuchungshandlungen konnten mangels verfügbarer Dokumente bzw. IT-Systemzugänge nicht bzw. nicht in der ursprünglich vorgesehenen Weise durchgeführt werden", stellt KPMG fest. Und bei den KPMG vorgelegten Dokumenten habe es sich nahezu ausschließlich um elektronische Kopien gehandelt, deren Authentizität nicht habe überprüft werden können.

Wirecard-CEO Markus Braun

Wirecard-CEO Markus Braun: Ergebnisse in wenigen Wochen. | Bildquelle: picture alliance / Peter Kneffel / dpa

"Keine substanziellen Feststellungen"

Anja Kohl
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Wirecard - Die Zweifel bleiben

Wirecard sieht sich durch den KPMG-Bericht hinsichtlich der Vorwürfe rund um mutmaßliche Bilanzfälschungen jedenfalls bestätigt. In den vier Prüfbereichen des Berichts hätten sich für die Jahre 2016 bis 2018 nach wie vor keine substanziellen Feststellungen ergeben, die Korrekturen erforderlich gemacht hätten.

Allerdings hätten die Prüfer von KPMG bei Wirecard Dokumentations- und Organisationsschwächen festgestellt, räumt Wirecard ein. Diese seien vom Konzern bereits identifiziert worden. Den Schwächen werde durch den Aufbau einer Compliance-Abteilung begegnet, dies werde durch externe Berater unterstützt.

Bilanzpressekonferenz wird verschoben

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatte seit Oktober die Bücher von Wirecard durchleuchtet, nachdem vor allem die britische Wirtschaftszeitung "Financial Times" mit einer kritischen Artikelserie für Unruhe und einen abstürzenden Aktienkurs gesorgt hatte. Regulärer Buchprüfer bei Wirecard ist EY.

Financial Times-Artikel zu Wirecard

Financial Times-Artikel zu Wirecard. | Bildquelle: Financial Times-Screenshot

Die für diesen Donnerstag (30. April) geplante Bilanzpressekonferenz mit Veröffentlichung des Jahresabschlusses werde erneut verschoben, teilte Wirecard mit. Das habe vorwiegend mit der Corona-Krise zu tun, so Braun. EY als regulärer Buchprüfer habe dem Unternehmen mitgeteilt, dass durch den KPMG-Bericht selbst keine Abschlussprobleme für 2019 entstünden. Nun soll laut Braun "in wenigen Wochen" mit EY geklärt werden, wann der Jahresabschluss vorgelegt werden könne. Am 12. Mai will Wirecard Zahlen für das erste Quartal vorlegen.

boerse.ARD.de