Wirecard

Neues aus Aschheim bei München Wirecard: Konzernabschluss verzögert sich

Stand: 26.05.2020, 16:16 Uhr

Der Zahlungsdienstleister Wirecard verschiebt erneut die Vorlage seiner Konzernbilanz. Auch die Hauptversammlung wird verschoben. Nun muss Wirecard-Chef Braun offenbar um seine Vertragsverlängerung bangen.

Wirecard-Anleger brauchen weiter starke Nerven. Die Aktien des Zahlungsabwicklers rutschten heute bis auf 81,57 Euro ab. Zeitweise waren sie größter Dax-Verlierer. Am Nachmittag belief sich das Minus auf 1,8 Prozent. Nach der neuerlichen Verschiebung der Konzernbilanz würden am Markt wieder Unregelmäßigkeiten befürchtet, sagten Händler.

Die Veröffentlichung der Konzernbilanz finde nun erst am 18. Juni statt, teilte das Unternehmen mit. Ursprünglich hatten die endgültigen Jahreszahlen am 4. Juni präsentiert werden sollen. Folglich verlegt Wirecard auch die Hauptversammlung - auf den 26. August. Ursprünglich sollte die Konzernbilanz bereits Ende April vorgestellt werden.

Hintergrund der Verzögerung sei eine Mitteilung des Wirtschaftsprüfers Ernst & Young, dass noch nicht alle Prüfungshandlungen abgeschlossen worden seien, heißt es in der Unternehmensmitteilung von Wirecard.

"Mehr als ärgerlich"

Im Rahmen der abgeschlossenen Teile der Prüfungshandlungen seien Wirecard bisher keine wesentlichen Feststellungen bekannt gemacht worden. Mit wesentlichen Änderungen der im Februar veröffentlichten Eckdaten sei nicht zu rechnen. Das Unternehmen erwarte ein uneingeschränktes Testat.

Finanzchef Alexander von Knoop bedauerte die abermalige Verschiebung der testierten Bilanz für das vergangene Jahr. "Die erneute Verzögerung bei der Vorlage eines testierten Abschlusses ist mehr als ärgerlich - mit oder ohne Covid-19."

Wirecard-CEO Markus Braun

Wirecard-CEO Markus Braun. | Bildquelle: picture alliance / Peter Kneffel / dpa

Brauns Posten wackelt

Nun wackelt angeblich auch zunehmend der Stuhl von Vorstandschef Markus Braun. Wie das "Manager Magazin" am Nachmittag meldete, stehe seine Vertragsverlängerung in der Schwebe. Nur wenn das Unternehmen das uneingeschränkte Testat von EY für den Jahresabschluss 2019 bekomme und wenn es keinen Ärger mit der Finanzaufsicht BaFin gebe, werde der Aufsichtsrat den im Dezember auslaufenden Vertrag Brauns verlängern.

Wirecard sieht sich seit Jahren wiederholt Vorwürfen der falschen Bilanzierung vor allem bei Auslandstöchtern gegenüber. Um diese aus der Welt zu schaffen, hatte der Aufsichtsrat des Zahlungsdienstleisters im Herbst eine Sonderprüfung durch KPMG in Auftrag gegeben. Die Prüfer konnten allerdings viele Vorwürfe nicht entkräften, zudem warfen sie dem Wirecard-Management Versäumnisse bei internen Kontrollen vor.

Die BaFin analysiert nach eigenen Angaben den KPMG-Bericht und ob es im Vorfeld irreführende Angaben des Zahlungsdienstleisters gegeben habe - bislang ohne Ergebnis.

Neue Vorstandsstruktur

Wegen des massiven Verlusts des Börsenwerts in den vergangenen Wochen und dem zunehmenden Druck der Investoren soll Braun, der auch mit sieben Prozent an dem Unternehmen beteiligt ist, formal im Vorstand etwas Macht abgeben und sich vorwiegend um die Strategie kümmern.

In der obersten Führungsriege wird ihm mit dem Amerikaner und Deutsche-Börse-Manager James Freis ein Manager an die Seite gestellt, der die Einhaltung von Regeln und guter Unternehmensführung im Konzern überwachen soll. Zudem will Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann neue Vorstandsmitglieder für den Vertrieb und das Tagesgeschäft installieren.

Thomas Eichelmann

Thomas Eichelmann. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Viel Bewegung in der Aktie

Die Aktie steht aufgrund der Vorgänge rund um das Unternehmen seit längerem unter Druck. Vor den ersten Berichten der "Financial Times" über angeblich manipulierte Bilanzen Ende Januar 2019 hatte die Aktie bei mehr als 160 Euro notiert. Binnen weniger Tage sackte sie auf weniger als 100 Euro ab.

Bis zum KPMG-Sonderbericht konnte sich der Kurs dann unter heftigen Schwankungen wieder auf etwas mehr als 140 Euro erholen - mit dem Rutsch seit Ende April fiel das Papier allerdings wieder auf das Niveau von Ende 2017 zurück. Aktuell liegt es bei 85,50 Euro.

"Erheblich unterbewertet"

Unterdessen gibt es bereits erste Reaktionen von Analysten. Baader-Bank-Experte Knut Woller reagierte schnell und behielt die Kaufempfehlung bei. Auch das Kursziel sieht er weiterhin bei 240 Euro. Die erneute Verzögerung dürfte negativ aufgenommen werden, schrieb der Analyst. Nach wie vor halte er das Papier des Zahlungsabwicklers aber für erheblich unterbewertet.

Die Analysten von HSBC empfehlen das Papier zu halten und senkten das Kursziel von 105 auf 95 Euro. Die NordLB hat das Kursziel für Wirecard von 102 auf 80 Euro gesenkt, die Einstufung aber mit "Halten" bestätigt. Die Investmentbank Oddo BHF hat die Einstufung für Wirecard auf "Neutral" mit einem Kursziel von 105 Euro belassen.