Wirecard Zentrale

Offenbar mehrere Interessenten Wirecard vor Zerschlagung

Stand: 01.07.2020, 16:09 Uhr

Hat Wirecard noch eine Zukunft? Laut dem Insolvenzverwalter gibt es mehrere Kaufinteressenten für Teile des zusammengebrochenen Zahlungsabwicklers. Experten zeigen sich skeptisch.

Vorgestern wurde Michael Jaffé offiziell zum vorläufigen Wirecard-Insolvenzverwalter bestellt. Nun meldet sich der erfahrene Anwalt zu Wort: Er rechne mit einem Verkauf des Zahlungsabwicklers in Einzelteilen, teilte er am Dienstagabend mit.

Finanzinvestoren und Wordline haben angeklopft

"Es haben sich bereits eine Vielzahl von Investoren aus aller Welt gemeldet, die Interesse am Erwerb des Kerngeschäfts (oder) der davon unabhängigen und eigenständig erfolgreich am Markt agierenden Geschäftsbereiche haben", erklärte Jaffé nach einer Sitzung des Gläubigerausschusses mit. Dazu gehören Insidern zufolge Finanzinvestoren, aber auch Rivalen wie die französische Worldline.

Die Gläubiger hätten daraufhin grünes Licht für die Mandatierung von spezialisierten Investmentbanken gegeben, die sich um den Verkauf der einzelnen Firmenteile kümmern sollen, erklärte der Insolvenzverwalter weiter. Die Verkaufserlöse kämen den Gläubigern der Wirecard AG zugute.

Die US-Tochter Wirecard North America hatte sich bereits am Dienstag zum Verkauf gestellt. Wirecard hatte die ehemalige Citi Prepaid Card Services 2016 übernommen.

Zweifel an möglicher Wirecard-Rettung

Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Uni, hat Zweifel, ob große Teile Wirecards noch zu retten sind. "Einen Käufer für den Gesamtkonzern wird man nicht finden", sagte er dem "Handelsblatt". Möglich sei eine sogenannte übertragende Sanierung. "Hat der Insolvenzverwalter einen interessierten Käufer an der Hand und weiß genau, welche Teile dieser herauslösen und übernehmen will, dann kann er für diese Teile eine neue Gesellschaft gründen, die von Altschulden und Klagerisiken befreit ist. Für die verbundenen Mitarbeiter wäre dies die zukunftsträchtigste Lösung."

Er ist sicher: "Der Großteil der über 6.000 Arbeitsplätze wird sich nicht retten lassen." So sei bei Technologieunternehmen der Teilverkauf von profitablen Geschäftsbereichen aufgrund zusammenhängender IT-Systeme schwieriger zu bewerkstelligen, was gerade auch für Zahlungsplattformen gelte. "Teilverkäufe aus der Insolvenzmasse werden dadurch erschwert", meint Brühl. Er weiß, dass der Insolvenzverwalter mächtig unter Zeitdruck steht. Er "muss binnen drei Monaten eine Lösung finden, da in dieser Zeit noch das Insolvenzausfallgeld bezahlt wird". Andernfalls drohe die Liquidation des Unternehmens, sagte Brühl dem "Handelsblatt".

Geschäftsbetrieb soll stabilisiert werden

Wirecard-Schriftzug

Wirecard. | Bildquelle: picture alliance / Sven Simon

Vordringlichstes Ziel im vorläufigen Insolvenzverfahren sei es, den Geschäftsbetrieb der Konzerngesellschaften zu stabilisieren, erklärte Insolvenzverwalter Jaffé am Dienstagabend. Das gelte für die Abwicklung von Kreditkartenzahlungen - etwa für Visa und Mastercard - und für alle übrigen, davon unabhängigen Geschäftsbereiche. "Dazu werden intensive Gespräche mit Kunden, Handelspartnern und den Kreditkartenorganisationen geführt." Weitere Insolvenzanträge seien aber nicht auszuschließen.

Bisher sind außer der Muttergesellschaft aus Aschheim bei München kaum Tochterfirmen in die Insolvenz gegangen. Auch die deutsche Wirecard Bank ist bisher nicht insolvent, die Finanzaufsicht BaFin hat dort einen Sonderbeauftragten bestellt, damit kein Geld an die Wirecard AG abfließt. "Auszahlungen an Händler und Kunden der Wirecard Bank werden ohne Einschränkungen ausgeführt", betonte Jaffé.

Aktie unterbricht Erholungstour

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
2,21
Differenz relativ
-7,25%

Die Aktien von Wirecard sind nach dem Kurseinbruch von 99 Prozent auf Erholungstour gegangen. Am Montag schossen die Titel um 155 Prozent nach oben, gestern lag das Plus bei 76 Prozent. Heute kletterten die Dax-Aktien zeitweise vorbörslich auf über sechs Euro, drehten dann aber ins Minus. Bis zum Nachmittag büßten sie neun Prozent ein und lagen bei knapp über fünf Euro. Längst ist Wirecard zu einem Zockerpapier geworden. Einige Anleger setzen offenbar auf einen Verkauf des Unternehmens.

Am Mittag gab es bei dem insolventen Zahlungsabwickler Wirecard erneut eine Razzia. Dutzende Polizisten, IT-Fachleute und Staatsanwälte durchkämmten fünf Gebäude in Deutschland und Österreich, wo Ex-Vorstandschef Markus Braun und der ebenfalls entlassene Vorstand Jan Marsalek wohnen. Bei den Ermittlungen geht es nicht mehr nur um Bilanzfälschung und Marktmanipulation, sondern auch um Betrug, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München sagte.

Zweite Razzia binnen vier Wochen

Die Ermittlungen richten sich nun auch gegen die beiden noch amtierenden Vorstandsmitglieder Alexander von Knoop und Susanne Steidl, wie die Behörde erklärte. Zudem gebe es mögliche weitere Tatverdächtige. Insgesamt zwölf Staatsanwälte, 33 Polizisten und weitere IT-Fachleute seien mit Kollegen aus Österreich an den Durchsuchungen beteiligt gewesen. Wirecard sowie der neue Chef James Freis und Insolvenzverwalter Michael Jaffé kooperierten. Von Wirecard war keine Stellungnahme zu erhalten.

Wirecard hatte vergangene Woche wegen Überschuldung und drohender Zahlungsunfähigkeit einen Insolvenzantrag eingereicht, nachdem in der Bilanz für 2019 ein Loch von 1,9 Milliarden Euro offenbar wurde. Die Behörden gehen davon aus, dass die Bilanzen mindestens seit 2016 falsch sind und Wirecard Umsatz und Gewinn durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht hat.

BaFin-Chef stellt sich dem Finanzausschuss

Felix Hufeld, Präsident BaFin

BaFin-Präsident Felix Hufeld. | Bildquelle: © frank-beer.com / BaFin

Der Fall Wirecard könnte weitreichende Konsequenzen für die deutsche Aktienkultur und die Finanzaufsicht haben. Im Laufe des Mittwochs muss sich BaFin-Chef Felix Hufeld den Abgeordneten im Bundestag-Finanzausschuss stellen. Kritiker werfen der Finanzaufsicht BaFin Versäumnisse bei der Kontrolle des Zahlungsdienstleisters und damit eine Mitschuld an dem milliardenschweren Bilanzskandal vor. Von seinem Auftritt hinter verschlossenen Türen des Finanzausschusses wird abhängen, ob Hufeld weiter oberster deutscher Finanzaufseher bleibt. Der 59-Jährige, der seit 2015 an der Spitze der Bonner BaFin steht, hat vor zehn Tagen bereits von einem Desaster gesprochen und Fehler der Behörde eingeräumt: Man sei nicht effektiv genug gewesen, einen solchen Fall zu verhindern. Das Finanzministerium arbeitet an einer Reform der Aufsichtsstrukturen.

nb