Wirecard-Zentrale in München

Übernahme-Interessenten für Töchter Ausverkauf bei Wirecard beginnt

Stand: 30.06.2020, 19:30 Uhr

Der wegen des Bilanzskandals ums Überleben ringende Dax-Konzern Wirecard dürfte schon bald seine US-Tochter verlieren. Sie stellt sich selbst zum Verkauf. Auch an deutschen Töchtern gibt es Interesse. Droht jetzt der Ausverkauf?

Das US-Unternehmen teilte mit, dass es Kauf-Interessenten für sich suche. Eine Investmentbank koordiniere den Prozess. Die US-Amerikaner betonen in der Mitteilung ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit von dem angeschlagenen Konzern aus Aschheim bei München. "Wirecard North America ist eine selbsttragende Einheit, die weitgehend autonom von Wirecard ist."

Wirecard war erst 2016 mit der Übernahme einer Prepaid-Kreditkartenfirma von der Bad Bank der US-Großbank Citigroup in den US-Markt eingestiegen. Ein Verkauf der Aktivitäten könnte womöglich nur der Auftakt zum Ausverkauf bei den Bayern sein, die mittlerweile unter vorläufiger Insolvenzverwaltung stehen.

Auch an deutschen Töchtern gibt es Interesse - zumindest an Kunden und Mitarbeitern. Das Berliner Startup Solarisbank signalisierte Übernahme-Bereitschaft. "Wir verstehen das Geschäft wahrscheinlich besser als jeder andere im Markt", sagte Solarisbank-Chef Roland Folz.

Spekulanten treiben Aktienkurs

An der Börse wird angesichts der jüngsten Kursentwicklung bereits darauf spekuliert, dass sich Investoren oder Konkurrenten Teile von Wirecard schnappen könnten. Die Aktien setzten am Dienstag ihre Erholung fort und schlossen fast 76 Prozent höher bei 5,73 Euro. Am Montag hatten sich die Papiere zeitweise mehr als verdreifacht und waren mit einem Plus von rund 155 Prozent aus dem Handel gegangen. Zuvor hatten sie binnen weniger Handelstage fast 99 Prozent eingebüßt und waren auf dem Weg zum Pennystock. Spekulanten dominieren derzeit den Kursverlauf der Wirecard-Aktien.

Der Zahlungsdienstleister, der bargeldlose Geldflüsse zwischen Händlern auf der einen und Banken sowie Kreditkartenfirmen auf der anderen Seite abwickelt, hatte unlängst mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro eingestanden. Daher droht dem Unternehmen, das noch vor nicht allzu langer Zeit als eine der wenigen, wirklich großen Tech-Hoffnungen Deutschlands galt, die Zahlungsunfähigkeit.

Die Behörden gehen davon aus, dass die Bilanzen mindestens seit 2016 falsch sind und Wirecard Umsatz und Gewinn durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht hat. Die "Financial Times" berichtete am Dienstag, das tatsächliche Geschäft von Wirecard habe sich auf weit weniger Kunden gestützt als von der Firma angegeben. 2017 habe Wirecard mehr als die Hälfte des Umsatzes mit nur 100 Kunden erzielt, schrieb die Zeitung unter Verweis auf ein internes Dokument. Insgesamt seien darin 107.000 Kunden aufgelistet gewesen. Wirecard selbst habe 2017 von 33.000 großen und mittelgroßen Händlern und 170.000 Kleinunternehmen als Kunden gesprochen.

Entwarnung gab's am Dienstag vom deutschen Einzelhandel: Ein Ende des Betriebs bei Wirecard würde diesen wohl nicht in größerem Ausmaß treffen. Der Zahlungsdienstleister hat nach Daten des Handelsforschungsinstituts EHI Retail Institute nur einen relativ geringen Marktanteil bei Kreditkartenzahlungen.

Ex-Chef Braun außerordentlich gekündigt

Am Abend wurde bekannt, dass der Wirecard-Aufsichtsrat den Anstellungsvertrag des früheren Vorstandschefs Markus Braun außerordentlich gekündigt hat. Braun war wegen des Bilanzskandals am 19. Juni zurückgetreten. Wenige Tage später wurde er festgenommen, kam dann aber gegen Kaution wieder auf freien Fuß.

Die Anwaltskanzlei Tilp weitet ihre Schadensersatzklage gegen Wirecard auf Ex-Chef Braun, den ehemaligen Vorstand Jan Marsalek, den Wirtschaftsprüfer EY sowie den noch amtierenden Finanzchef Alexander von Knoop aus. "Vom zumindest bedingt vorsätzlichen Verhalten der neuen Beklagten sind wir überzeugt", erklärte Rechtsanwalt Andreas Tilp. Den Wirtschaftsprüfern wird vorgeworfen, nicht schon früher Alarm geschlagen zu haben - sie prüfen die Wirecard-Bilanzen seit vielen Jahren.

Auch Rechtsanwalt Klaus Nieding von der Kanzlei Nieding + Barth brachte sich in Stellung. "Wir bereiten derzeit im Auftrag von 41 institutionellen Investoren und mehr als 1.100 Privatanlegern Klagen gegen Wirecard, EY und die Bundesrepublik Deutschland vor", sagte er.

Abschied aus dem Europa-Index

Infolge des Insolvenzantrags wird die Wirecard-Aktie aus dem Stoxx Europe 600 entfernt. Von heute an wird sie nicht mehr im Index der 600 größten börsennotierten europäischen Unternehmen zu finden sein. Die Deutsche Börse erwägt anlässlich des Bilanzskandals eine Änderung ihrer Indexregeln. Wichtig sind Index-Änderungen vor allem für Fonds, die Indizes exakt nachbilden. Dort muss dann entsprechend umgestellt werden, was Einfluss auf die Aktienkurse haben kann.

ts/nb