Wirecard

Schadenersatz gefordert Wird der Fall Wirecard bald zum Fall EY?

Stand: 23.06.2020, 10:45 Uhr

Jahrelang hatten die Wirtschaftsprüfer von EY die Bilanz von Wirecard überprüft und testiert. Das wirft die Frage auf, ob die Experten von EY den Job mit der erforderlichen Sorgfalt erledigt haben. Es drohen die ersten Schadenersatzklagen.

Wirecard selbst geht inzwischen davon aus, dass Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro, die bisher als Aktivposten in der Bilanz ausgewiesen waren, "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen".

Die Fragen, die sich jetzt stellen, sind klar: Hat das Geld bereits bei vorangegangenen Jahresabschlüssen gefehlt? Schließlich hatte EY zuvor ja die erforderlichen Testate ausgestellt. Sollte das tatsächlich der Fall sein: Warum ist das den Bilanzexperten von EY nicht aufgefallen?

Das Fach-Blog "Finanz-Szene.de" fragt: "Hätte EY vor dem Hintergrund der damals bereits veröffentlichten Vorwürfe der 'Financial Times' den 2018er-Konzernabschluss nicht deutlich kritischer überprüfen hinterfragen müssen, als das unserem Eindruck nach im Rahmen der Prüfung geschehen ist?

Droht eine Prozesswelle?

Es stelle sich die Frage, wie EY die letzten Testate uneingeschränkt erteilen konnte, fragen sich also nicht nur die Rechtsanwälte Schirp & Partner: "Wie konnte es sein, dass die von KPMG festgestellten Defizite den Jahresabschlussprüfern von EY in den Jahren zuvor verborgen geblieben sind?"

Wie das "Handelsblatt" berichtet, rollt auf die Wirecard-Prüfer EY eine Prozesswelle zu. So halte die niederländische Investorenvereinigung European Investors - VEB, EY in Sachen Wirecard für haftbar und lade die Prüfungsgesellschaft bereits zu außergerichtlichen Gesprächen ein. Die Aktionärsvereinigung zielt laut "Handelsblatt" auf die Kommunikation von EY ab. Die Gesellschaft habe den Kapitalmarkt nicht früh genug über Probleme in der Wirecard-Bilanz informiert, so der Vorwurf.

"Eigenartiges Vorgehen"

Auch die Anwaltskanzlei Schirp & Partner möchte EY zur Rechenschaft ziehen und Klage erheben. Wolfgang Schirp sagt: "Unsere Klage stützt sich insbesondere darauf, dass EY angebliche Eigenmittel von Wirecard in Höhe von bis zu 1,9 Milliarden Euro in den vergangenen Jahren beanstandungsfrei testiert hat, obwohl dafür keine ausreichenden Nachweise vorlagen." Dieses Vorgehen sei sehr eigenartig und entspreche nach Schirps Analyse nicht dem pflichtgemäßen Vorgehen eines Wirtschaftsprüfers.  

Mit der Klage solle erreicht werden, dass Wirecard die Investoren für die etwaig angefallenen Verluste entschädigt.  

Felix Hufeld, Präsident BaFin

Bafin-Präsident Felix Hufeld: "Nicht effektiv genug". | Bildquelle: © frank-beer.com / BaFin

Und die BaFin?

BaFin-Chef Felix Hufeld sprach von einem "kompletten Desaster" und gab sich selbstkritisch: "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert", räumte der Behördenpräsident in Frankfurt ein. "Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe." Wichtig sei nun rasche Aufklärung.

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