Wirecard-Firmensitz in Aschheim

Keine guten Nachrichten Wirecard: Alles noch viel schlimmer?

Stand: 06.07.2020, 09:21 Uhr

Für den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard kommt es noch dicker. Wie die "Financial Times" berichtet, scheint es um das Geschäft in Europa und Amerika schon seit längerem alles andere als gut zu stehen.

Die mutmaßlichen Luftbuchungen sollten laut der Finanzzeitung wohl auch auflaufende Verluste im eigenen Kerngeschäft kaschieren. In Europa und Amerika hätten die direkt unter Wirecard-Kontrolle stehenden Gesellschaften seit Jahren rote Zahlen eingefahren, berichtete die "FT" am Sonntag unter Berufung auf Anhänge zur Sonderprüfung durch KPMG.

Im Jahr 2018, als Wirecard in den Dax aufstieg und die Commerzbank im Leitindex ersetzte, hätten die Geschäfte unter direktem Einfluss Wirecards einen operativen Verlust von 74 Millionen Euro gemacht, hieß es. Auch im Jahr davor habe Wirecard in den Bereichen Geld verloren, während die offiziellen Geschäftszahlen für den Gesamtkonzern stetig steigende Gewinne auswiesen. Das Unternehmen wollte die Informationen der Zeitung nicht kommentieren.

Wirecard hatte nach mehrfachen Verzögerungen des Geschäftsberichts für das vergangene Jahr Mitte Juni einräumen müssen, dass rund 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten auf den Philippinen mit großer Wahrscheinlichkeit nie existiert haben. Das Geld war offiziell für das sogenannte Drittpartnergeschäft in Asien vorgesehen, über das Wirecard nach eigener Darstellung Geschäfte in Ländern ohne eigene Lizenz abwickelte. Inzwischen hat Wirecard Insolvenz angemeldet, Milliarden an Börsenwert wurden vernichtet.

Manager im Visier der Justiz

Markus Braun, Wirecard

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun. | Bildquelle: picture alliance / Lino Mirgeler / dpa

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ex-Chef Markus Braun, den ebenfalls gefeuerten Top-Manager Jan Marsalek und andere wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung, Marktmanipulation und Betrug.

Braun hatte sich den Behörden gestellt und ist nach Zahlung einer millionenschweren Kaution auf freiem Fuß, Marsalek ist untergetaucht. Ende April hatte der im vergangenen Herbst angestoßene Sonderbericht der Wirtschaftsprüfer von KPMG die seit längerem umlaufenden Zweifel an den Geschäften des Unternehmens aus dem Münchener Vorort Aschheim untermauert und wichtige Fragen offen gelassen. Der veröffentlichen Version des KPMG-Sonderberichts fehlen die von der "FT" nun angeführten Anhänge. Ende Januar 2019 hatte die "FT" mit internen Unterlagen zum Asiengeschäft einen herben Kurssturz der Aktie ausgelöst.

Wie viel kann die Wirecard-Aktie wert sein?

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,80
Differenz relativ
-3,16%

Mit den neuen Vorwürfen stellt sich die Frage, wie werthaltig das Kerngeschäft des Unternehmens überhaupt sein kann. Das sind sicherlich keine guten Nachrichten für Wirecard-Aktionäre, die sich bei einer möglichen Abwicklung des Unternehmens hinter den Kreditgebern und den Anleihebesitzern anstellen müssten.

Die Wirecard-Aktie verlor kurz nach Handelsbeginn im elektronischen Handelssystem Xetra um bis zu 17 Prozent auf 2,67 Euro. Damit notiert die Aktie immer noch erheblich über dem Insolvenz-Tief von 1,08 Euro.

ME/dpa