Markus Braun, Wirecard

Nach dem Rücktritt von Vorstandschef Markus Braun Wirecard: Der Befreiungsschlag bleibt aus

Stand: 19.06.2020, 19:25 Uhr

Der seit längerem umstrittene Konzernchef von Wirecard, Markus Braun, ist am Freitag mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Der Aktie hat das nur wenig geholfen. Wie es nun weitergeht, hängt von den Banken ab.

So versicherte das Management am Freitagnachmittag, mit den kreditgebenden Banken "konstruktive Gespräche" zu führen. Dem Unternehmen droht der Verlust von Krediten in Höhe von zwei Milliarden Euro.

Tatsächlich, schätzen Experten, dürfte es bei den Gesprächen um Kredite im Volumen von 900 Millionen Euro gehen, die sich auf etwa 15 Banken verteilen. Für jede einzelne Bank betrachtet, wäre ein Kreditausfall wohl verkraftbar. Eine Kündigung aller Kredite würde Wirecard allerdings in die Insolvenz treiben, befürchten die Anleger.

Zuvor hatte der seit langem umstrittene Vorstandschef des Unternehmens und größte Einzelaktionär, Markus Braun, seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Gleichzeitig berief der Aufsichtsrat mit sofortiger Wirkung den am Donnerstag zum Mitglied des Vorstands bestellten Amerikaner James H. Freis zum Interims-Chef.

Ehemaliger Strafverfolger

Freis ist US-Rechtsanwalt und war zuletzt bei der Deutschen Börse für die Einhaltung der Rechtsvorschriften zuständig. Freis hat nach den Angaben auf seiner LinkedIn-Seite an der Harvard-Universität Jura studiert. Von 2007 bis 2012 leitete er demnach die Einheit zur Bekämpfung der Finanzkriminalität im US-Finanzministerium (FinCen).

Damit gehen die personellen Veränderungen in der Geschäftsleitung weiter: Bereits gestern war das Vorstandsmitglied Jan Marsalek mit sofortiger Wirkung freigestellt worden. Der Manager war jahrelang als Chief Operating Officer für das Tagesgeschäft zuständig gewesen. Im Mai wurden seine Aufgaben im Zuge eines Vorstandsumbaus schon beschnitten. Marsalek galt als Vertrauter Brauns.

Aktie verliert weitere 35 Prozent

An der Börse hat sich die Talfahrt von Wirecard am Freitag fortgesetzt. Die Aktie verlor bis zum Ende des Xetra-Handels gut 35 Prozent und ging bei 25,82 Euro aus dem Handel. Zeitweise war sie am Freitag sogar unter die Marke von 20 Euro gefallen. Nach der Meldung über den Rücktritt reduzierten die Papiere ihren Einbruch. Gestern hatte das Kursminus bereits knapp 62 Prozent betragen. Analysten, Experten und Anleger hatten sich am Donnerstag entsetzt gezeigt über die erneute Verschiebung der Bilanzvorlage. Einige Institute hatten die Bewertung der Aktie ausgesetzt.

Was ist mit den Treuhandkonten?

Im Mittelpunkt des Bilanzskandals rund um Wirecard stehen zwei asiatische Banken und ein Treuhänder, der seit Ende vergangenen Jahres für Wirecard die Konten verwaltet. Auf den Konten waren angeblich 1,9 Milliarden Euro verbucht. Die Bilanzprüfer von EY hatten Zweifel an der Existenz von 1,9 Milliarden Euro, die auf Treuhandkonten in Asien verbucht worden sein sollen.

Am Vormittag hatte es Berichte darüber gegeben, wonach es die dubiosen Treuhandkonten auf zwei asiatischen Banken nicht zu geben scheine. Die philippinische Bank BDO Unibank, bei der angeblich eines von zwei fraglichen Treuhandkonten für Wirecard geführt wurde, erklärte unterdessen am Freitag, dass das deutsche Unternehmen kein Kunde sei: "Das Dokument, in dem die Existenz eines Wirecard-Kontos bei BDO behauptet wird, ist ein manipuliertes Dokument, das gefälschte Unterschriften von Bankangestellten trägt", hieß es in der Stellungnahme des in Makati ansässigen südostasiatischen Geldhauses. "Der Fall ist an die Zentralbank der Philippinen berichtet worden." Zuvor hatte die US-Nachrichtenagentur Bloomberg über die Stellungnahme berichtet.

Makati City

Makati City. | Bildquelle: imago images / Aurora Photos

Wirecard hatte sich als mögliches Opfer eines "gigantischen" Milliardenbetrug gesehen und will Strafanzeige erstatten, wie das Unternehmen am Donnerstag mitgeteilt hatte.

"Irritationen über die Geschäftsführung"

Brauns tritt zurück aber die Fragen bleiben offen: Sollte Wirecard an diesem Freitag keinen testierten Abschluss präsentieren, droht die Kündigung von Krediten in Höhe von etwa zwei Milliarden Euro. Kurzfristig könne auch der "Worst case" einer Zahlungsunfähigkeit nicht ausgeschlossen werden, wenn die Banken ihre Außenstände einforderten, meint Analyst Stephane Houri von Oddo BHF.

Experten zweifeln allerdings, dass die Kreditgeber so einfach den Stecker ziehen würden, da dies auch Belastungen für andere Banken zur Folge haben könnte.

"Die Anleger fliehen förmlich aus der Aktie. Es droht aber auch der Rückzug von Kunden und die Kündigung von Krediten, was zu finanziellen Engpässe führen könnte", kommentiert Robert Halver, Marktstratege bei der Baader Bank. Auch die weitere Mitgliedschaft im deutschen Aktienleitindex sei fraglich. "Warum das Unternehmen einen Termin zur Bilanzvorlage trotz ungeklärter Vorgänge überhaupt anberaumt beziehungsweise nicht abgesagt hat, führt auch zu Irritationen über die Geschäftsführung", stellt Halver fest.

Wirecard-CEO Markus Braun

Wirecard-CEO Markus Braun; "Irritationen über die Geschäftsführung". | Bildquelle: picture alliance / Peter Kneffel / dpa

Klagewelle droht

"Auch wenn der Vorstand des deutschen Zahlungsabwicklers wie ein Blitzableiter weiterhin die Schuld von sich weist, droht jetzt eine Klagewelle gegen den Konzern", meint Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets. "Die Investoren fragen sich, warum man erst jetzt handelt, nachdem die Ungereimtheiten schon monatelang nicht ausgeräumt werden konnten. Das Verhalten hat für viele Anleger einen faden Beigeschmack und sie sind nicht länger willens, dieses hinzunehmen und mitzutragen."

boerse.ARD.de

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"Ein handfester Bilanzskandal" Stimmen zu Wirecard

Ingo Speich, Fondsgesellschaft Deka

Ingo Speich, Fondsmanager bei der Deka
"Wir sind fassungslos. Auch hier hat sich wieder gezeigt, dass den Ankündigungen von Wirecard keine Taten folgen. Ein personeller Neuanfang ist dringender denn je. Wir hoffen, dass der erneute Vertrauensentzug am Kapitalmarkt nicht doch noch Auswirkungen auf das operative Geschäft hat."