Junger Mann streicht eine Wand grün

Spekulationen über "Green QE" Wird die EZB jetzt grün?

von Notker Blechner

Stand: 27.11.2019, 14:30 Uhr

Seit Wochen wird auf EU-Ebene über die Definition von "grünen" Geldanlagen gestritten. In der Öffentlichkeit wird gefordert, dass die Notenbanken ihren Teil zur Klimarettung beitragen sollen. Kommt nun ein "Green QE"? Die EZB kontert mit einer Studie.

Gut entwickelte Börsen können helfen, den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß einer Volkswirtschaft zu verringern. Denn Aktienmärkte wären besser geeignet als Banken, Investitionen in umweltfreundliche oder "grüne" Bereiche zu lenken. Das meinen die Autoren einer Studie der Europäischen Zentralbank (EZB), die am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Studie: Weniger CO2 bei gut entwickelten Börsen

Zentrales Ergebnis der Untersuchung: In Volkswirtschaften, in denen die Unternehmensfinanzierung eher über den Aktienmarkt verläuft, würden weniger Schadstoffemissionen erzeugt als in solchen, in denen die Finanzierung eher über den Bankensektor erfolgt. So würden innovative und energieeffiziente Unternehmen in der Regel stärker in Ländern mit entwickelten Aktienmärkten wachsen. Außerdem drohten umweltfreundlichen Unternehmen weniger Rechtsstreitigkeiten aufgrund der Verwicklung in Umweltkatastrophen. Hierauf legten Aktienanleger besonderen Wert.

Die Autoren sprechen die Empfehlung aus, dass Ländern mit stark bankbasierten Finanzsystemen und dem Ziel einer umweltfreundlichen Politik nicht nur auf neuartige Anlageformen wie Green Bonds setzen sollten. Vielmehr sollte auch die Entwicklung des Aktienmarkts vorangetrieben werden, um umweltfreundliche Innovationen zu fördern.

Klimaschützer und ESG-Anhänger werden sich wohl kaum mit solchen Aussagen zufrieden geben. Sie erwarten von den Notenbanken, dass sie eine stärkere Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielen. Schließlich könnten die Klimarisiken zu einer Gefahr für die Finanzstabilität werden.

Lagarde stellt Klimaschutz in den Vordergrund

Christine Lagarde

Christine Lagarde. | Bildquelle: picture alliance/Xinhua

Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde zeigt sich offen für ein stärkeres grünes Engagement der Notenbank. "Klimawandel und Umweltschutz sollten für jede Institution im Mittelpunkt stehen", sagte "Madame Euro" bei ihrer Anhörung vor dem Europäischen Parlament. Seither fragt sich die Finanzwelt, wie sie das wirklich gemeint hat – nur als unverbindliche Empfehlung oder als Hinweis dafür, dass künftig für die EZB neben der Preisstabilität auch der Klimaschutz zur zentralen Aufgabe der Notenbank gehört?

Manche Marktbeobachter interpretieren die Aussagen dahingehend, dass die EZB künftig verstärkt Green Bonds kaufen wird. Derzeit hält die Europäische Zentralbank gut 24 Prozent der im Rahmen ihrer Programme zugelassenen grünen Staatsanleihen und etwa ein Fünftel der grünen Anleihen aus dem privaten Sektor, hat "Die Welt" herausgefunden. Das entspräche einem Volumen von 20 bis 30 Milliarden Euro.

Fidelity: Green QE kommt!

Romain Boscher, globaler Aktienstratege von Fidelity, rechnet in absehbarer Zeit mit "Green QE", also einer grünen Variante des umstrittenen Anleihenkaufprogramms. Die EZB suche nach Alternativen, um im Rahmen ihrer ultralockeren Geldpolitik neue solide Anleihen zu kaufen. Da sei "Green QE" ein willkommener Vorwand, meint er.

Gegen ein "Green QE" gibt es freilich erhebliche Widerstände. Bundesbank-Chef Jens Weidmann sieht Forderungen nach einer grünen Geldpolitik etwa in Gestalt eines "Green QE" "sehr kritisch". Bei der Umsetzung der Geldpolitik müsse der Grundsatz der Marktneutralität beachtet werden. "Bevorzugt grüne Anleihen zu kaufen, würde diesem Grundsatz widersprechen."

Streit um einheitliche Regeln für grüne Anlagen

Auch Ökonomen und Aktienstrategen halten ein "Green QE" für unsinnig. Zumal bisher noch gar nicht klar ist, was unter grünen und nachhaltigen Investments zu verstehen ist. In Frankreich zum Beispiel wird Atomenergie als nachhaltige Energieform gesehen. Die EU arbeitet seit Monaten an einem einheitlichen Regelwerk. Deutschland und Frankreich streiten sich darüber, ob die Kriterien verpflichtend sein sollen. Berlin würde es gerne den Markt regeln lassen. Paris dagegen beharrt auf einem verpflichtenden Ansatz. Nach Einschätzung von Levin Holle, Leiter der Finanzmarktabteilung im Bundesfinanzministerium, wird sich wohl der verpflichtende Ansatz durchsetzen. Im Laufe des nächsten Jahres ist mit einer Einigung zur EU-Taxonomie zu rechnen.

Dann könnte rasch Bewegung in die grüne Geldwelt kommen. Die EU will künftig Anlageberatern vorschreiben, dass sie ihre Kunden fragen, ob und wie nachhaltig sie ihr Geld anlegen. Institutionelle Anleger sollen ausweisen, wie umweltfreundlich ihre Investitionen sind.