Luftaufnahme der RWE-Zentrale in Essen
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Versorger in Not Wird der Hambacher Forst zum Fukushima für RWE?

von von Lothar Gries

Stand: 14.11.2018, 08:15 Uhr

Was Fukushima für die Atomkraft war, könnte der Hambacher Forst für die Kohle werden - zumindest in Deutschland. Ein Fahrplan für den Ausstieg soll noch im Dezember verkündet werden. Was bedeutet das für den Versorger RWE?

Dass die Kohleförderung und -verstromung nicht mit dem Klimaschutz vereinbar ist und beendet werden muss, hat auch RWE längst verstanden - und den größten Umbau in seiner 120-jährigen Geschichte eingeläutet. Schon in zwei Jahren will der Konzern sein Geld weniger mit Braunkohle- als mit Ökostrom verdienen. Wind- und Sonnenenergie sollen 60 Prozent der Einnahmen generieren.

Dazu will RWE zum reinen Produzenten mutieren, der seinen Strom über die Börse oder große Abnehmer verkauft, mit privaten Endkunden aber nichts mehr zu tun hat. Der Vertrieb an die sechs Millionen Kunden in Deutschland wurde bereits in die Tochterfirma Innogy ausgelagert. Die ist börsennotiert und steht vor der Übernahme durch den Konkurrenten Eon.

Weg vom Schmuddelimage

Protestaktionen gegen die Räumung des Hambacher Forsts von RWE. | Bildquelle: picture alliance/ dpa

RWE will also weg vom Schmuddelimage des Kohleförderers. Mehr noch: Der Konzern muss sich sogar davon entfernen, wenn er langfristig überleben will. Denn nicht nur Umweltschützer halten Braunkohle für einen Energieträger von gestern.

Auch mächtige Anleger wie der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock wollen keine Aktien oder Anleihen eines Konzerns mehr kaufen, der sein Geld mit der Förderung von Braunkohle verdient. Sie fordern einen früheren Ausstieg als den von RWE anvisierten Zeitpunkt Mitte des Jahrhunderts, also in 30 Jahren. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission dürfte in ihrem noch vor Weihnachten erwarteten Abschlussbericht ebenfalls ein frühes Ausstiegsdatum nennen.

Umbau beschleunigen

RWE wird also seinen Umbau beschleunigen müssen. Das ist das Unternehmen auch seinen Anlegern schuldig, allen voran den nordrhein-westfälischen Städten, die 20 Prozent der Anteile halten. Denn die Reaktion der Finanzmärkte nach dem Gerichtsurteil zu dem vorläufigen Rodungsstopp im Hambacher Forst war schmerzhaft, ist doch die RWE-Aktie binnen Tagen um gut 15 Prozent eingebrochen, wodurch Werte in Milliardenhöhe vernichtet wurden.

Zudem hat der Konzern ein schwaches erstes Halbjahr hinter sich. Das Geschäft mit Braunkohle- und Kernenergie nahm ab, RWE produzierte weniger Strom, auch wegen des steigenden Anteils an erneuerbaren Energien. Die Weichen für den Umbau sind aber gestellt. So ist es beschlossene Sache, sämtliche Windparks und Solaranlagen von Eon zu übernehmen. Damit steigt RWE im nächsten Jahr zum drittgrößten Ökostromanbieter Europas auf - vorausgesetzt die Kartellbehörden stimmen zu. Die Gespräche laufen noch.

Warum muss der Forst gerodet werden?

Auch das Geschäft mit verflüssigtem Erdgas (LNG) baut RWE weiter aus. Neben der Partnerschaft mit dem russischen Gazprom-Konzern will der Versorger nun auch mit dem japanischen Unternehmen Tokyo Gas zusammenarbeiten. In einem ersten Schritt wollen beide Unternehmen den Transport des von Tokyo Gas bezogenen Gases verbessern. Die Gespräche sollen in Kürze abgeschlossen sein.

RWE Braunkohle-Kraftwerk Neurath

RWE Braunkohle-Kraftwerk Neurath. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Warum also pocht der Konzern darauf, unbedingt den Hambacher Wald roden zu wollen? Die Konzernführung verweist auf technische Gründe des Tagebaus. Darüber hinaus sieht er die Stromversorgung der ganzen Region in Gefahr, wenn in Hambach nicht weiter gebaggert werden kann. RWE-Angaben zufolge kommt 40 Prozent des in Nordrhein-Westfalen mit seinen 18 Millionen Einwohnern verbrauchten Stroms aus den Kohlekraftwerken westlich von Köln.

Lebenswichtige Stromquelle

Auch bundesweit bleiben die Kohlekraftwerke eine für das Land überlebenswichtige Stromquelle, die nicht von heute auf morgen abgeschaltet werden kann. Zwar tragen die erneuerbaren Energien einen immer größeren Anteil zum Stromverbrauch bei. Im ersten Halbjahr 2018 wurden schon 36 Prozent des Stroms in Deutschland mit Windkraft, Solarenergie, Biomasse oder Wasserkraft erzeugt.

RWE-Braunkohleabbau in Garzweiler

Braunkohleabbau in Garzweiler. | Bildquelle: Imago

Allerdings stammten auch noch 22,5 Prozent aus Braunkohlekraftwerken, 12,6 Prozent aus Steinkohleanlagen und sogar noch gut elf Prozent aus Atomkraftwerken. Fast jede zweite Kilowattstunde wird also in Kraftwerken erzeugt, die Deutschland kurzfristig oder mittelfristig abschalten will. Eine Vollbremsung wie beim Atomausstieg ist also bei der Kohle nicht zu schaffen, ohne die Versorgungssicherheit des Landes zu gefährden.

Weichen für die Zukunft gestellt

Zudem enthält der Ausstieg aus der Kohle auch einen gewaltigen sozialen Aspekt. Mehr als 10.000 Menschen leben allein im Rheinischen Revier mit seinen drei großen Tagebauen und mehreren Kraftwerken von der Braunkohle. Rechnet man die Zulieferbetriebe hinzu, dann sind von der Kohlebranche zwischen Köln und Aachen rund 30.000 Jobs abhängig.

Wird der Hambacher Forst also zum zweiten Fukushima für RWE? Ja und nein. Der Konflikt um das Waldstück dürfte den Kohleausstieg entscheidend beschleunigen, aber dieser Prozess wird länger dauern als viele Aktivisten glauben. Und RWE könnte es gelingen, als Energieversorger zu überleben. Die Weichen dafür scheinen jedenfalls gestellt.

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