Besucher der Model-3-Präsentation fotografieren den neuen Tesla

Unter der Lupe Wie weiter mit der Tesla-Aktie?

Stand: 10.02.2020, 13:59 Uhr

Nach ihrem jüngsten Höhenflug auf fast 970 Dollar hat sich die Tesla-Aktie wieder deutlich verbilligt. Ist das nur die Ruhe vor dem (An)Sturm auf neue Höhen oder war's das jetzt mit der Rally?

Wenn es um Tesla geht, scheiden sich die Geister. Die einen sind Fans der Kultmarke und jubeln über das Kursplus von mehr als 400 Prozent seit Mai vergangenen Jahres. Anderen bereitet genau das Bauchschmerzen, weil sie bislang vergeblich auf einen Kursrücksetzer wetten.

Die dritte Gruppe sucht verzweifelt nach einer Gelegenheit, auf den Zug aufzuspringen. Dieser Moment scheint am Montag gekommen zu sein. Anlässlich der Wiederaufnahme der Produktion im neuen chinesischen Werk in Shanghai steigen die Anleger wieder ein.

Keine Gruppe lag bisher so daneben wie die Analysten. Sie bewerteten die Tesla-Aktie noch im Januar mit durchschnittlich 364 Dollar. Selbst der optimistischste Experte lag mit seinem Kursziel von 400 Dollar gut 50 Prozent unter dem in der vergangenen Woche erreichten Hoch von knapp 970 Dollar.

Völlig überbewertet?

Viel hat sich daran nicht geändert. Die meisten Analysten der großen Banken halten Tesla nach wie vor für völlig überbewertet, auch wenn einige ihre Schätzungen angehoben haben. So hat etwa der Experte der britischen Barclays-Bank das Kursziel für Tesla von 200 auf 300 Dollar angehoben, die Einstufung aber auf "Underweight" belassen. Die "Kursparty" beim Elektroautobauer erinnere ihn an die Blase der Techwerte zur Jahrhundertwende, schrieb Analyst Brian Johnson in einer am Mittwoch vorliegenden Studie.

Tesla: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
814,20
Differenz relativ
-1,42%

Auch sein Kollege von der Royal Bank of Scotland hält die Aktie für überteuert. Die Bewertung des Elektroautobauers lasse sich nach der Kursrally nicht mehr mit den fundamentalen Geschäftsdaten rechtfertigen, urteilt Joseph Spak. Der Kurssprung dürfte verschiedenen Faktoren wie der Eindeckung von Leerverkäufen (Short Squeeze), besseren Nachrichten etwa mit Blick auf die Mittelzuflüsse sowie höheren Margen zu verdanken sein. Was den Kurs wieder nach unten holen könnte, sei weniger klar. So könnte etwa der Ausbruch des Coronavirus am Auslieferungsziel für das erste Quartal nagen.

Immerhin lief am Montag die Produktion im neuen chinesischen Werk wieder an, was das Papier im vorbörslichen US-Geschäft wieder um neun Prozent steigen ließ.

Viele Leerverkäufer

Tatsächlich beurteilen viele Börsenprofis den Hype um Tesla skeptisch. Sie bezweifeln, dass der Autobauer den jüngsten Erfolgsmeldungen zum Trotz dauerhaft Gewinne erwirtschaften kann. Allerdings hat die Erwartung eines Kursverfalls vielen spekulativen Investoren seit Jahresbeginn hohe Verluste beschert. Die Analysefirma S3 Partners geht von elf Milliarden Dollar aus.

Schwer getroffen hat es die sogenannten Leerverkäufer. Diese leihen sich Aktien, um diese umgehend wieder zu verkaufen. Sie spekulieren darauf, sich bis Ablauf der Rückgabefrist billiger mit den Papieren eindecken zu können. Die Differenz streichen sie als Gewinn ein.

Fondsgesellschaften warten ab

Befeuert wurde das Tesla-Kursfeuerwerk auch von Privatanlegern. Der Fondsgesellschaft Fidelity zufolge platzierten ihre Kunden allein in der vergangenen Woche 16.000 Kaufaufträge. Abgeschlagen auf dem zweiten Platz lagen die Aktien des Kurznachrichtendienstes Twitter mit 2.000 Orders.

Elon Musk

Elon Musk. | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

Die Fondsgesellschaften dürften bei der nächsten Rally ebenfalls mitmischen. So wird Ross Gerber, Chef des Vermögensverwalters Gerber Kawasaki mit den Worten zitiert: "Wenn die Tesla-Aktie auf 1.000 Dollar steigt und sie haben sie nicht im Portfolio, was werden sie dann ihren Kunden erzählen?" Seine Firma habe während der jüngsten Kursrally ein paar Gewinne mitgenommen. Bei einem Kursrücksetzer wolle er aber wieder zukaufen. Den fairen Wert der Tesla-Aktie schätzt er auf 550 Dollar.

Wie sehr Tesla derzeit die Gemüter bewegt, zeigt ein Gastbeitrag des bekannten Investors und Firmengründers Frank Thelen im "Handelsblatt" vom 22. Januar. Darin prophezeite er, dass Tesla "schon sehr bald seine Marktkapitalisierung verdoppeln wird und Volkswagen und BMW bedeutungslos werden". Tatsächlich stieg der Aktienkurs in den folgenden Tagen von 550 auf 968 Dollar.

Meilenweit voraus

Unabhängig von den Kursschwankungen ist Thelen überzeugt, dass die deutsche Autoindustrie mit Tesla nicht mithalten können wird. Tesla sei den hiesigen Autobauern in Sachen E-Mobilität meilenweit voraus. Das könne man auch wortwörtlich verstehen.

Das Model S habe doppelt so viel Reichweite wie der Porsche Taycan. Trotz deutscher Ingenieurskunst sei der Taycan laut vielen Analysten "das ineffizienteste E-Auto der Welt". Kein deutsches E-Auto könne es auch nur ansatzweise mit den mittlerweile acht Jahre alten Tesla-Modellen aufnehmen. Egal ob Produktion, Forschung oder Consumer: Tesla sei in erster Linie eine Softwarefirma.

Rückschläge einkalkulieren

Sollte diese Analyse zutreffen, scheint die jüngste Kursrally von Tesla aus fundamentaler Sicht gerechtfertigt - und hat somit gute Chancen weiterzugehen. Kurzfristige Rückschläge und hohe Schwankungen sollten Anleger aber einkalkulieren.

So könnte ein durchwachsenes erstes Quartal die Aktie wieder unter Druck bringen. Auch auf dem Weg in den wichtigen Börsenindex S&P 500 dürfte es dann noch etwas dauern. Um in diese Liga aufgenommen zu werden, muss ein Unternehmen vier aufeinander folgende Quartale mit einem Unternehmensgewinn vorweisen. Tesla hat erst die Hälfte der Strecke geschafft.

lg