Hingucker der Woche

Von Italien bis nach China Wie viele Krisen verträgt die Börse?

von Robert Minde

Stand: 11.08.2019, 14:50 Uhr

Zollstreit, Währungskrieg, der Brexit und womöglich eine neue Eurokrise - nach spätsommerlicher Ruhe hört sich das alles nicht an. Gerade für das exportlastige deutsche Geschäftsmodell birgt dieser Krisencocktail besonders große Gefahren.

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Abzulesen war dies bereits an zuletzt schwachen Stimmungsindikatoren wie dem wichtigen Ifo-Index oder den schwachen Handelsbilanzdaten vom Freitag. Am Mittwoch wird nun das deutsche BIP für das zweite Quartal erwartet.

Ein Datum auf das die Börse mit Bangen blicken dürfte. Wächst die deutsche Wirtschaft überhaupt noch oder droht zumindest eine technische Rezession? Der Dax jedenfalls musste die Marke von 12.000 Punkten schon aufgeben.

Die Experten der Postbank rechnen damit, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal bestenfalls stagniert hat. Eine wesentliche Rolle dürfte hierbei neben dem Außenhandel insbesondere die Entwicklung in der deutschen Industrie gespielt haben, deren Produktion im Juni im Vorjahresvergleich den stärksten Rückgang seit zehn Jahren verzeichnete hatte.

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Fakt ist, dass Deutschlands Wirtschaft so eng mit der Weltwirtschaft verwoben ist, dass künstliche Handelsschranken verheerende Auswirkungen haben. Der Handelsstreit zwischen den USA und China, der sich nun auch noch zum Währungskrieg auszuweiten droht, hängt deshalb wie ein Damoklesschwert über der heimischen Wirtschaft. Zumal sich eine schnelle Lösung nicht abzeichnet, auch wenn die Verhandlungen der Experten weitergehen.

Ein großer Krisencocktail

Boris Johnson

Boris Johnson. | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

Aber es ist nicht nur der amerikanisch-chinesische Konflikt um die Vorherrschaft auf den Weltmärkten, der auf der Börse lastet. Das Dauerthema Brexit mit seinen völlig unkalkulierbaren Folgen rückt in dem Maße in den Vordergrund, in dem die Uhr bis zum 31. Oktober abläuft. Mit dem Brexit-Hardliner Boris Johnson als neuem Premierminister sind die "Chancen" auf einen No-Deal erheblich gestiegen.

Das britische Pfund bleibt unter Druck

Der Devisenmarkt hat schon lange seine Antwort auf das britische Politikchaos gegeben und das Pfund in den Keller geschickt. Diese Entwicklung dürfte auch in der kommenden Woche nicht beendet sein.

Genau hinschauen wird der Markt auch auf die Entwicklung beim chinesischen Yuan, der von der Notenbank gesteuert wird. Jedes noch so kleine Anzeichen eines Währungskriegs der Chinesen gegen den Dollar würde sofort die Alarmglocken klingeln lassen. Auch und gerade beim wahlkämpfenden Donald Trump, dessen Unberechenbarkeit ein weiteres wichtiges Puzzleteil des Krisencocktails der Börse bleibt.

Eurokrise 2.0 könnte "Made in Italy" sein

Neu hinzugekommen ist schließlich noch die italienische Krise. Das Land ist mit 132 Prozent gemessen am BIP verschuldet und steckt mal wieder mitten in einer Regierungskrise.

Wie lange werden die Märkte und die EZB Italien noch finanzieren? Und zu welchem Preis? Griechenland lässt schon mal grüßen, die Renditen italienischer Staatsanleihen haben sich schon auf den Weg nach oben gemacht. Gleichzeitig fliehen die Anleger in Bundeswertpapiere und verschärfen den Anlagenotstand hierzulande noch. Kein gutes Umfeld gerade auch für die Banken, die bekanntlich vom Zinsgeschäft leben. Immerhin, das Land aus dem Euro zu führen, darüber denkt Lega-Chef Salvini nicht nach, wie er am Wochenende erklärte.

"Uns steht ein heißer Börsenherbst bevor", sagte Robert Greil, der Chefstratege von Merck Finck Privatbankiers. Gemeinsam mit zunehmenden Rezessionssorgen gebe es aktuell genügend Zündstoff - und damit erhöhte Schwankungen und stärkere Ausschläge.

Die Hoffnungen der Bullen...

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...sind zugegebenermaßen ziemlich gesunken. Einzig die zuletzt stärker gewordenen Zinshoffnungen spielen ihnen in die Hände. Die Notenbanken also mal wieder als Feuerwehr? Es wäre nicht das erste Mal.

Auch vergleichsweise gut hat der Weltleitindex Dow Jones die Börsenturbulenzen bisher weggesteckt - und am Dow orientieren sich nun mal viele andere Märkte. "Der Leitbulle für alle bleibt der Dow Jones Industrial", schreibt der bekannte Börsenbrief "AB Daily" von Bernecker.

Berichtssaison neigt sich dem Ende zu

Eine insgesamt sehr durchwachsene Berichtssaison geht in der kommenden Woche auf die Zielgerade. Mit Henkel und RWE legen noch zwei Dax-Mitglieder Zahlen vor, die meisten anderen Quartalsausweise kommen aus der zweiten Reihe. Aus den USA sind noch Walmart, Cisco und die Ergebnisse des chinesischen Amazon-Konkurrenten Alibaba von Bedeutung.

Konjunkturzahlen im Fokus

Angesichts der abnehmenden Frequenz der Firmenbilanzen wird die Börse dafür sehr genau darauf schauen, ob die vielen politischen Krisen sich schon in den Konjunkturzahlen niederschlagen. In Deutschland wird neben den BIP-Zahlen mit dem ZEW-Index für den August ein weiterer Stimmungsindikator erwartet.

In Amerika stehen am Donnerstag unter anderem die wichtigen Einzelhandelsumsätze auf der Agenda (14:30 MEZ). Auch die Stimmungsindikatoren aus den Großräumen Philadelphia und New York werden am Donnerstag erwartet. Das Verbrauchervertrauen der Uni Michigan rundet dann am Freitag den Datenkranz ab. Am Montag bleibt die Börse in Tokio wegen eines Feiertages geschlossen.