Martin Steinbach, Ernst & Young

Interview mit Börsengang-Experten "In der zweiten Jahreshälfte öffnet sich das Fenster"

Stand: 20.05.2020, 15:03 Uhr

2020 war eine Reihe von Börsengängen geplant. Mittlerweile wurden IPOs verschoben, zum Teil auf unbestimmte Zeit. Die Krise erschwert Börsengänge, doch so schlecht sieht es gar nicht aus, meint IPO-Experte Martin Steinbach von EY.

boerse.ARD.de: Wie wirkt sich die Viruskrise auf die IPO-Pipeline in diesem Jahr aus?

Martin Steinbach: Wir haben in den letzten Jahren am Kapitalmarkt viele Schocks erlebt, die immer wieder zu Volatilität geführt haben, jetzt kommt eine Pandemie hinzu. Volatilität führt in einer globalisierten Welt dazu, dass Kapitalmärkte selbst auf kurze Sicht nicht mehr so gut planbar sind. Und bei der Überschreitung eines gewissen Volatilitätsniveaus finden deutlich weniger Börsengänge statt.

boerse.ARD.de: Wie schätzen Sie die Erfolgschancen der IPOs in diesem Jahr ein?

Steinbach: So schlecht sieht es eigentlich gar nicht aus. Die Frage ist auch immer, aus welchem Sektor kommt der Börsengang. Der Technologiesektor oder Healthcare und Life Sciences gehören zu den Gewinnern der Krise. Da ist es einfacher, einen Börsengang zu platzieren. Am wieder gestiegenen Nasdaq 100 Index lässt sich ablesen, dass Investoren trotz der Krise bereit sind, in Technologie zu investieren. Auch Börsengänge von Abspaltungen von Großunternehmen haben es einfacher als der Automobilsektor. Dort dürften IPOs eher schwer werden.

boerse.ARD.de: Welche Bedingungen müssen herrschen, um einen Börsengang in diesem Jahr durchzuführen?

Steinbach: Ganz wichtig ist die Frage, wie hoch die Volatilität an den Märkten ist. Das Volatilitätsniveau muss soweit abgesunken sein, dass Investoren bereit sind zu investieren. Dann spielt der Einfluss von Covid-19 eine Rolle – beeinflusst das Virus mein Unternehmen positiv oder negativ und kommen Hilfspakete der Regierungen positiv an? Die Volatilität wird auch stark von Infektionsraten in den wichtigen Absatzmärkten beeinflusst.

boerse.ARD.de: Das klingt also nicht besonders planbar. Lässt sich voraussagen, ab wann mit einer Erholung im IPO-Markt zu rechnen ist?

Steinbach: Tendenziell öffnet sich in der zweiten Jahreshälfte das Fenster für Börsengänge, weil wir dann bessere Erfahrungswerte in Bezug auf die Pandemie haben. Das bedeutet auch, dass diejenigen, die jetzt schon gut für einen Börsengang aufgestellt sind, noch vor der Sommerpause an den Markt kommen könnten – solange die Volatilität es zulässt. Aber das Fenster ist eher nach der Sommerpause.

boerse.ARD.de: Exasol hat es jetzt ja an die Frankfurter Börse geschafft. Ist das ein gutes Signal?

Steinbach: Ja, das ist ein gutes Signal für den Börsenplatz. Es zeigt, dass es auch in diesen Zeiten über virtuelle Roadshows und offene Märkte möglich ist, einen IPO zu platzieren.

Das Interview führte Marc Stephan.

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Die nächsten Börsenkandidaten IPO-Pipeline

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Siemens Energy
Der aus Siemens ausgegliederte Energietechnik-Konzern soll eigentlich in diesem Jahr an die Böse gebracht werden. Auch zuletzt zeigten sich die Verantwortlichen zuversichtlich, den Zeitplan einhalten zu können. Demnach ist der IPO für September 2020 geplant. Laut dem Magazin "Capital" regte sich aber auch schon Widerstand an dem Vorhaben.

Siemens Energy verfügt über einen Auftragsbestand von 70 Milliarden Euro. 20 Prozent der weltweiten Energieversorgung basieren laut eigenen Angaben bereits auf der Siemens-Technologie.