Wochenausblick

Anleger fahren auf Sicht Wie lange trägt das Prinzip Hoffnung?

von Robert Minde

Stand: 17.05.2020, 13:25 Uhr

Corona wird die Märkte auch in der kommenden Woche weiter fest im Griff halten. Die Hängepartie im Dax dürfte damit weitergehen. Wohin die Reise im Leitindex letztlich gehen wird, bleibt aber unklarer denn je.

Zwar hat der Dax seit dem Corona-Tief im März bisher rund ein Viertel der Verluste wieder aufgeholt, die Gewinnaussichten der Unternehmen aber nicht. Im Gegenteil, die Ausblicke der meisten Unternehmen waren zuletzt eher von Ratlosigkeit gekennzeichnet, Aufbruchstimmung jedenfalls sieht anders aus. Wie lange kann sich dieses Missverhältnis also noch fortsetzen, getragen einzig von der Hoffnung auf eine bessere zweite Jahreshälfte?

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Zugegeben, positive Zukunftshoffnungen sind ein starker Einflussfaktor, blickt die Börse doch stets nach vorne. Aber reichen einzig die jüngsten Lockerungsschritte der Politik, um die Erholung weiter anzutreiben? Die Börse scheint da im Gegensatz zur öffentlichen Meinung zurückhaltender, wie gerade die vergangene Woche gezeigt hat - in der der Dax auch nicht aus seiner jüngsten Bandbreite zwischen 10.000 und 11.000 Punkte heraus gekommen ist.

Die Krise bleibt weiter unberechenbar

Fakt ist, dass das Virus weiter extrem gefährlich unterwegs ist, auch wenn es mit drastischen Maßnahmen gut eingedämmt werden konnte. Diese fallen nun sukzessive und das könnte auch wieder zu einer Erhöhung der Fallzahlen führen. Eine Angst, die die Börse massiv umtreibt. War man womöglich zu euphorisch?

Denn ein Medikament oder eine Impfung gibt es weiterhin nicht und erste Erfahrungen der Einzelhändler zeigen, dass es so schnell wohl nicht wieder so wird wie vor der Krise. Leben mit dem Virus ist also bis auf weiteres angesagt und dabei wird viel, wenn nicht gar alles davon abhängen, ob die Menschen mitziehen oder aber zu schnell zu sorglos werden. Dann könnte der BIP-Einbruch im ersten Quartal nur ein zarter Vorgeschmack sein auf das, was realwirtschaftlich noch alles bevorsteht.

"Wenn ein halber Monat ausreicht, eine derart gute wirtschaftliche Entwicklung in den ersten beiden Monaten zu pulverisieren, dann kann man sich ohne viel Fantasie ausmalen, wie schlimm das zweite Quartal werden wird", sagte DekaBank-Experte Andreas Scheuerle. "Die blutige Nase holen wir uns noch." Die scharfen Regelungen, um Kontakte zu reduzieren und so die Ausbreitung des Erregers zu bremsen, traten bekanntlich erst in der zweiten Märzhälfte in Kraft.

Kaufen, wenn es billig ist

Soll man also vorsorglich erst einmal weiter abwarten? Dagegen spricht, dass wenn die Zahlen und Ausblicke der Unternehmen endlich besser werden, es meist zu spät ist. Alle Krisen der Vergangenheit haben dies immer wieder gezeigt. Was dann wiederum für die Gültigkeit des Prinzips Hoffnung spricht, auf das die Bullen derzeit setzen. Zudem die von der Commerzbank beobachtete Tatsache im Raum steht, dass Anlageprofis in der Krise schon stark aus dem Risiko gegangen sind.

"Professionelle Anleger wie Pensionskassen, Publikumsfonds und Versicherungen haben ihre Aktienquoten drastisch reduziert und sind stark untergewichtet", argumentierte Chris-Oliver Schickentanz dagegen, dass es nochmals eine deutlichere Korrektur geben könnte. "Dadurch liegt nun viel Geld auf der Seitenlinie, das investiert werden muss." Seine Bank hat deshalb die jüngst erst reduzierten Aktienquoten wieder etwas erhöht.

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Themen wie der amerikanisch-chinesische-Dauer-Handelsstreit oder die Krise der Ölindustrie bleiben dabei das Begleitszenario, mit dem sich die Börse aber unzweifelhaft besser auskennt als mit unbekannten Viren. Gerade in Amerika können die zuletzt historisch schwachen Konjunkturzahlen wohl kaum noch schwächer werden, ein weiteres Argument für die Bullen. Der Devisenmarkt ist denn auch zuletzt recht gelassen mit den Zahlen umgegangen und anders als der Aktienmarkt derzeit sehr viel schwankungsärmer. Derzeit deutet nichts darauf hin, dass sich dies ändern wird.

Hauptversammlungen im Fokus

Die Berichtssaison der Unternehmen läuft bis auf einige Nachzüglerberichte aus. Dafür finden in der kommenden Woche einige Hauptversammlungen statt, auf die die Anleger mit Spannung blicken. So aus dem Dax die Aktionärstreffen der Deutschen Bank, des Marktbetreibers Deutsche Börse oder des Softwareriesen SAP. Hinzu kommen einige Hauptversammlungen aus der zweiten Reihe.

Unter den Unternehmen aus dem Ausland legen der US-Tech-Riese Nvidia am Donnerstag sowie der chinesische Amazon-Konkurrent Alibaba am Freitag Geschäftszahlen vor. Am Feiertag "Christ Himmelfahrt" am Donnerstag ist die heimische Börse übrigens geöffnet.

Unter den Konjunkturdaten werden in Deutschland die ZEW-Konjunkturerwartungen für Mai am Dienstag erwartet und in den USA am Donnerstag die Markit-PMI-Daten für das Verarbeitende Gewerbe und die Dienstleistungen, ebenfalls für den Mai. Gleiches dann für Europa am Freitag. Am Mittwoch veröffentlicht die US-Notenbank Fed ab 20:00 Uhr MEZ noch ihr Sitzungsprotokoll vom 29.4., die sogenannten "Minutes".