Hingucker der Woche

Verkürzte Woche Wie lange hat die Hausse noch Puste?

von Robert Minde

Stand: 01.06.2020, 13:08 Uhr

Zahlen lügen bekanntlich nicht. Seit dem Corona-Tief im März ist es rund 38 Prozent bergauf gegangen mit dem Dax. Eine gewaltige Hausse, die wieder viel Gutes erwarten lässt. Aber kann das ewig so gehen? Zweifel sind erlaubt.

Angesichts der Tatsache, dass der Dax aktuell Kurs auf die Marke von 12.000 Punkten nimmt, war mit kritischen Kommentaren bisher nicht viel Staat zu machen. Selbst die alte Börsenweisheit "Sell in May and go away" war 2020 ein definitiv ein schlechter Ratgeber.

Im Gegenteil, die Bullen hatten eindeutig das bessere Ende für sich im Wonnemonat. Genauer gesagt über 700 Punkte oder rund 6,6 Prozent. Eine solche Rally hat der Markt laut der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) seit der Jahrtausendwende nicht mehr gesehen.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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"Die Anleger reagierten zuletzt geradezu euphorisch auf den weltweit immer stärkeren Rückbau der ursprünglichen Beschränkungen", konstatiert LBBW-Experte Uwe Streich. Um danach allerdings Wasser in den Wein zu gießen. "Schließlich droht jederzeit ein Wiederaufflammen der Corona-Ansteckungszahlen", gibt der Experte zu bedenken. Das könnte dann auch dem Euro wieder schaden, der zuletzt davon profitiert hat, dass der Dollar seinen Status als "sicherer Hafen" etwas eingebüßt hat.

Anleger zu sorglos?

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Denn ein Medikament oder gar ein Impfstoff gegen das Virus ist weiter nicht in Sicht, auch wenn die Forschungen (und die Gewinnung immer neuer Erkenntnisse durch die Wissenschaft) auf vollen Touren laufen. Kaum eine Woche, in der nicht eine andere Biotech-Aktie in die Schlagzeilen gerät mit Meldungen über medizinische Fortschritte. Es wäre der ultimative Befreiungsschlag, der die Kursgewinne auf eine stabilere Basis hieven würde - und auf die die Börse auch in der neuen, verkürzten Woche, sehnsüchtig wartet.

So lange dem aber nicht so ist, bleibt latent das Risiko, dass die Anleger zu sorglos, sprich primär nach dem Prinzip Hoffnung, agieren. Dies freilich mit dem Rückenwind der mittlerweile jenseits aller Schamgrenzen liegenden Billionensummen, die Notenbanken und Regierungen in die Wirtschaft pumpen, um den Totalabsturz zumindest abzufedern.

Wie entschlossen ist die EZB?

Christine Lagarde

Christine Lagarde. | Bildquelle: picture alliance/Mikhail Metzel/TASS/dpa

Summen, die dann zwar zukünftige Generationen belasten werden, den Börsen aber zunächst kräftig auf die Beine helfen. Ein wichtiges Argument für die Bullen, den Geld ist nun mal der Schmierstoff der Märkte und die Entschlossenheit der Regierungen und Notenbanken bei der Verteilung (geliehener) öffentlicher Mittel scheint noch lange nicht am Ende zu sein. Neues hierzu wird unter anderem von der EZB-Sitzung am Donnerstag erwartet. Kann Frau Lagarde dieses mal die Märkte mitreißen, nachdem ihr dies zuletzt nicht gelungen war?

Was macht Trump?

Donald Trump

Donald Trump. | Bildquelle: picture alliance / UPI Photo

Jenseits des altbekannten Spannungsfelds der Corona-Krise zwischen Hoffnung und Realität geriet zuletzt der Dauerstreit zwischen den USA und China wieder in den Fokus der Investoren. Dessen Fortsetzung ist nach der jüngsten Eskalation um die Freiheit von Hongkong auch weiter zu erwarten. Zumal der unberechenbare Präsident Trump mit seinen Fähigkeiten zum Krisenmanagement im Wahljahr immer offensichtlicher an Grenzen stößt. Und dünnhäutiger wird, wie der eines Staatsmannes unwürdige Kleinkrieg mit dem sozialen Netzwerk Twitter deutlich gezeigt hat.

In jedem Fall hat der Konflikt das Potenzial, die Börsen erheblich zu belasten. Zumal die Berichtssaison ausgelaufen ist und sich die Nachrichtenlage damit verändert - und Trump auch noch zunehmend innenpolitisch unter Druck gerät. Was gibt es da für einen Politiker Besseres, als einen Gegner im Ausland? Im Falle Hongkongs will Trump dem Stadtstaat wirtschaftliche Privilegien im Verhältnis zu den USA entziehen, wie er am Freitag noch bekannt gab. Allerdings zeigten sich die Märkte bisher gelassen.

Wird das die Woche der Deutsche Wohnen?

Unter den Einzelaktien dürfte das Papier der Deutsche Wohnen aus dem MDax hierzulande für Interesse sorgen. Denn die Aktie gilt als heißester Kandidat für einen Aufstieg in den Dax per "Fast Exit"-Regel und könnte das Papier von Dax-Gründungsmitglied Lufthansa ersetzen, deren Börsenwert im Zuge der Krise abgeschmolzen ist und die vom Staat aufgefangen werden muss. Ein sehr plastisches Beispiel, was einer an sich kerngesunden Firma innerhalb kürzester Zeit passieren kann/konnte und das die ganze Dramatik der derzeitigen Lage illustriert. Auch Adidas lässt grüßen. Am Donnerstag wird die Deutsche Börse turnusgemäß ihre Aktienindizes überprüfen.

Dass Deutsche Wohnen am Freitag noch ihre (virtuelle) Hauptversammlung abhält und zuletzt mal wieder Interesse von Seiten des Erzrivalen Vonovia über die Ticker kam, rundet das Interesse ab. Ansonsten ist der Terminkalender aus dem Unternehmenssektor kommende Woche überschaubar. Dax-Mitglied HeidelbergCement hält ebenfalls eine HV ab und das Drama um die Zukunft von Rhön-Klinikum geht mit einer a.o. HV am Mittwoch weiter.

US-Pay-Rolls am Freitag

Unter den Konjunkturdaten werden am Donnerstag in den USA die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe und dann am Freitag die offiziellen Arbeitsmarktdaten für den Mai erwartet. Zuvor gibt es am Mittwoch die Daten des privaten Arbeitsvermittlers ADP. Die Märkte werden genau registrieren, wie sich die Lage am US-Arbeitsmarkt entwickelt, denn kein Land ist weltweit so auf den Konsum angewiesen wie die Großmacht USA.

Auch aus Deutschland kommen Mai-Daten vom Arbeitsmarkt, aber am Donnerstag auch Auftragseingänge aus der Industrie für den Corona-Monat April. Zudem wird die halbjährige Konjunkturprognose der Bundesbank erwartet. Auftragseingänge der Industrie und für langlebige Güter aus den USA gibt es dann noch am Mittwoch, ebenso wie der PMI für die Dienstleistungen aus China im Mai.