Bayer-Chef Werner Baumann
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Mit dem Unkraut- zum Kapitalvernichter Wie kommt Bayer aus dem Monsanto-Schlamassel?

von Notker Blechner

Stand: 26.04.2019, 08:28 Uhr

Auf der heutigen Hauptversammlung von Bayer wird sich die ganze Wut der Aktionäre über das Monsanto-Desaster entladen. Bayer-Chef Werner Baumann muss um seine Entlastung bangen. Verschluckt sich der Aspirin-Konzern an Glyphosat?

Als Bayer im Juni 2018 endlich nach einem langwierigen Genehmigungsmarathon den US-Saatgutriesen Monsanto für 62,5 Milliarden übernehmen durfte, jubelte das Management über den historischen Coup. Inzwischen ist die Freude der Ernüchterung gewichen. Zwei wegweisende Urteile in den USA bei den Glyphosat-Prozessen haben für Unruhe in der Leverkusener Konzernzentrale gesorgt.

Zwei millionenschwere Urteile gegen Bayer

Ein Landwirt bringt das Pflanzenschutzmittel Glyphosat auf einem Feld aus

Glyphosat. | Bildquelle: picture alliance / SvenSimon

Erst sprach ein Gericht in San Francisco einem Hausmeister Schadensersatz von 289 Millionen Dollar zu, der dann auf 78 Millionen gekürzt wurde. Die Geschworenen waren der Ansicht, dass das Monsanto-Mittel Roundup, mit dem er auf dem Schulhof Unkraut bekämpft hatte, verantwortlich für seine Lymphdrüsenkrebs-Erkrankung sei. Wenige Monate später folgte der nächste Schlag für Bayer: Kalifornische Richter gaben einem Bauer recht, der jahrelang mit Glyphosat seine Felder besprüht hatte, und gewährten ihm eine Entschädigung von 80 Millionen Dollar.

Der Bayer-Vorstand reagierte gelassen. "Das Leben ist immer lebensgefährlich", sagt Bayer-Chef Baumann. Glyphosat sei nicht gefährlicher als rotes Fleisch, Mate-Tee oder der Friseur-Beruf. Baumann verweist auf die internationale Krebsagentur IARC, die den Wirkstoff lediglich als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft hat. Mehr als 800 Studien belegten, dass Glyphosat bei sachgerechter Anwendung nicht gesundheitsgefährdend sei, betonen die Leverkusener Konzern. Die Anwälte der Glyphosat-Kläger halten mit gegenteiligen Studien dagegen. Prominente Unterstützung kommt von Robert Kennedy jr., Anwalt und Neffe des Ex-US-Präsidenten.

"Größte Wertvernichtung der Dax-Geschichte"

Bayer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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59,52
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Seit dem ersten Schadensersatz-Urteil hat Bayer 30 Milliarden Euro an der Börse verloren. Der Kurs hat fast 40 Prozent an Wert eingebüßt. Corporate-Governance-Experte Christian Strenger von der DWS sprach von der "größten und schnellsten Wertvernichtung in der Dax-Geschichte". Zahlreiche Aktionärsvertreter und Fondsmanager haben angekündigt, deshalb Bayer-Chef Baumann das Vertrauen zu entziehen.

So will die Deka, zehntgrößter Aktionär, gegen die Entlastung von Vorstand wie Aufsichtsrat stimmen. "Wir verstehen dies als ein Warnsignal", sagt Fondsmanager Ingo Speich. Auch der Vermögensverwalter Blackrock, der als größter Anteilseigner insgesamt mehr als sechs Prozent an Bayer hält, will den Vorstand wohl nicht entlasten. Hinzu kommen mit Institutional Shareholder Services (ISS) und Glass Lewis gleich zwei einflussreiche Stimmrechtsberater, die dem Bayer-Vorstand die Entlastung verweigern.

Baumann droht herbe Schlappe auf der HV

Es könnte also eng werden am Freitagnachmittag: Sollte Baumann keine Mehrheit bekommen, wäre er der erste Chef eines Dax-Konzerns, der keine Entlastung bekommt. Zwar ist ein solches Votum nicht bindend, aber das Signal wäre verheerend für den obersten Bayer-Lenker, der die Monsanto-Übernahme als sein Lebenswerk sieht.

Die zehn größten Bayer-Aktionäre

Die zehn größten Bayer-Aktionäre. | Bildquelle: Glass Lewis, Grafik: boerse.ARD.de

"Mister Glyphosat" muss auf der Hauptversammlung den Aktionären nun endlich erklären, wie Bayer die lähmenden Rechtsstreitigkeiten von Monsanto aus dem Weg schaffen will und wohin der Leverkusener Traditionskonzern in Zukunft steuert. Baumann soll die Frage beantworten, ob der Unkrautvernichter zum Kapitalvernichter oder zum Zaubertrank für Bayer wird.

Von Lipobay bis Xarelto

Bayer-Logo mit Paragarphen-Zeichen davor

Bayer. | Bildquelle: picture alliance / dpa, Montage: boerse.ARD.de

Ärger ist der Konzern gewohnt. Beim Gerinnungshemmer Xarelto und dem Verhütungsmittel Yasmin müssen sich die Leverkusener mit zahlreichen Prozessen wegen angeblicher Nebenwirkungen herumplagen. Besonders schmerzlich waren die Erfahrungen mit Lipobay. 2001 musste Bayer den umstrittenen Cholesterinsenker vom Markt nehmen und nach einem langwierigen Rechtsstreit 1,2 Milliarden Dollar an Patienten zahlen, die Muskellähmungen und andere Nebenwirkungen erlitten hatten. Die Aktie sackte auf bis zehn Euro ab.

Fünf bis 30 Milliarden Schadensersatz?

Diesmal könnte es deutlich teurer werden. Schätzungen reichen von fünf bis 30 Milliarden Euro, die auf Bayer an Schadensersatzforderungen zukommen könnten. Der in US-Prozessen erfahrene Recherchedienst Bloomberg Intelligence geht von fünf Milliarden Euro als Belastung aus. Wenn es mehr würden - vielleicht zehn Milliarden Euro, müsste man den Sinn des Deals anzweifeln, meint Union-Investment-Fondsmanager Markus Manns. Bei einem Kurs von um die 60 Euro seien aktuell 20 bis 25 Milliarden Euro an Schadensersatzzahlungen eingepreist, meint er. Noch hat Bayer aber nur ein paar hundert Millionen Euro als Rückstellungen gebildet.

Schuldenberg von 36 Milliarden Euro

Das Problem: Schon jetzt ist der Konzern wegen der Monsanto-Übernahme mit knapp 36 Milliarden Euro verschuldet. Das ist eine schwere Last und auch ein Problem für das Rating. Nach dem Monsanto-Deal hat Standard & Poor's die Kreditwürdigkeit von Bayer von "A-" auf "BBB" herabgestuft.

Monsanto

Monsanto. | Bildquelle: picture alliance / Daniel Dreifuss/dpa

Dabei entwickelt sich Monsanto zunehmend zum Wachstumstreiber. Im ersten Quartal trug der Saatgutriese wesentlich zum Ergebnissprung im Agrargeschäft bei. Glyphosat verkauft sich momentan vor allem in China sehr gut. Von dem Zusammenschluss mit Monsanto erwartet Bayer bis 2022 Synergien von 870 Millionen Euro.

Tiermedizin und Fußpflege sollen abgestoßen werden

Um Bayer schlagkräftiger und profitabler zu machen, will Baumann noch in diesem Jahr das Tiermedizin-Geschäft und die Anteile am Leverkusener Chemiepark-Betreiber Currenta verkaufen. Das könnte laut Analystenschätzungen rund acht Milliarden Euro einbringen. Ebenso stehen die Bereiche Sonnenschutz und Fußpflege zum Verkauf.

Bis 2022 will Bayer-Chef Baumann mit dem tiefgreifenden Konzernumbau freie Mittel in Höhe von 23 Milliarden Euro generieren. Ein Teil davon könnte reichen, um etwaige Vergleiche mit den Glyphosat-Klägern zu finanzieren.

Wird Bayer aufgespalten?

Sollte sich der Kurs von Bayer bis zum nächsten Jahr jedoch nicht erholen und das Unternehmen finanziell weiter geschwächt dastehen, könnten es aktivistische Investoren zur Aufspaltung drängen. Dann würde Bayer in Pharma und Agrar aufgeteilt werden. Möglicherweise könnte dann eine der Bayer-Sparten zum Übernahmeobjekt werden. Bisher freilich stemmt sich noch "Mister Glyphosat", Werner Baumann, vehement gegen solche Aufspaltungsdiskussionen. Die Marke Bayer sei eine stark verbindende Klammer, beteuert er. Wie lange noch?