DeutscheBank-CEO Christian Sewing und Aufsichtsrat Paul Achleitner auf der HV 2019
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Hauptversammlung der Deutschen Bank Wie gut sind die Banken für die Krise gerüstet?

von Lothar Gries

Stand: 20.05.2020, 20:20 Uhr

Deutschland steckt in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten, doch Deutsche Bank-Chef Christian Sewing verbreitet unverdrossen Zuversicht, hält das Geldhaus für einen Teil der Lösung. Doch wie gut sind die Banken wirklich gerüstet für die Rezession?

Glaubt man ihrem Vorstandsvorsitzenden Christian Sewing, ist die Deutsche Bank heute so stark wie seit Jahren nicht mehr. In seiner bereits vorab veröffentlichten Rede vor der virtuellen Hauptversammlung am heutigen Mittwoch wagte er sich sogar zu der Aussage, die Bank sei in dieser Krise "Teil der Lösung". In der Finanzkrise 2007/2008 waren die Banken noch Teil des Problems, hatten sie doch das Unheil mitverursacht.

Nun will das Geldhaus die Rezession nutzen, um den Unternehmen zu helfen und gleichzeitig Neugeschäft zu akquirieren. Ein Drittel der Anfragen zum Umgang mit der Corona-Krise komme von Unternehmen, die bisher keine Kunden der Bank waren, erklärte Sewing in seiner Rede. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, werden erst die kommenden Monate zeigen, ob sich die Bank über den Kundenstrom freuen oder ärgern muss.

Erst ab 2022 wieder Dividende

Die Anleger werden allerdings auch für dieses Jahr auf eine Ausschüttung verzichten müssen. "Wir gehen davon aus, dass wir für das Jahr 2020 ebenfalls keine Dividende ausschütten werden", bekräftigte Finanzvorstand James von Moltke. "Wir streben an, ab dem Jahr 2022 Kapital für die Ausschüttung freizusetzen und eine wettbewerbsfähige Dividendenquote zu erreichen." Für die Jahre 2017 und 2018 hatten die Anteilseigner des Dax-Konzerns eine Mini-Dividende von 11 Cent je Papier erhalten.

Derweil hat die Deutsche Bank einmal mehr eine Sonderprüfung der Finanzaufsicht BaFin am Hals. Die Behörde nimmt unter die Lupe, ob die Bank die Vorgaben für die gute Unternehmensführung (Compliance) einhält, wie Aufsichtsratschef Paul Achleitner am Mittwoch auf dem Aktionärstreffen ebenfalls erklärte.

Vorstand und Aufsichtsrat entlastet

Nachdem die Anleger im vergangenen Jahr vor allem Aufsichtsratschef Paul Achleitner einen Dämpfer versetzten, entlasteten sie ihn bei der diesjährigen Hauptversammlung mit 92,99 Prozent der abgegebenen Stimmen. Das teilte der 63-Jährige selbst als Leiter des Treffens am Mittwochabend mit. 2019 wurde er nur mit 72 Prozent entlastet.

Deutsche Bank-Chef Christian Sewing

Deutsche Bank-Chef Christian Sewing. | Bildquelle: picture alliance / Sven Simon / dpa

Bankchef Christian Sewing wurde mit 98,86 Prozent entlastet - auch das ist deutlich mehr als im vergangenen Jahr. Die Aktionäre wählten zudem drei neue Aufsichtsräte in das Gremium: Den SPD-Politiker und Ex-Vize-Kanzler Sigmar Gabriel, die Juristin Dagmar Valcarcel sowie Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer. Der 60-Jährige gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Achleitner im Mai 2022.

Auf harten Verlauf einstellen

Noch ist völlig unklar, wie tief die Wirtschaft einbrechen wird und wie viele Unternehmen dadurch in die Pleite rutschen - und ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können. Paul Achleitner, der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, machte in seiner ebenfalls vorab veröffentlichten Rede deutlich, dass sich das Institut auf einen harten Verlauf der durch die Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise einstellen muss.

"Weitgehend verschwunden ist die Hoffnung, dass auf einen scharfen volkswirtschaftlichen Einbruch eine schnelle Erholung auf das Vorkrisenniveau folgt", warnte Achleitner. "Die Coronakrise wird nicht nur länger andauern als zunächst erwartet – sie wird auch dauerhafte Konsequenzen haben." Sewings Optimismus ist deshalb alles andere als selbstverständlich.

Skeptische Ratingagenturen

Er wirft die Frage auf, ob sich die Banken ihre neue Rolle als Helfer in der Not überhaupt leisten können, denn sowohl die Deutsche Bank als auch die Commerzbank leiden seit Jahren unter niedrigen Renditen bei hohen Kosten und sinkenden Einnahmen. So hat etwa die Deutsche Bank in den letzten fünf Jahren stets Verluste gemacht. Und die Commerzbank ist seit vielen Jahren das Sorgenkind der gesamten Finanzbranche.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
6,90
Differenz relativ
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Wie skeptisch die Fachwelt auf die hiesigen Banken blickt, zeigt die Einschätzung der großen Ratingagenturen. So benotet S&P sowohl die Deutsche Bank als auch die Commerzbank mit "BBB+" nur drei Stufen über Ramschniveau. Doch es gibt auch Pluspunkte. So haben die Banken die letzten Jahre genutzt, um ihr Eigenkapital kräftig aufzustocken. Die Deutsche Bank etwa verfügt über eine Kernkapitalquote von 12,5 Prozent - zwei Prozentpunkte mehr als von den Aufsehern gefordert. Bei der Commerzbank lag die Kernkapitalquote Ende März sogar bei 13,2 Prozent.

Verbesserte Bonität der Kunden

Hinzu kommt, dass sich die Bonität der Kunden in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, die Wahrscheinlichkeit von Kreditausfällen also gesunken ist. "Unser Kreditbuch ist risikoarm und gut diversifiziert", versicherte Sewing auf der Hauptversammlung. Und weiter: "Die Hälfte unserer Darlehen haben wir in Deutschland vergeben, und rund 60 Prozent davon sind gut besicherte private Baufinanzierungen." Die Qualität des Kreditbuchs hat sich also deutlich verbessert.

Ähnlich zuversichtlich äußerte sich vergangene Woche auch die Führungsspitze der Commerzbank. "Dank der sehr weitreichenden Maßnahmen der Bundesregierung rechnen wir damit, dass deutsche Unternehmen, die einen Großteil unseres Geschäfts ausmachen, vergleichsweise gut durch die Krise kommen werden", prognostizierte Finanzchefin Bettina Orlopp. "Wir haben ein gesundes Kreditbuch und der Anteil gefährdeter Kredite liegt seit Jahren unter dem deutschen und europäischen Durchschnitt."

Wie hoch steigt die Riskovorsorge?

Und dennoch: Die größte Gefahr für die heimischen Institute geht vom Ausmaß und der Dauer der Krise aus. Das wirft die Frage auf, wie hart die Krise die Kunden der Banken trifft und sich damit auf das Kreditgeschäft durchschlagen wird.

Eine halbe Milliarde Euro für faule Kredite hat die Deutsche Bank im ersten Quartal zurückgelegt - fast soviel wie im gesamten Jahr 2019. Aber das dürfte erst der Anfang sein, denn im laufenden zweiten Quartal dürfte der Einbruch der Wirtschaft viel drastischer ausgefallen sein als in den ersten drei Monaten des Jahres. Folglich wird die Bank ihre Vorsorge weiter aufstocken müssen.

Insgesamt hofft die Deutsche Bank mit weniger Rückstellungen als während der Finanzkrise auszukommen, aber 35 bis 40 Basispunkte des gesamten Kreditvolumens werden es wohl sein, so Sewing. Im Jahr 2009 musste sie 2,6 Milliarden Euro für faule Kredite zurücklegen. Die Commerzbank erwartet für das Gesamtjahr 2020 eine Risikovorsorge von 1,0 Milliarden bis 1,4 Milliarden Euro, nach 620 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Staatseinstieg nicht auf der Agenda

Analysten gehen deshalb davon aus, dass die Bank in diesem Jahr einen Vorsteuerverlust von einer Milliarde Euro ausweisen muss. Der Nettoverlust dürfte den Schätzungen zufolge sogar bei mehr als zwei Milliarden Euro liegen. Dass die Bank wie geplant ab 2022 fünf Milliarden Euro an Kapital an die Aktionäre zurückgeben kann, halten die meisten Experten deshalb für unwahrscheinlich.

Alexandra Annecke, Union Invest

Alexandra Annecke. | Bildquelle: Union Invest

"Nach heutigem Stand gehe ich davon aus, dass die Deutsche Bank die Rezession überstehen wird, ohne Schlagseite zu erleiden", sagte Alexandra Annecke von der Fondsgesellschaft Union Invest dem "Handelsblatt". Allerdings gebe es immer auch "ein bisschen Zweifel", ob sich die Bank mehr Risikovorsorge leisten könne. Diese Zweifel würden erst verschwinden, wenn die Krise nachlasse und die Rückstellungen sinken. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass dies bereits in der zweiten Jahreshälfte der Fall sein wird.

Eine neue Bankenkrise ist also erstmal nicht zu befürchten. Auch Sewing hat eine eventuelle Rettungsaktion durch den Bund ausgeschlossen. Die Frage nach einem Staatseinstieg stelle sich nicht, versicherte er auf der Hauptversammlung.

Weitere Einsparungen geplant, Aktie legt zu

Kunden und Mitarbeiter der Banken müssen trotzdem mit weiteren Einschnitten rechnen. So wird das Filialnetz weiter ausgedünnt. Bei der Commerzbank könnte die Hälfte der derzeit noch 1.000 Standorte wegfallen, was mehrere Tausend Stellen kosten könnte. Die Bank will spätestens zur Vorlage der Zahlen zum zweiten Quartal Anfang August Details zu den Sparplänen nennen. Auch bei der Deutschen Bank geht der Stellenabbau weiter. Bis Ende 2022 soll die Zahl der Vollzeitstellen um etwa 18.000 auf weltweit 74.000 sinken.

An der Börse gehörte das DBK-Papier heute zu den Favoriten der Anleger. Es stieg im Xetra-Handel um 4,08 Prozent auf 6,85 Euro.