Campus Westend der Frankfurter Goethe-Uni

Reich werden durch Nichtstun Wie eine Bankierswitwe zu Reichtum kam

Stand: 19.12.2019, 11:02 Uhr

Dass langfristige Anlagen eine lohnenswerte Vorgehensweise sind, zeigt das Beispiel der Witwe Gertrud Kassel. In Zukunft könnte sich diese Buy & Hold-Strategie aber als weniger lukrativ erweisen.

Alfons Kassel galt als einer letzten Vertreter sogenannter Einzelbankiers, also der alleinige Inhaber eines Kreditinstituts. Im Alter von 30 Jahren hatte sich der gelernte Bankkaufmann 1932 in Berlin selbstständig gemacht und investierte sein Geld überwiegend in Aktien.

Ob er sein Vermögen durch die Wirren von Nazizeit und Krieg retten konnte oder gar vermehrt hat, ist nicht bekannt. Über diese Zeit wollte Kassel nicht sprechen. Fakt ist nur, dass er als er 1975 starb, seiner Witwe ein Vermögen von vier Millionen Mark hinterließ, angelegt in Aktien, wie die Goethe-Universität Frankfurt berichtet.

Den Ratschlägen widerstanden

Gertrud Kassel bewahrte das Depot ihres Mannes auf, veränderte die Zusammensetzung des Portfolios nie. Dabei entnahm sie regelmäßig die Dividende für ihren Lebensunterhalt, reinvestierte die Ausschüttungen also nicht. 1985 war der Wert des Portfolio bereits auf fast zehn Millionen Mark gewachsen.

Alfons Kassel

Alfons Kassel. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Natürlich mangelte es ihr nicht an Ratschlägen von Freunden, Bankern und Finanzberatern, die Zusammensetzung des Portfolios zu verändern, bestimme Aktien abzustoßen und andere dafür hinzuzunehmen. Doch Witwe Kassel, eine gelernte Textilhändlerin, die viele Jahre als Assistentin ihres Mannes arbeitete, bevor beide 1960 heirateten, traute den Empfehlungen nicht und rührte ihr Portfolio nicht an.

Breit streuen

Das Anlageverhalten von Gertrud Kassel nennt man Buy & Hold. Dabei kaufen Anleger ein breit diversifiziertes Portfolio von Einzeltiteln oder Indexfonds und halten daran über Jahrzehnte hinweg und Rezessionen hindurch fest. Mit Erfolg, wie das Beispiel von Kassel zeigt: Als sie 2007 starb war der Wert ihres Portfolios auf 33 Millionen Euro angewachsen. Damit hatte sie über die Jahre eine durchschnittliche Rendite von zehn Prozent pro Jahr erzielt.

Die Anhänger der Buy & Hold-Strategie gehen davon aus, dass man die Kurse von Anlagen nicht vorhersagen kann, erklärt Thorsten Hens, Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich. Sie glauben, dass alle Neuigkeiten in den Kursen schon eingepreist sind bevor ein Privatanleger überhaupt reagieren kann. Voraussetzung sei allerdings, die Anlagen möglichst breit zu streuen, also Klumpenrisiken zu vermeiden und natürlich keine Kosten durch An- und Verkäufe zu generieren.

Wissenschaftliche Studien

Als der berühmteste Vertreter des Buy & Hold gilt der Amerikaner Jack Bogle, Gründer der Fondsgesellschaft Vanguard. Die verwaltet derzeit rund fünf Billionen Dollar. Der Erfolg des Unternehmens beruht auf dem Verkauf von Indexfonds (ETFs), die günstiger angeboten werden als aktiv gemanagte Fonds.

Tatsächlich belegen wissenschaftliche Untersuchungen, dass Buy & Hold für Anleger geeignet ist, die wenig Zeit für ihre Geldanlage aufwenden wollen, niemandem ihr Geld anvertrauen möchten und mit einer durchschnittlichen Rendite zufrieden sind.

Buy & Hold in Gefahr?

Fraglich ist jedoch, ob die Buy & Hold-Strategie von Einzelaktien auch in Zeiten von Digitalisierung und einer sich immer schneller drehenden Welt noch funktionieren kann. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass die Lebenserwartung von Unternehmen im S&P 500 Index (darin sind die 500 größten Unternehmen der USA enthalten) in der kommenden Dekade weiter drastisch sinken wird.

Während sie im Jahr 1964 noch 33 Jahre betrug, ist sie bis 2016 - also innerhalb von über 50 Jahren -  auf 24 Jahre zurück gegangen. Und innerhalb von zehn Jahren, bis 2027, soll sie sich weiter auf nur noch zwölf Jahre halbieren. 

Für die Frankfurter Universität hat sich die Buy & Hold-Strategie von Gertrud Kassel jedenfalls gelohnt. Sie vererbte ihr gesamtes Vermögen einer Stiftung zu Gunsten der Uni.

lg