Streetscooter

Die Erfolgsgeschichte mit dem Streetscooter Wie die Post Daimler & Co vorführt

von Notker Blechner

Stand: 06.06.2018, 11:17 Uhr

In Sachen Elektromobilität zeigt die Post, wie es geht. Weil die Autobauer kein entsprechendes Modell liefern konnten, entwickelte der Logistik-Konzern seinen eigenen Elektrotransporter. Der Streetscooter mausert sich immer mehr zum Verkaufsschlager.

Immer mehr Handwerker, Bäcker und städtische Entsorger setzen auf den gelben E-Flitzer - aus Angst vor Diesel-Fahrverboten. Tausende Streetscooter rollen inzwischen durch deutsche Innenstädte. Mit 3.863 Neuzulassungen war der Stromer 2017 der meist verkaufte E-Lkw in Deutschland.

Seit die Post den Streetscooter auch an Dritte vertreibt, wird die Fangemeinde immer größer. Selbst Privatpersonen sollen sich schon beim gelben Logistik-Konzern gemeldet haben. "Der Drittmarkt ist dramatisch größer als unser eigener Bedarf", schwärmt der zuständige Post-Vorstand Jürgen Gerdes.

Zweites Werk in Düren

Die Nachfrage ist so groß, dass die Post nun in Düren ein zweites Produktionswerk für den Streetscooter eröffnet hat. Bisher wurden nur in Aachen die gelben E-Flitzer hergestellt. Bis zu 20.000 der Fahrzeuge sollen bald jährlich vom Band rollen.

Ein Teil davon braucht die Post selbst. Sie will laut Manager Gerdes jedes Jahr 5.000 E-Transporter in Betrieb nehmen. Der Bonner Logistik-Konzern beabsichtigt, seine deutsche Flotte komplett umzustellen. "Unser Ziel ist, Marktführer in der grünen Logistik zu sein", erklärt Post-Vorstand Gerdes.

Deutsche Post-Elektrofahrzeug Streetscooter

Deutsche Post Streetscooter. | Bildquelle: Imago

"Beweis für alltagstaugliche Elektromobilität"

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Derzeit setzt die Post rund 6.000 Streetscooter bei der Brief- und Paketzustellung. Das sind rund zwölf Prozent aller 50.000 Post-Fahrzeuge, die durch deutsche Straßen rollen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet bezeichnet den Streetscooter als "fahrenden Beweis, dass Elektromobilität in einigen Bereichen bereits voll alltagstauglich ist".

Medien wie das "Handelsblatt" bewerten den Elektrolieferwagen gar als größte Erfindung der Post seit dem Briefkasten. "Mich wundert, dass alle so überrascht sind", sagt Post-Manager Gerdes. "Wir sind doch seit 1490 innovativ."

Aus der Not eine Tugend gemacht

Dabei wurde das Auto aus der Not geboren. Ursprünglich suchte die Post bei den Autobauern nach einem passenden Kleintransporter, der die Schadstoffbelastung in den Innenstädten reduziert. Doch die Hersteller hatten nichts im Angebot. So wurde der Logistik-Konzern selbst zum Autobauer und übernahm 2014 das an der RWTH Aachen ausgegründete Start-up Streetscooter, um gemeinsam ein alltagstaugliches elektrisches Zustellfahrzeug zu entwickeln.

Seit ein paar Jahren stromern die bis zu 85 Kilometer schnellen E-Transporter nun durch die Gegend. Die Reichweite der Batterie beträgt bis zu 80 Kilometer. Die Preise liegen bei 30.000 bis 45.000 Euro.

Blamage für die deutschen Autokonzerne

Experten wie Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen, finden es beschämend, dass sich die deutschen Autohersteller von einem Neuling vorführen lassen. "Es kann doch nicht sein, dass ein Transportdienstleister den großen Autobauern zeigt, wie man Elektromobilität in die Städte bringt.".

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Daimler soll sich laut einem Bericht des "Spiegel" im vergangenen Jahr den E-Flitzer der Post heimlich besorgt haben, um ihn auf ihrem Firmengelände zu prüfen. Das Manöver flog auf. Die Post ortete angeblich das Fahrzeug über einen GPS-Sender und verlangte es von Daimler zurück. Für den schwäbischen Autobauer war dies eine Blamage.

Geht Streetscooter bald an die Börse?

Trotz des wachsenden Erfolgs will die Post auf Dauer nicht zum Autohersteller werden, betont Vorstand Gerdes. Die Autoproduktion gehöre nicht zum Kerngeschäft. "Wir sind und bleiben Logistiker." Denkbar sei ein Börsengang der Elektrotransporter-Tochter.

Noch besetzt der Streetscooter eine erfolgreiche Nische. Doch schon bald könnte die Konkurrenz zunehmen. Ausgerechnet Daimler bläst zum Gegenangriff mit dem Kleintransporter E-Vito. Er soll in diesem Jahr auf den Markt kommen. Auch Tesla bastelt an einem E-Lkw.

Paketboten klagen angeblich über Probleme

Post-Manager Gerdes sieht das gelassen. "Im Moment haben wir einen Wettbewerbsvorsprung." Da passen Gerüchte über Probleme des Elektrotransporters im Alltagsbetrieb nicht ins heile Bild. Laut einem Bericht der "Welt" klagen manche Paketboten über die zu geringe Reichweite des Streetscooter. Einige Fahrzeuge würden mitten in der Pampa liegen bleiben. Zudem würde gerade im Winter die Batterie häufig streiken. Die Post dementiert solche Probleme. "Wir haben kein Winterproblem mit dem Streetscooter", heißt es. Und Post-Vorstand Gerdes beteuert immer wieder: "Das Auto funktioniert."

Eine Alternative könnte ein Lieferwagen mit Brennstoffzellenantrieb sein. Die Post testet in Zusammenarbeit mit Ingenieuren der Hochschule Aachen einen Streetscooter mit einem solchen Antrieb. Er käme auf eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern. 2018 will der Konzern 500 Brennstoffzellen-Transporter bauen und in den Probebetrieb nehmen. Klappt der Versuch, könnte ein neues Kapitel in der Erfolgsgeschichte des Streetscooter aufgeschlagen werden.