50. Weltwirtschaftsforum in Davos 2020

Weltwirtschaftsforum in Davos Weckruf für mehr Klimaschutz in der Wirtschaft

von Notker Blechner

Stand: 21.01.2020, 09:10 Uhr

Heute beginnt das Weltwirtschaftsforum in Davos. Beim 50. Gipfeltreffen der Wirtschafts- und Politik-Elite steht mehr denn je der Klimaschutz im Vordergrund. Aber auch die weltweiten Konjunkturaussichten dürften für Diskussionsstoff sorgen.

Noch nie war das World Economic Forum in Davos, kurz WEF, so grün wie in diesem Jahr. Auf der Agenda des fünftägigen Gipfeltreffens in den Schweizer Bergen stehen über 150 Veranstaltungen, in denen es um Klimawandel, Nachhaltigkeit und "grünen Kapitalismus" geht. Im Rampenlicht dürfte erneut die schwedische Klima-Ikone Greta Thunberg stehen. Sie wird zum Auftakt des WEF eine Rede halten und den zahlreichen Top-Managern ins Gewissen reden.

Interessant dürfte die Diskussion zwischen Bank-of-England-Präsident Mark Carney, ein Vordenker der "grünen Geldpolitik", Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan und Saudi-Aramco-Aufsichtsratsmitglied Andrew Liveris werden. Saudi Aramco, gerade erst an die Börse gegangen, gilt als der größte CO2-Emittent der Welt.

Blackrock-Chef droht Klimaverweigerern mit "Abmahnung"

Auch der Auftritt von Larry Fink, Chef der weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, wird mit Spannung erwartet. Er wird sich in Davos mit der neuen IWF-Chefin Kristalina Georgieva über ein die Vision eines nachhaltigen Finanzsystems unterhalten. Vor kurzem hatte Fink in seinem Jahresbrief von Unternehmen weltweit mehr Einsatz gegen den Klimawandel gefordert. Managern, die das Thema nicht ernst nehmen, drohte er mit Konsequenzen. Auf Hauptversammlungen werde Blackrock den Vorständen und Aufsichtsräten die Zustimmung verweigern.

Das Weltwirtschaftsforum soll passend zu seinem 50. Geburtstag ein Signal für den Klimaschutz setzen. Die Experten des WEF werden vermutlich in Davos eine Studie vorlegen, wonach 44 Billionen Dollar an der wirtschaftlichen Wertschöpfung von einer intakten Natur abhängig sind. Das entspricht mehr als der Hälfte des globalen Bruttosozialprodukts. "Wir müssen die Beziehung zwischen Mensch und Natur neu justieren", verlangen die WEF-Forscher laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Die Wirtschaft braucht einen Weckruf."

Alarmierende Signale vom Weltrisikobericht

50. Weltwirtschaftsforum in Davos 2020

Weltwirtschaftsforum in Davos 2020. | Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE

Bereits vor dem Gipfeltreffen am Fuße des Zauberbergs hat das WEF einen flammenden Klimaschutz-Appell an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gerichtet. Die drängendste Herausforderung sei die Klimakrise, stellte das WEF fest. "Die Welt kann nicht darauf warten, dass sich der Nebel der geopolitischen und weltwirtschaftlichen Unsicherheit lüftet", erklärte die Organisation. Angesichts von geopolitischen Turbulenzen sowie Abschottung sei Kooperation der einzige Weg, allgemeinen Gefahren entschlossen entgegenzutreten, betonte das WEF in seinem in London vorgestellten Weltrisikobericht. Ansonsten drohten "katastrophale" Folgen, da wirtschaftliche Konflikte und politische Polarisierung zunähmen.

Erstmals in seiner Geschichte macht der Bericht, den das WEF zusammen mit der Versicherung Zurich und dem Risikoberater Marsh & McLennan erstellt, fünf Klimathemen als größte Risiken für die Erde aus. Auf dem ersten Rang stehen extreme Wetterereignisse wie Fluten und Stürme. Als zweitgrößtes Risiko wird das Scheitern des Klimaschutzes und der Anpassung an den Klimawandel genannt. Dahinter folgen Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche und Erdbeben, Verlust an Biodiversität und Kollaps des Ökosystems sowie menschengemachte Umweltschäden.

Konzerne in der Nachhaltigkeitsfalle

Tatsächlich erwärmen sich die Unternehmen und die Finanzbranche zunehmend für den Klimaschutz. Auf Hauptversammlungen, vor Mitarbeitern und Zulieferern predigen die Vorstandschefs den Wandel hin zur Nachhaltigkeit. Siemens-Boss Joe Kaeser schwärmt vom Purpose und predigt den "inklusiven Kapitalismus". "Ein Unternehmen muss zum Wohlergehen und Fortschritt der Gesellschaft beitragen", betont er.

Wie verwundbar Unternehmen in Sachen Klimaschutz sind, musste er kürzlich am eigenen Leib erleben. Weil Siemens am Auftrag über die Signaltechnik für Züge einer neuen Kohlegrube in Australien festhielt, ist der Konzern ins Visier von Klima-Aktivisten geraten. Die "Fridays for Futrure"-Bewegung demonstrierte vor der Konzernzentrale und will auch bei der Hauptversammlung protestieren.

Treibt Klimaschutz die Rendite an den Börsen?

Mehrere Studien haben die Wechselwirkung von Klimaschutz und Rendite untersucht. Die Deutsche Bank kommt in ihrer jüngsten Analyse zum Schluss, dass die Unternehmen, die binnen zwölf Monaten am meisten positive Nachrichten zum Klimaschutz produzierten, eine überdurchschnittliche Performance erzielten.

„Good news“-Portfoliorendite im Vergleich zum MSCI World

„Good news“-Portfoliorendite im Vergleich zum MSCI World. | Bildquelle: Deutsche Bank α-DIG, Grafik: boerse.ARD.de

In der Finanzwelt ist die Öko-Welle inzwischen auch angekommen. Unter dem Kürzel ESG (Environment Social Governance) boomen die Investitionen in nachhaltige Geldanlagen. Noch gibt es aber recht schwammige Definitionen, welche Branchen die ESG-Kriterien erfüllen und welche nicht.

Party-Schreck Trump?

Nur wenige Unternehmer und Politiker werden in Davos dem grünen Mainstream widersprechen. Vor allem US-Präsident Donald Trump, der ironischerweise auch noch das WEF eröffnen wird, dürfte in seiner Rede den Klimaschutz als Nebensächlichkeit abtun - falls er ihn überhaupt erwähnen wird. Er wird beim Stelldichein der Mächtigen lieber über die Ungleichgewichte im globalen Welthandel sprechen - und dürfte damit ebenso viel Aufmerksamkeit der Medien ernten wie die Klima-Ikone Greta.

Für das Mitte Januar unterzeichnete Teilabkommen im Handelsstreit mit China dürfte der US-Präsident Applaus bekommen. Schließlich hat Trump damit die Sorgen vor einer weltweiten Rezession gelindert. 2020 dürfte die zuletzt ausgebremste Weltwirtschaft nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) wieder etwas an Tempo gewinnen. "Wir sehen ein gemäßigt beschleunigtes Wachstum", sagte IWF-Direktorin Kristalina Georgieva am Montag in Davos. "Aber wir haben noch keinen Wendepunkt erreicht."

IWF rechnet mit gemäßigtem Anziehen des globalen Wachstums

Neben der Entspannung im chinesisch-amerikanischen Zollkonflikt gäben die lockere Geldpolitik rund um den Globus sowie nachlassende Sorgen vor einem ungeregelten EU-Austritt Großbritanniens etwas Schub, sagte IWF-Chefökonomin Gita Gopinath. Nach Einschätzung der IWF-Experten dürfte die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 3,3 Prozent wachsen, während das Wachstum für 2019 nur auf 2,9 Prozent beziffert wird.

Ein Thema könnte auch die Rückkehr der Inflation sein. In einigen Ländern haben die Preise zuletzt spürbar angezogen. In den USA stieg die Inflationsrate im Dezember auf 2,3 Prozent, den höchsten Wert seit über einem Jahr. In China verteuerten sich die Preise um zuletzt 4,5 Prozent. Anfang 2019 hatte die Inflation noch bei 1,7 Prozent gelegen. Und in Indien hat sich die Rate von zwei auf 7,4 Prozent sprunghaft erhöht. Nur im Euro-Raum bleibt die Inflation mit 1,3 Prozent relativ niedrig. So dürfte in den Diskussionsrunden oder auch hinter den Kulissen Inflation für Gesprächsstoff sorgen.