Commerzbank im Regen
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Übernahmekandidat Was wird jetzt aus der Commerzbank?

Stand: 07.05.2019, 08:00 Uhr

Nach dem Abbruch der Fusionsgespräche mit der Deutschen Bank will die Commerzbank ihren Weg alleine gehen. Doch wie realistisch ist das?

Olaf Scholz ist zum Thema Bankenfusion kaum noch etwas zu entlocken. Nur soviel: Große Banken gehörten zur Exportnation Deutschland wie die Überseehäfen Hamburg und Bremen, sagte der Bundesfinanzminister kürzlich in Berlin.

Fragt sich nur, ob ein Haus wie die Commerzbank, nach Bilanzsumme das viertgrößte Kreditinstitut, ohne Hilfe eines starken Partners die Herausforderungen der Zukunft - Kosten senken, Digitalisierung vorantreiben - meistern kann. Vorstandschef Martin Zielke gibt sich trotzig. "Wir sind alleine stark genug, um unseren Weg zu gehen", sagte er der "Welt am Sonntag".

"Zu Gerüchten werde ich mich nicht äußern"

Martin Zielke, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank

Martin Zielke. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Medienberichten zufolge sollen sowohl die italienische UniCredit als auch die niederländische ING Interesse an der Commerzbank gezeigt haben. Beide Institute sind mit eigenen Einheiten im Privatkundengeschäft in Deutschland aktiv und könnten diese aufwerten.

Die Holländer betreiben seit vielen Jahren mit großem Erfolg eine Onlinebank, früher bekannt unter dem Namen ING-Diba, mit inzwischen neun Millionen Privatkunden. Zudem hatten sie einst die inzwischen untergegangene BHF Bank gekauft, um auf den deutschen Firmenkundenmarkt einzutreten. Martin Zielke will dazu nichts sagen. "Ich verstehe, dass Sie das interessiert. Aber zu Gerüchten werde ich mich nicht äußern", sagte er der Zeitung.

Machen solche Szenarien Sinn?

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Die ING hüllt sich in Schweigen - tut bisher aber auch nichts, um die Spekulationen aus der Welt zu schaffen. Ein hartes Dementi jedenfalls gibt es nicht. Auch die Mailänder Großbank UniCredit, die 2005 bereits die Münchner HypoVereinsbank übernommen hat, wird als Interessent gehandelt. Laut "Financial Times" wollten die Italiener nach dem Abbruch der Gespräche mit der Deutschen Bank ein Angebot für die Commerzbank abgeben.

Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht. Auch liegt bisher noch kein Angebot vor. Zuvor wurde auch den beiden französischen Banken BNP Paribas und der Société Générale ein Interesse an der Commerzbank nachgesagt. Passiert ist ebenfalls nichts.

Billig zu haben

Dabei wäre es theoretisch durchaus denkbar, dass sich ausländische Konkurrenten die Commerzbank einverleiben wollen. Denn sie wäre günstig zu haben. An der Börse wird das Haus mit gerade einmal 9,9 Milliarden Euro bewertet. Selbst bei dem üblichen Aufschlag von 20 Prozent wäre die zweitgrößte börsennotierte Bank Deutschlands für weniger als zwölf Milliarden Euro zu haben.

ING-Zentrale in Amsterdam

ING-Zentrale in Amsterdam. | Quelle: picture-alliance/dpa

Häuser wie die ING oder BNP Paribas könnten das stemmen. Die ING ist derzeit 43 Milliarden Euro wert. Die BNP Paribas bringt gar 59 Milliarden Euro auf die Waage. Die Zustimmung des Bundes, der mit 15 Prozent größte Einzelaktionär der Commerzbank ist, müsste ein Käufer natürlich zunächst einholen. Doch die Regierung dürfte sich einem Investor aus den Niederlanden oder Frankreich kaum verschließen können - auch wenn sie bei einem Angebot von 9 oder 10 Euro je Aktie als Verlierer dastünde. Denn der Staat ist ursprünglich zu rund 26 Euro pro Aktie bei der Commerzbank eingestiegen.

UniCredit-Angebot dürfte auf Kritik stoßen

Kritischer dürfte die Reaktion bei einem Angebot der UniCredit ausfallen, gilt doch Italien wegen seiner hohen Verschuldung als Gefahr für die finanzielle Stabilität der Eurozone. Warum sollte also die auf Privatkunden und mittelständische Unternehmen fokussierte Commerzbank ausgerechnet an eine italienische Bank verkauft werden? Denn die UniCredit steht selbst auf tönernen Füßen, gehört sie doch zu den größten Gläubigern des italienischen Staates.

Laut Geschäftsbericht besitzt sie italienische Staatsanleihen im Wert von 58 Milliarden Euro. Gut möglich also, dass ein Übernahmeangebot durch die UniCredit sowohl von der Bundesregierung als auch von der Führung der Commerzbank als "feindlich" abgelehnt würde - und damit zum Scheitern verurteilt wäre. Denn in der Bankenbranche gilt es als ausgemacht, dass eine Fusion zweier Institute nur gelingen kann, wenn auch deren Mannschaften mitspielen.

Zu hohe Kosten

Jörg Kukies, Bundesministerium der Finanzen

Jörg Kukies. | Bildquelle: Bundesministerium der Finanzen

Dennoch stellt sich die Frage, ob es der Commerzbank gelingen kann, in dem von kommunalen Sparkassen und genossenschaftlichen Banken dominierten Markt nachhaltig Gewinne zu erwirtschaften. Denn mit einem Cost-Income-Ratio (CIR) von zuletzt 80, gehört die Bank zu den Schlusslichtern in Europa. Will heißen, dass die Commerzbank 80 Cent aufwenden muss, um einen Euro zu verdienen. Das sei "dramatisch" zuviel, urteilt Jörg Kukies, früherer Deutschland-Chef von Goldman Sachs und derzeitiger Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. In spanischen Geldhäusern betrage der Wert im Schnitt 50, in italienischen Instituten 55 Prozent.

Dass die Commerzbank einen starken Partner an ihrer Seite braucht, schien bis vor kurzem auch der Vorstand zu glauben. In einem Brief an die Mitarbeiter schrieb Zielke nach dem Abbruch der Gespräche mit der Deutschen Bank: "Ich weiß, dass viele von Ihnen nicht nachvollziehen konnten, warum wir diese Gespräche überhaupt geführt haben. Aber glauben Sie mir: Es gab gute Gründe hierfür. Wir wollen wachsen. Dazu gehört auch, externe Optionen zu prüfen."

lg