Nikola Two, Truck

Trucks mit Wasserstoff- und Elektro-Antrieb Was steckt hinter dem Nikola-Hype?

Stand: 24.06.2020, 06:35 Uhr

Nikola, ein Startup aus den USA, hat große Ziele: Es will das neue Tesla werden - mit Elektro- und Wasserstoffantrieben für Trucks. An der Börse wird das Unternehmen bereits gefeiert. Dabei macht es noch gar keinen Umsatz. Wie passt das zusammen?

Nikola will den Lkw-Markt mit alternativen Antrieben umkrempeln. Die 2015 gegründete Firma aus Phoenix (Arizona) entwickelt Pick-ups und Lastwagen mit Elektro- und Wasserstoffantrieben. Sie setzt auf eine zweigleisige Strategie - und liegt damit am Puls der Zeit. Beide Antriebe werden aktuell stark gefördert. Bei der Entwicklung arbeitet Nikola mit Deutschlands größtem Zulieferer Bosch zusammen.

Nikola Tre

Im nächsten Jahr soll der Nikola Tre auf den Markt kommen. | Bildquelle: Unternehmen

Die Laster mit Lithium-Ionen-Batterie sollen 500 Kilometer, Trucks mit Brennstoffzellen bis zu 1.100 Kilometer weit fahren können. Bisher entwickelte Nikola allerdings nur Prototypen. Das erste rein akkubetriebene Nutzfahrzeug, der "Nikola Tre", soll Ende 2021 auf den Straßen rollen.

Dabei kooperiert das Startup mit Iveco, einem Hersteller aus Italien. Die Produktion soll in Ulm stattfinden. In dem Iveco-Werk könne Nikola 35.000 Lkw pro Jahr bauen. Ab 2023 soll es den Lastwagen schließlich auch mit Brennstoffzelle ("Nikola Two") geben.

Das Tesla der Lkw-Branche

Nikola Wasserstoff Pick-up

Wasserstoff-Pick-up von Nikola. | Bildquelle: Unternehmen

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bestätigte Nikola-Chef Trevor Milton außerdem, dass die Produktion des Pick-ups Badger "2022 oder früher" starte. Im Moment seien drei etablierte Autohersteller für ein Joint Venture im Rennen. Ab Ende Juni werden bereits die ersten Reservierungen entgegengenommen. Im Herbst 2020 wollen die Amerikaner das Serienmodell des Pick-up-Trucks vorstellen.

Ein klassischer Elektromotor, der seine Energie aus einem Batteriesystem mit einer Speicherkapazität von 160 kWh bezieht, soll die eine Hälfte der Reichweite leisten. Die andere kommt aus einem Wasserstoff basierenden Brennstoffzellensystem mit einer Speicherkapazität von acht Kilogramm. Gemeinsam sollen die beiden Systeme ein kurzzeitige Höchstleistung von 906 PS ermöglichen. Im Normalbetrieb sollen immer noch beeindruckende 455 PS zur Verfügung stehen.

Mit einer Gesamtreichweite von 965 Kilometern würde der Badger damit den erst kürzlich präsentierten Cybertruck von Tesla übertreffen. Dieser soll nach den bisherigen Plänen "nur" auf eine Reichweite von rund 800 Kilometern kommen. Damit könnte Milton seinem Ziel einen Schritt weiter kommen: Er will mit Nikola das Tesla für die Lkw-Branche werden.

Rechtsstreit zwischen Tesla und Nikola

Und der Vergleich mit Tesla scheint gar nicht so weit hergeholt. Das ist schon allein am Namen zu erkennen. Da der Nachname bekanntermaßen schon vergeben ist, schnappte sich Nikola einfach den Vornamen eines der größten Erfinder des 20. Jahrhunderts, Nikola Tesla. Auch die Entwicklungen sind ähnlich. Schließlich ging es auch bei Tesla mit dem Aktienkurs deutlich schneller in die Höhe als mit den Absatzzahlen und Gewinnen.

Tesla-Chef Elon Musk scheint Nikola jedoch nicht allzu ernst zu nehmen. Auf Twitter bezeichnete er Brennstoffzellen als "fool cells", was so viel bedeutet wie "Idiotenzellen". Wegen eines angeblichen Design-Diebstahls befinden sich Tesla und Nikola seit zwei Jahren im Rechtsstreit. Milton pocht auf Schadensersatz, da ein von Tesla vorgestellter Truck deutliche Spuren von Nikola-Modellen vorweise.

Zeitweise mehr wert als Ford

Vor knapp drei Wochen hat sich Nikola aufs Börsenparkett gewagt - mitten in der Corona-Krise. Schon der Weg an die Börse war ungewöhnlich. Der Konzern fusionierte dazu mit der bereits börsennotierten Beteiligungsfirma VectoIQ. Die Transaktion ließ Nikolas Kassen sprudeln: Rund 700 Millionen Dollar nahm das Startup ein. Damit soll die erste eigene Truck-Fabrik in Arizona entstehen. Ab 2023 sollen dort jährlich 50.000 Trucks hergestellt werden.

Für Nikola hat sich der Gang an die Nasdaq gelohnt. Mittlerweile kommt das Unternehmen auf eine Marktkapitalisierung von knapp 23 Milliarden Dollar. Seit dem Gang an die Börse schoss die Aktie zeitweise um rund 100 Prozent nach oben. "Das wollte ich mein Leben lang schon sagen. Nikola ist jetzt mehr wert als Ford und Fiat Chrysler. Wir kratzen sogar an den Fersen von General Motors", twitterte Nikola-Gründer Milton vor zwei Wochen.

Trevor Milton, Nikola

Trevor Milton war mit dem Börsengang mehr als zufrieden. | Bildquelle: Unternehmen

Wasserstoff-Hype weckt Fantasien

Dabei macht das Startup noch keinerlei Umsätze. Woher kommt also die Euphorie? Das liegt vor allem an Erwartungen und Hoffnungen von Investoren. Das sieht auch Milton so: "Oh, Nikola ist sechs oder acht Monate vom ersten Umsatz entfernt? Das kümmert niemanden", sagte er neulich dem US-Sender CNBC. Die Investoren hätten eher Interesse am Versprechen der Umweltfreundlichkeit.

Nach eigenen Angaben gab es bisher 14.000 Truck-Vorbestellungen, unter anderem vom Brauereikonzern Anheuser-Busch. Umgerechnet wären das Einnahmen im Wert von über zehn Milliarden Dollar. Außerdem will Nikola bis 2027 gemeinsam mit Nel, einem führenden Hersteller von Elektrolyse-Anlagen, 700 Wasserstoff-Tankstellen in den USA errichten.

Nikola profitiert derzeit von einem neuen Hype: Dem Wasserstoffantrieb im Lkw-Sektor. Die Hersteller befinden sich in einem Umbruch. In Europa müssen sie bis 2025 die CO2-Emissionen durchschnittlich um 15 Prozent, bis 2030 gar um 30 Prozent senken. Ansonsten drohen ihnen hohe Strafen.

In der Corona-Krise stecken zudem viele Regierungen einen Teil ihrer milliardenschweren Konjunkturprogramme in die Förderung. Allein die Bundesregierung will neun Milliarden Euro in die Branche pumpen, um langfristig die Führungsposition in dieser Zukunftstechnik zu übernehmen.

Blase oder Zukunft?

"Nikola ist die nächste 100-Milliarden-Dollar-Firma", betonte Jeffrey Ubben, Gründer des Hedgefonds ValueAct Capital, gegenüber CNBC. Doch es gibt auch Kritik. So warnte etwa Gary Black, ehemaliger Chef von Aegon Asset Management, vor einer Blase und verglich die Entwicklung mit dem Hype um Cannabis-Papiere, der seit längerem stottert. Das berge Gefahren für Privatanleger. Nikola sei nicht Tesla.

Nikola One, Brennstoffzellen-Truck

Nikola One. | Bildquelle: Unternehmen

Darüber hinaus dämpfte in der vergangenen Woche auch ein Bloomberg-Artikel die Begeisterung. Demnach hat Milton 2016 bei der Vorstellung die Leistungsfähigkeit Trucks übertrieben. Ihm fehlten laut Insidern Schlüsselkomponenten, um sich selbst anzutreiben. "Ich habe nie jemanden getäuscht", entgegnete Milton im Interview mit Bloomberg. Die Teile seien aus Sicherheitsgründen entfernt worden. Er habe nie behauptet, dass eine Brennstoffzelle im Lastwagen gewesen sei.

Daraufhin verloren die Nikola-Aktien kurzzeitig an Wert. Viele Analysten halten das Unternehmen ohnehin für überbewertet. Tesla habe bei einem ähnlichen Börsenwert immerhin bereits zwei Modelle herausgebracht.

Auch die Positionen zahlreicher Leerverkäufer zeigen: Der Markt scheint nicht vollständig überzeugt vom Startup. Mehr als fünf Prozent der frei handelbaren Papiere liegen nach Informationen des Finanzdatenanbieters S3-Partners in der Hand von Leerverkäufern. Diese Marktteilnehmer setzen auf fallende Kurse der betreffenden Wertpapiere.

tb