Gesundheitskontrolle am Flughafen Bangkok

Damoklesschwert Coronavirus Was man von SARS lernen kann

Stand: 29.01.2020, 11:57 Uhr

Noch hält sich die Furcht der Anleger vor einer zweiten SARS-Pandemie in Grenzen. Gebannt ist die Gefahr einer größeren Kurskorrektur zwar nicht, doch ein Blick in die Vergangenheit macht Hoffnung.

Wie der im Herbst 2002 aufgetauchte SARS-Erreger geht auch das nun aufgetauchte Coronavirus von China aus. Sein Erbgut ist sogar zu 80 Prozent identisch mit dem des ersten SARS-Erregers. Das weckt Erinnerungen an die Jahre 2002 und 2003. Damals erkrankten offiziellen Angaben zufolge weltweit 8.000 Menschen, 800 starben. Allerdings hatten die chinesischen Behörden damals versucht, das wahre Ausmaß der Pandemie zu vertuschen, so dass es Monate dauerte, bis die Wahrheit ans Licht kam.

Neben dem menschlichen Leid - SARS steht für "Severe Acute Respiratory Syndrome", also schweres akutes Atemwegssyndrom - richtete der Erreger auch wirtschaftlich großen Schaden an. Der weltweite Reiseverkehr wurde eingeschränkt, Geschäftsreisen kamen praktisch zum Erliegen, auch der Tourismus brach ein.

30 bis 40 Milliarden Dollar Kosten

Am schlimmsten betroffen war deshalb die Luftfahrt- und Tourismusbranche. Die Zahl der Flugpassagiere ging zurück, Reiseveranstalter und Hotels mussten empfindliche Einbußen hinnehmen. Laut Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com, verringerte das SARS-Virus damals das Wirtschaftswachstum Chinas um einen Prozentpunkt. Die Weltbank und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) taxierten den entstandenen Schaden auf insgesamt 30 Milliarden Dollar. Andere Wissenschaftler sprachen von Kosten in Höhe von 40 Milliarden Dollar.

Die globale Verbreitung, die lange Unsicherheit und Ängste vor einer Pandemie belasteten die Märkte damals monatelang und rissen einzelne Börsen in Asien zweistellig nach unten. So verlor der Hang Seng, der Leitindex des damaligen SARS-Epizentrums Hongkong, zwischen November 2002 und April 2003 gut 15 Prozent an Wert.

Obwohl sich dort damals nur weniger als ein Promille der Bevölkerung mit dem Virus infiziert habe, sei der Konsum "regelrecht eingebrochen", zitierte das RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung einen Strategen der Bank Goldman Sachs.

Berg- und Talfahrt an den Aktienmärkten

Im Februar 2003 brachte ein infizierter Arzt den Erreger aus der südchinesischen Provinz Guangdong, wo die Krankheit schon über Monate kursierte, in ein Hongkonger Hotel. Von dort breitete sich das Virus wohl über den Erdball aus. Im März 2003 stufte die WHO SARS als weltweite Bedrohung ein. Im Sommer 2003 war der Ausbruch dann beendet.

An den Aktienmärkten ging es anschließend ebenso rasant wieder nach oben. Die Börsen zeigten, dass sie sich nach einer Phase der Unsicherheit schnell erholen können. Der Hongkonger Leitindex legte bis zum Jahresende 2003 um gut 50 Prozent zu. Stand der Hang-Seng-Index vor Ausbruch der SARS-Krise bei rund 10.000 Zählern, notiert er heute sogar fast dreimal so hoch. 

Weniger Wachstum

Wie stark die Wirtschaft Chinas und wegen der seit 2003 deutlich gestiegenen Globalisierung der gesamten Welt diesmal belastet sein wird, hängt ganz entscheidend vom Ausmaß und der Dauer der Erkrankung ab. Sollte sie wie bei SARS vor 17 Jahren ein halbes Jahr dauern, wären die Folgen drastisch.

Börse Hongkong Hang Seng. | Montage: boerse.ARD.de, picture-alliance/dpa

AllianceBernstein-Ökonomin Mo Ji erwartet, dass die Folgen für Chinas Wirtschaft - nach derzeitigem Kenntnisstand - weniger dramatisch als bei SARS werden. Die Volkswirtin rechnet mit einem BIP-Verlust von 0,8 Prozent, sollte die Krankheit innerhalb von drei Monaten eingedämmt sein. Verzögere sich die Eindämmung der Epidemie aber auf neun Monate, werde das voraussichtlich 1,9 Prozent des BIP kosten.

"Höchstwahrscheinlich wird die Dauer des Ausbruchs irgendwo dazwischen liegen", schätzt Mo Ji. Ihrer Ansicht zufolge wird sich das reale BIP-Wachstum Chinas durch den Coronavirus um einen Prozentpunkt verringern. Einige Branchen wie die Luftfahrtbranche, das Hotelgewerbe sowie Anbieter von Luxusgütern wie LVMH könnten jedoch noch stärker belastet werden.

Kurskorrektur von zehn Prozent?

Damit dürfte das Coronavirus wie ein Damoklesschwert über den Aktienmärkten hängen, befürchtet Martin Lück, Chefanlagestratege für Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter, Blackrock.

Wenn die Unsicherheit noch Wochen anhalte und Spuren im chinesischen Wachstum und damit im Welthandel hinterlasse, könnten die Kurse weiter bröckeln – vielleicht bis zu zehn Prozent, sagte er dem "Handelsblatt".

Höhepunkt kommt erst noch

Nach Einschätzung eines führenden chinesischen Lungenexperten wird der Ausbruch der neuen Krankheit in China erst in sieben bis zehn Tagen ihren Höhepunkt erreichen. Wie der Chef des nationalen Expertenteams im Kampf gegen das Virus, Zhong Nanshan, in einem Mittwoch verbreiteten Interview der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua sagte, seien "frühe Entdeckung und frühe Isolation" entscheidend, um das Virus in den Griff zu bekommen.

Im Unterschied zu 2002 sei das Virus diesmal schon nach zwei Wochen identifiziert worden; zudem reagierten die Behörden nach der Entdeckung des Coronavirus rasch und konsequent. So sind heute an hoch frequentierten Punkten wie Flughäfen Scanner und Bildschirme installiert, die fieberhafte Erkrankungen sofort identifizieren.

lg