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Was die Ökonomen zum Zinsentscheid sagen "Kein wirkliches Straffungssignal"

Johannes Müller, Head Macro-Research, DWS

Johannes Müller, Leiter Makro-Reseach, DWS:
"Die EZB bleibt sich treu und überrascht mit einer Verlängerung ihrer sehr expansiven akkommodierenden Geldpolitik: Nicht mehr nur bis Ende 2019, sondern mindestens bis Mitte 2020 sollen die Leitzinsen auf ihrem jetzigen Niveau verharren. Das bestätigt unsere Einschätzung, dass die sogenannte "forward guidance", also die Lenkung der Markterwartungen, durch die kommunikativ langfristige Festlegung der Geldpolitik im Instrumentarium der EZB an Gewicht gewinnt.

Ihre Entscheidung, die Zinsen auf dem aktuellen Niveau zu belassen, begründet die EZB mit einer durch Handelsstreit und Brexit erhöhten makroökonomischen Unsicherheit. 
Vor diesem Hintergrund ist es sogar erstaunlich, dass die Projektionen nur moderat angepasst wurden: Das Wachstum für 2020 wird etwas skeptischer gesehen und es bleibt bei der Einschätzung, dass die Inflation auch 2021 nicht das Ziel der EZB erreichen wird. Zum Thema Negativzinsen und Bankenprofitabilität sagte Mario Draghi, dass negative Zinsen bisher noch stets einen positiven Beitrag zur geldpolitischen Expansion geleistet hätten. [...]

Die wichtigste Botschaft unserer Meinung nach war jedoch die Aussage, dass die EZB bereit stünde, mit allen möglichen Instrumenten zu agieren, wenn sich die Rahmenbedingungen verschlechtern sollten. Von Normalisierung bleibt die EZB also weit entfernt. Im Gegenteil, die Zeichen stehen weiterhin auf Expansion."

Was die Ökonomen zum Zinsentscheid sagen "Kein wirkliches Straffungssignal"

Johannes Müller, Head Macro-Research, DWS

Johannes Müller, Leiter Makro-Reseach, DWS:
"Die EZB bleibt sich treu und überrascht mit einer Verlängerung ihrer sehr expansiven akkommodierenden Geldpolitik: Nicht mehr nur bis Ende 2019, sondern mindestens bis Mitte 2020 sollen die Leitzinsen auf ihrem jetzigen Niveau verharren. Das bestätigt unsere Einschätzung, dass die sogenannte "forward guidance", also die Lenkung der Markterwartungen, durch die kommunikativ langfristige Festlegung der Geldpolitik im Instrumentarium der EZB an Gewicht gewinnt.

Ihre Entscheidung, die Zinsen auf dem aktuellen Niveau zu belassen, begründet die EZB mit einer durch Handelsstreit und Brexit erhöhten makroökonomischen Unsicherheit. 
Vor diesem Hintergrund ist es sogar erstaunlich, dass die Projektionen nur moderat angepasst wurden: Das Wachstum für 2020 wird etwas skeptischer gesehen und es bleibt bei der Einschätzung, dass die Inflation auch 2021 nicht das Ziel der EZB erreichen wird. Zum Thema Negativzinsen und Bankenprofitabilität sagte Mario Draghi, dass negative Zinsen bisher noch stets einen positiven Beitrag zur geldpolitischen Expansion geleistet hätten. [...]

Die wichtigste Botschaft unserer Meinung nach war jedoch die Aussage, dass die EZB bereit stünde, mit allen möglichen Instrumenten zu agieren, wenn sich die Rahmenbedingungen verschlechtern sollten. Von Normalisierung bleibt die EZB also weit entfernt. Im Gegenteil, die Zeichen stehen weiterhin auf Expansion."

Alexander Krüger, Chefvolkswirt Bankhaus Lampe

Alexander Krüger, Chefvolkswirt Bankhaus Lampe:
"Mit ihrem gestreckten geldpolitischen Ausblick und der etwas ungünstigeren Zinskondition für die neuen Langfristtender stellt sich die EZB gegen die aktuellen Zinssenkungsspekulationen. Die Notenbank hält zwar daran fest, dass die Leitzinsen irgendwann wieder steigen werden. Ein wirkliches Straffungssignal hat es heute aber nicht gegeben. Davon dürfte die EZB auch in den kommenden Monaten weit entfernt bleiben."

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW

Uwe Burkert, Chefvolkswirt der LBBW:
"Für die Märkte dürften die Auswirkungen letztlich überschaubar bleiben, denn es war sowieso nicht mehr für das erste Halbjahr 2020 mit einer ersten Zinserhöhung gerechnet worden. Mit dem aktuellen Stand bleibt die EZB flexibel. Wenn sich der Abschwung fortsetzt, kann sie die Forward Guidance nochmal anpassen. Verbessert sich die Konjunktur, wäre es für eine Zinserhöhung auch Mitte 2020 früh genug. Zunächst dürfte es aus Sicht der Notenbank darauf ankommen, für die ersten ein bis zwei gezielten Langfristtender eine hohe Nachfrage zu generieren, um die Kreditvergabe weiter anzukurbeln."

Friedrich Heinemann, ZEW

Friedrich Heinemann, ZEW-Ökonom:
"Die EZB gerät zunehmend in eine schwierige Lage. Angesichts des eskalierenden Handelskonflikts haben die Zentralbanken von Neuseeland und Australien bereits ihre Leitzinsen gesenkt, und die US-Zentralbank Fed beginnt, eine Zinssenkung verbal vorzubereiten. Hingegen verfügt die EZB mit einem Einlagenzins bei minus 0,4 Prozent über keinen nennenswerten zinspolitischen Spielraum mehr. Dass nun noch die Euro-Inflationsrate ins Rutschen gerät, erhöht den Handlungsdruck so stark, dass Mario Draghi dies nicht einfach bis zum Ende seiner Amtszeit aussitzen kann.

Der EZB-Präsident und sein neuer Chefökonom Philip Lane wären gut beraten, verschärft über Alternativen zu erneuten breiten Ankäufen von Staatsanleihen nachzudenken. Eine Rückkehr zum Anleihekaufprogramm unter den alten Bedingungen wäre ein verheerendes Signal an Italien, das gerade durch das neue Defizitverfahren von der Europäischen Kommission zur Ordnung gerufen worden ist. Wenn jetzt die EZB dem Land signalisiert, dass sie de facto wieder jahrelang die Defizite des Landes finanziert, gibt dies der fiskalischen Verantwortungslosigkeit weiter Auftrieb."

Carsten Brzeski, ING Diba

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland der ING Diba:
"Die EZB versucht sich noch mal gegen die Abkühlung der Konjunktur zu stemmen, ohne die Zinsen zu senken. Die Veränderung der Forward Guidance in Kombination mit billigem Geld für Banken sollte die Märkte erst mal positiv stimmen. Das muss aber noch nicht das Ende der Fahnenstange sein."

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