David Solomon, Goldman Sachs

Einstieg in den Markt für Durchschnittskunden Warum sich Goldman Sachs für den Kleinsparer öffnet

von Lothar Gries

Stand: 15.04.2019, 06:45 Uhr

Mit der Online-Banking Plattform "Marcus" und der Apple Card nimmt Goldman Sachs den Durchschnittskunden ins Visier. Die legendäre Wall-Street-Bank vollzieht damit eine radikale Kehrtwende.

Der Einstieg von Goldman Sachs in das Geschäft mit Kleinsparern gilt in der Branche fast als eine Revolution, widmete sich die legendäre Wall Street-Bank seit ihrer Gründung vor 150 Jahren doch ausschließlich den Finanzmärkten, fädelt Fusionen ein und handelt mit Wertpapieren, Währungen und Rohstoffen. Bis vor kurzem musste man ein Vermögen von mindestens zehn Millionen Dollar besitzen, um überhaupt als Kunde von Goldman Sachs in Frage zu kommen.

Doch die Abhängigkeit von den Finanzmärkten ist ein hochriskantes, schwankungsanfälliges Geschäft, mit dem sich seit der Finanzkrise weniger Geld verdienen ließ als zuvor. Auch unterliegen die Handelsgeschäfte immer schärferen Regeln, wodurch auch in dieser Sparte die Gewinne unter Druck gerieten. Folglich war Goldman Sachs auf der Suche nach einem neuen Geschäftsfeld. So ist 2014 die Idee entstanden, die Bank zu "demokratisieren" und sie für Privatkunden, genauer für Kleinsparer, zu öffnen.

Horrende Zinsen

2016 war es dann soweit. Die Plattform "Marcus" - benannt nach dem Firmengründer Marcus Goldman - ging an den Start, zunächst in den USA. Dort präsentiert sich die Bank als Alternative zur Kreditkarte und bietet Kredite zwischen 3.500 und 40.000 Dollar an. Das Durchschnittsdarlehen liegt bei 15.000 Dollar. Dafür verlangt die Bank aus europäischer Sicht horrende Zinsen: zwischen sieben und 25 Prozent. Für Spareinlagen zahlt Goldman dagegen bescheidene 2,25 Prozent. Die Marge ist also beträchtlich, so dass sich "Marcus" als ein lukratives Geschäft erweisen dürfte.

Im ersten Quartal 2019 hat das Geschäft mit Einlagen und Krediten der Bank bereits einen Nettozinsertrag von 835 Millionen Dollar und damit 51 Prozent mehr eingebracht als im Vergleichszeitraum.

Seit dem Start vor drei Jahren hat die Bank über "Marcus" 1,5 Millionen Privatkunden gewonnen, rund 20 Milliarden Dollar Einlagen erhalten und drei Milliarden Dollar an Krediten vergeben. Tendenz stark steigend: In den kommenden drei Jahren, so das Management, soll das Volumen der gewährten Darlehen auf 13 Milliarden Dollar anwachsen. Die Bank erhofft sich damit zusätzliche Einnahmen von einer Milliarde Dollar im Jahr.

Screenshot des Goldman Sachs Onlinebanking-Portals Marcus

Bislang nur in den USA verfügbar: das Onlinebanking-Portal Marcus. | Bildquelle: Goldman Sachs

Regelmäßige Einnahmen

Tatsächlich bieten Spareinlagen und Kredite einen großen Vorteil: Sie generieren regelmäßige Einnahmen und machen eine Investmentbank wie Goldman Sachs damit unabhängiger von den Schwankungen der Finanzmärkte. Diese regelmäßig fließenden Einnahmen helfen wiederum, die eigene Kreditwürdigkeit, also die Bonität, zu verbessern. Vorausgesetzt natürlich, die Kredite werden regelmäßig bedient und erreichen ein für die Bank angemessenes Volumen.

Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, hat sich Goldman mit dem iPhone-Hersteller Apple verbündet. In diesem Sommer startet in den USA die Apple Card. Angepriesen als "die größte Innovation im Kartengeschäft seit 50 Jahren" ist sie doch nichts anderes als eine stinknormale Kreditkarte, wenngleich sie etwas anders aussieht und an den Besitz eines iPhones gebunden ist.

"Es wird nach Deutschland gehen"

Goldman Sachs erhofft sich von der Partnerschaft, tiefer in den Markt für Privatkunden vorzudringen. Apple könnte dabei als Türöffner für die Mittelschicht fungieren. Auch reagiert die Investmentbank mit der Kooperation auf die wachsende Konkurrenz von Banking-Start-ups, die um die Gunst von jungen Sparern buhlen.

Gibt es die Kreditkarte bald auch in Deutschland? Die Chancen dafür sind dem Anschein nach recht hoch, denn die Karte ist nach einer erfolgreichen Einführung auch für Interessenten außerhalb der USA gedacht. "Der nächste Schritt wäre Europa, es wird nach Deutschland gehen", sagte Goldman-Europachef Richard Gnodde in einem Interview mit dem Sender CNBC. Wann es dazu kommt, ist bisher nicht klar.

Smartphone mit Goldman Sachs Logo auf dem Display vor Apple Pay-Logo

Goldman Sachs und Apple nehmen Deutschland ins Visier. | Bildquelle: Imago, Montage: boerse.ARD.de

Druck auf Sparkassen nimmt zu

Auch "Marcus" will Goldman in Europa anbieten. Nach den USA ist die Plattform im vergangenen August in Großbritannien gestartet. Dort bietet sie zunächst nur Sparkonten an, verzinst zu 1,5 Prozent. Das Kreditgeschäft soll in diesem Jahr folgen. Der Schritt sei "ein Meilenstein" für das Wachstum der Goldman-Sachs-Privatkundensparte sowie der Diversifizierung ihrer Finanzierungsstrategie, verkündete die Bank.

Auch in Deutschland will Goldman als Einstiegsprodukt zunächst Sparkonten anbieten. Der heimische Markt gilt jedoch als schwierig, weil Sparkassen und Volksbanken das Land bis in den hintersten Winkel abdecken.

Doch Gnodde scheint der harte Wettbewerb nicht zu schrecken. "Marcus" habe den Vorteil, ohne Filialen und teure Strukturen zu starten, sagte er der "FT". Den Kostenvorteil könnte die Bank an die Kunden weiterreichen: Ähnlich wie in den USA könnte Goldman versuchen, mit höheren Zinsen auf Spareinlagen Marktanteile zu erobern. Für Sparkassen, Volksbanken & Co. dürfte der Wettbewerbsdruck also noch weiter zunehmen.

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Von Unterfranken in die Welt Goldman Sachs in Bildern

Marcus Goldman

Gründer Marcus Goldman
Den Grundstein für die Bank legte Marcus Goldman. Der 1848 aus Unterfranken eingewanderte Mark Goldmann, Sohn eines jüdischen Viehhändlers, spezialisierte sich auf den Ankauf und Weiterverkauf von Schuldscheinen, den späteren "Commercial Papers".

Die Geschäfte entwickelten sich prächtig. Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts verfügte Goldman bereits über ein Kapital von 100.000 Dollar.