Straßenschild der Wall Street

Heute vor 25 Jahren ging Daimler an die Wall Street Warum der Reiz der Wall Street rasch verblasste

Stand: 05.10.2018, 15:38 Uhr

Als erstes deutsches Unternehmen wagte Daimler vor 25 Jahren den Sprung an die New Yorker Börse. Zahlreiche andere Dax-Firmen folgten. Doch der Reiz der Wall Street verblasste rasch.

Tatsächlich haben sich die Hoffnungen, die Daimler mit der Notierung an der Wall Street verband, nie erfüllt. Deutlich weniger als fünf Prozent des Handelsvolumens mit Daimler-Aktien seien über die Wall Street abgewickelt worden, rechnete der Autobauer aus. Und zwar schon lange vor dem Beschluss im Frühjahr 2010, der New Yorker Börse wieder zu verlassen.

"Der eindeutige Haupthandelsplatz unserer Aktie ist Frankfurt - auch für internationale Investoren", sagte der damalige Daimler-Finanzvorstand Bodo Uebber. Auch entpuppte sich die Börsennotierung für Daimler als ein erheblicher Kostenfaktor. Einen "signifikanten einstelligen Millionenbetrag" hat das Listing an der Wall Street jährlich gekostet.

Hohe Kosten

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
47,43
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Dazu trugen sowohl Gebühren als auch die Quartalsberichte bei. So musste Daimler, wie später auch die anderen deutschen in New York notierten Unternehmen, die Geschäftszahlen neben dem deutschen HGB und dem europaweit gebräuchlichen IFRS auch im amerikanischen Bilanzssystem US-GAAP ausweisen. Überdies mussten alle anderen börsenrelevanten Mitteilungen den Vorgaben der US-Börsenaufsicht SEC entsprechen. Damit standen aus Sicht von Daimler Aufwand und Nutzen in keinem vernünftigen Verhältnis mehr.

Auch standen einige deutsche Firmen, allen voran Daimler, jahrelang unter Korruptionsverdacht der SEC. Die Ermittlungen endeten erst mit einer Vergleichszahlung von 185 Millionen Dollar. Kurz danach zogen die Stuttgarter die Reißleine.

Bis zu 17 deutsche Firmen an der NYSE

Das hatte in den 90er Jahren noch ganz anders ausgesehen. Damals waren 16 andere deutsche Großunternehmen den Stuttgartern gefolgt, darunter Siemens, Eon, Deutsche Telekom und Allianz. Sie wollten von der damaligen Hausse an der New Yorker Börse profitieren. Auch versprachen sie sich von der Notierung an der Weltleitbörse ein höheres Profil und einen besseren Zugang zu amerikanischen Investoren. Natürlich machten sich die Deutschen auch Hoffnungen auf einen geschäftlichen Schub im amerikanischen Markt.

Doch rasch machte sich Enttäuschung bereitet, denn die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Dass Daimler damals jedes vierte Fahrzeug in den USA verkaufte, hatte nichts mit der Notierung an der New Yorker Börse zu tun, sondern war eine Folge der Begehrlichkeiten, die die Autos der Marke mit dem Stern bei den Kunden weckten.

Schlicht keinen Sinn mehr

Zudem wurden mit dem Börsencrash nach den Attentaten vom 11. September und mehreren Bilanzskandalen wie bei der Energiefirma Enron die Auflagen für börsennotierte Unternehmen verschärft. Das führte zu weiter steigenden Kosten, ohne dass es den ausländischen Unternehmen zu größerem Ansehen bei Kunden und Investoren verholfen hätte.

Hinzu kam der technologische Wandel: Für amerikanische Investoren wurde es immer einfacher, Aktien auch an der jeweiligen Heimatbörse eines Unternehmens zu handeln. Eine Zweitnotierung an der NYSE machte in Zeiten des computergestützten Börsenhandels schlicht keinen Sinn mehr.

Noch drei Deutsche an der NYSE

Nach und nach kehrte ein Großteil der deutschen Unternehmen der Wall Street den Rücken - bis auf drei Dax-Firmen: Dabei handelt es sich um die Deutsche Bank, SAP und Fresenius Medical Care.

Die Deutsche Bank erklärt das Festhalten an einer Notierung damit, dass 15 Prozent des Grundkapitals im Besitz von US-Investoren seien. Zudem schätzten Investoren weiterhin eine Notierung an der New York Stock Exchange. Auch sei der dortige Markt besonders liquide.

Wichtiger Markt für SAP und FMC

SAP-Aktien werden ebenfalls noch an der NYSE gehandelt. Rund 20 Prozent der Anteilseigner kommen angeblich aus Nordamerika. Dass das von Nutzen sein könne, habe sich bei der Milliardenübernahme des Online-Handelsnetzwerks Ariba gezeigt, hieß es damals. Der Kauf sei mit Hilfe von Privatanleihen in Amerika finanziert worden. Ohne eine Börsennotierung wäre das nicht möglich gewesen, so SAP.

Der Dialyseanbieter Fresenius Medical Care (FMC) hält eine Notierung an der New Yorker Börse für notwendig, weil das Unternehmen 71 Prozent des Gesamtumsatzes in den Vereinigten Staaten generiert. Dass die USA eine herausragende Bedeutung für das Unternehmen haben, zeigt sich auch in der Tatsache, dass die Erstnotierung von FMC in New York nur einen Tag nach dem Börsengang in Frankfurt erfolgte, am 2. Oktober 1996.

lg