Ola Källenius

"Kompetenzdefizite auf wichtigen Feldern" Warum Daimler die Wut der Aktionäre droht

von Thomas Spinnler

Stand: 08.07.2020, 06:45 Uhr

Den Daimler-Managern dürfte auf der heutigen Hauptversammlung ein rauer virtueller Wind entgegenwehen. Mangelnde Strategie und mangelndes Kostenbewusstsein werfen die Anleger dem Unternehmen vor. Was muss das Management künftig besser machen?

"Alles steht auf dem Prüfstand: fixe und variable Kosten, Sach- und Personalkosten, Investitionsvorhaben, die Wertschöpfungstiefe und die Produktpalette", so lauteten die scharfen Worte des Vorsitzenden auf der Daimler-Hauptversammlung. Im gesamten Unternehmen müssten Kosten gesenkt und die Effizienz gesteigert werden.

Das war ziemlich genau vor einem Jahr, als Dieter Zetsche seine Abschiedsvorstellung als Daimler-Boss gab und Ola Källenius seinen Posten übernahm. Etwa zwölf Monate später trägt Källenius die Verantwortung für den riesigen Autokonzern. Und was er auf der virtuellen Hauptversammlung sagen wird, dürfte sich nicht allzu sehr von den Worten seines Vorgängers unterscheiden.

"E-Mobilität systematisch unterschätzt"  

Denn noch immer steckt Daimler in der Krise und viele Anleger sind ungehalten. Auch der langfristige Aktienkurs macht die Investoren alles andere als glücklich. Im Verlauf der vergangenen zwölf Monate hat Daimler mehr als ein Fünftel des Börsenwerts verloren.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 2 Jahre
Kurs
56,00
Differenz relativ
+0,86%

Die Unternehmenszahlen sind schlecht – und das hängt keineswegs nur an der Corona-Pandemie. Schon zuvor lief es beim Stuttgarter Autobauer bestenfalls schleppend, die gesamte Branche sah eine Autokrise kommen. Im Vorjahr waren bei Daimler unter dem Strich gerade einmal 2,4 Milliarden Euro hängengeblieben. Im Jahr 2018 war es noch dreimal so viel gewesen. Und im ersten Quartal 2020 war das operative Ergebnis wegen Produktionsstopp und wegfallender Nachfrage aufgrund von Corona um fast 78 Prozent auf 617 Millionen Euro eingebrochen.  

Der Konzern hat mit strategischen Problemen zu kämpfen, deren Ursachen in den Jahren zuvor gesetzt wurden: Ein grundsätzliches Defizit sei, dass man das Thema der reinen E-Mobilität systematisch unterschätzt habe, meint Professor Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM), im Gespräch mit boerse.ARD.de: "Das Management hat es versäumt und einfach nicht an seine Bedeutung geglaubt. Jetzt zeigen sich in diesem strategisch wichtigen Feld Kompetenzdefizite."

Grafische Darstellung eines E-Antriebs von Daimler

Daimler E-Antrieb. | Bildquelle: Daimler

Tesla hat deutlichen Vorsprung

So sieht das auch der Dachverband der Kritischen Aktionäre. Daimler habe es verpasst, rechtzeitig rein elektrische Modelle in ausreichender Zahl und in allen Segmenten auf den Markt zu bringen. Der Verband möchte auf der virtuellen HV beantragen, den Vorstand nicht zu entlasten.

Janne Werning vom Fondshaus Union Investment will ebenfalls die Entlastung verweigern: "Die Altlasten der Ära Zetsche drohen Daimler zu erdrücken." Dass Daimler den Wandel zur E-Mobilität verschlafen habe, findet Werning ebenso. "Das ist ein Armutszeugnis, denn die Verschärfung der Flottenemissionsziele der EU kam nicht über Nacht, sondern mit Ansage."

Autoexperte Bratzel hat noch andere Baustellen ausgemacht: "Auch das Thema Software-Architektur wurde vernachlässigt." Ein Beispiel sei die Möglichkeit des sogenannten Over-the-Air-Update. "Tesla macht das schon seit 2012", stellt Bratzel fest.

Hinzu kommen die Belastungen aus der noch immer schwelenden Dieselaffäre. Die Aufstockung der Rückstellungen für Haftungs- und Prozessrisiken in Verbindung mit der Dieselaffäre zeige, "dass sich die Daimler AG im Jahr eins nach Zetsche nach wie vor in sehr unsicheren Zeiten befindet", behauptet der Dachverband. Aktuell belaufen sich die Rückstellungen für Haftungs- und Prozessrisiken sowie für behördliche Verfahren auf 4,9 Milliarden Euro.

Model S, Model X, Model 3, Model Y (von lInks nach rechts)

Tesla-Modelle: Um Jahre voraus. | Bildquelle: Unternehmen

Die Dieselaffäre, ein schwerer Rucksack

Ob das reichen wird? "Die Gesamtkosten sind noch offen, es ist durchaus denkbar, dass sich die bisherigen Rückstellungen in Höhe von 4,9 Milliarden als zu wenig erweisen", meint Bratzel. Vor allem aus den USA drohten noch erhebliche Belastungen. Kein Wunder also, dass viele Anleger nicht zufrieden damit sind, wie das Management mit diesem wichtigen Thema umgegangen ist. "Der Nachteil ist, dass sich das Thema seit vielen Jahren hinzieht. Es ist wie ein Rucksack, der schwer und unflexibel macht", kommentiert der CAM-Direktor.   

Der Fachmann Bratzel weiß auch, wo Daimler Potenzial verschenkt: "Gerade die Bereiche Vernetzung, Daten und Software sind Kernthemen der Zukunft, in denen es für Daimler darauf ankommt, Kompetenzen zu sammeln. Schließlich wird die Wertschöpfung künftig vor allem im Bereich Software liegen." Tesla gilt in der gesamten Branche diesbezüglich als Vorbild. Experten sehen den US-Elektroautobauer bei den zukunftsrelevanten Themen um mehrere Jahre voraus. Hier steht für Daimler laut Bratzel ein kultureller Wandel an, denn der Konzern sei deutlich zu langsam und müsse mehr Innovationskraft entwickeln. 

Mercedesstern auf dreckiger Motorhaube im Abgas

Daimler und der Diesel. | Bildquelle: picture alliance/Norbert Schmidt, Montage: boerse.ARD.de

Es wird weitere Arbeitsplätze kosten

Das wird Folgen haben für die Arbeitnehmer. Was genau angedacht ist, wird man eventuell auf der Hauptversammlung erfahren. Die aktuellen Pläne des Managements sehen Stellenstreichungen in Verwaltung und produktionsnahen Bereichen in fünfstelliger Höhe vor. Wegen der Corona-Krise sollen Medienberichten zufolge weitere dazukommen. Auch die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, warnte vor wenigen Tagen vor einem weiteren Verlust von Arbeitsplätzen. 

"Man wird langfristig weniger Beschäftigte benötigen", unterstreicht der Auto-Experte, "denn der Sektor E-Mobilität ist weniger komplex". Das Thema überlagere sich gerade mit der fehlenden Auslastung in Corona-Zeiten und der allgemeinen Krise der Autobranche. "Daimler wird also insgesamt Kapazitäten runterfahren müssen", so sein Fazit.

Stefan Bratzel

Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM): Langfristig weniger Beschäftigte. | Bildquelle: Center of Automotive Management GmbH & Co. KG

Auch wenn der Zorn vieler Anleger über Daimlers Versäumnisse aus den genannten Gründen nachvollziehbar ist, dürfte die virtuelle Hauptversammlung entspannt verlaufen. Ohne Anwesenheit des Publikums, ohne Spannung, Nachfragen und Überraschungsmomente sowie mit eingeschränktem Antragsrecht kann der Vorstand die zuvor eingereichten und ausgewählten Fragen gut vorbereitet beantworten. Viele Aktionäre klagen über den Raub ihrer Einflussmöglichkeiten. Ihre Wut wird vor dem heimischen Bildschirm unbemerkt verpuffen.