Schilder an der Wall Street in New York

"Jahr der zwei Hälften"? Wall Street droht 2020 Achterbahnfahrt

von Notker Blechner

Stand: 02.01.2020, 16:25 Uhr

Die nun schon fast elf Jahre andauernde Hausse an den US-Börsen dürfte auch 2020 weitergehen. Anlagestrategen trauen Dow, S&P 500 und Nasdaq weitere Rekordhochs zu. Allerdings könnte es in der zweiten Jahreshälfte holpriger werden.

Dow Jones (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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Dow 30.000? Nasdaq 10.000? Diese runden Marken könnten im laufenden Jahr fallen. Denn die Chancen für weitere Kurssteigerungen an der Wall Street stehen nicht schlecht. Gerade große, institutionelle Investoren hielten sich zuletzt eher zurück und könnten bald wieder mehr Geld in Aktien stecken, glaubt Aktienstratege Mislav Matejka von der Bank JPMorgan. So sei ein Wirtschaftsabschwung in den USA zumindest in den kommenden Quartalen unwahrscheinlich. Die zuletzt teils angeschlagene Stimmung in der Industrie dürfte sich in den nächsten Monaten erholen, und die jüngsten Leitzinssenkungen der US-Notenbank Fed sollten der Wirtschaft im ersten Halbjahr Rückenwind liefern.

US-Wahlkampf als Kurstreiber?

B5-Moderator Christian Sachsinger

B5 Börse 22.14 Uhr: Dow mit 20 Prozent Jahresplus

Für positive Effekte könnten auch die US-Präsidentschaftswahlen sorgen. Denn Wahljahre in den USA sind gut für die Konjunktur und die Börse. Seit 1920 gab es nur ein einziges Mal in einem Wahljahr eine Rezession, hat die Fondsgesellschaft Fidelity herausgefunden.

S&P 500 (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
Kurs
3.690,42
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Der Wahlkampf, der mit den Vorwahlen im Februar losgeht, könnte die Rekordrally an der Wall Street weiter antreiben. Bereits jetzt wirke sich fast jede Äußerung Trumps unmittelbar auf die Kurse aus, sagt Carsten Mumm, Chefvolkswirt der Privatbank Donner & Reuschel. "Deutlich fallende Aktienkurse würden die Chancen für seine Wiederwahl wohl erheblich senken." Trump werde daher mit allen Mitteln versuchen, für gute Stimmung an der Börse zu sorgen. Ähnlich sieht man dies bei Fidelity. "Trump wird alles dafür tun, dass es keine Rezession gibt", ist Romain Boscher, Aktienchef von Fidelity, überzeugt.

Der Präsident dürfte vor allem eine Annäherung im Zollstreit mit Peking suchen. Und auch China habe Interesse an einer Entschärfung des Handelsstreits im Hinblick auf den 100. Geburtstag der Gründung der Kommunistischen Partei 2021, meint der Fidelity-Aktienstratege.

Was, wenn die Demokratin Warren gewinnt?

Skeptischer ist JPMorgan-Stratege Matejka. Das politische Hauptereignis des Jahres könnte den Investoren die Stimmung ein wenig verderben, glaubt er. Er befürchtet am Ende zwei politische Extreme, die sich gegenüberstehen und die bei Investoren den Eindruck erweckten, dass die Börse so oder so zum Verlierer der Wahl werde. Denn sollten die Demokraten gewinnen, könnte das eine stärkere Regulierung und ein aus Börsensicht ungünstigeres Steuersystem bedeuten. So macht Elizabeth Warren, parteilinke Anwärterin auf eine Präsidentschaftskandidatur für die Demokraten, unter anderem die Zerschlagung der Tech-Riesen zu einem Eckpunkt ihres Wahlprogramms.

Sollte hingegen Trump eine zweite Amtszeit antreten, könnte er wie von der Leine gelassen handeln, da eine nochmalige Wiederwahl nicht möglich ist. Trump könnte dann im Handelsstreit mit China auf mehr Konfrontation setzen, der Zollkrieg könnte eskalieren. Vor diesem Hintergrund glaubt Matejka, dass gerade die zweite Hälfte eines insgesamt positiven Börsenjahres 2020 holprig wird.

JPMorgan: Rezessionsgefahr nach der Wahl

Der JPMorgan-Stratege rechnet mit einem Jahr der zwei Hälften. Während der Aktienmarkt seinen guten Lauf zunächst fortsetzen sollte, dürfte ein Teil der Gewinne in der zweiten Jahreshälfte zusammenschmelzen. Dann könnte die hohe Verschuldung vieler Unternehmen stärker ins Bewusstsein der Anleger rücken, ebenso wie eine mögliche Rezession, deren Wahrscheinlichkeit nach der US-Präsidentschaftswahl steigen könnte.

Tatsächlich prophezeien mehrere Volkswirte eine Rezession in den USA im kommenden Jahr. Das Bankhaus Julius Bär rechnet mit einer milden Rezession 2021. Eigentlich war diese schon 2020 erwartet, wurde aber durch die Zinssenkungen der Fed verschoben. Julius Bär sieht auch mit Sorge, dass einige US-Firmen komplett überschuldet sind. Es gebe immer mehr Zombiefirmen.

Hohe Bewertung von US-Aktien

Ganz so große Sprünge wie 2019 dürften nach Analysten-Einschätzungen die US-Börsen in diesem Jahr nicht mehr machen. Nach den steilen Kursanstiegen im abgelaufenen Jahr ist bereits reichlich Positives in die Kurse eingepreist, Risiken wurden zuletzt eher links liegen gelassen. Die US-Aktien sind auch schon sehr hoch bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im S&P 500 liegt aktuell bei bereits knapp 23 - mehr als der historische Durchschnitt. Wie viele Vorschusslorbeeren verteilt wurden, werde beim Blick auf die in Summe stagnierenden Gewinne der S&P-500-Unternehmen deutlich, erklärt der Chef-Anlagestratege der Commerzbank, Chris-Oliver Schickentanz. Er sieht zwar noch keine Blase am Aktienmarkt, gibt aber zu bedenken, "dass die fundamentalen Erwartungen an das Jahr 2020 nicht ohne sind".