VW-Werk Wolfsburg

Stattdessen Forderung an die EZB VW braucht offenbar keine Staatshilfe

Stand: 27.03.2020, 14:12 Uhr

Produktionsunterbrechung und Kurzarbeit verlängert: Die Corona-Pandemie macht dem deutschen Autobauer zu schaffen. Trotzdem will Volkswagen ohne staatliche Finanzhilfen auskommen - stellt aber eine Forderung an die EZB.

"Aus heutiger Sicht schließe ich das aus", sagte Finanzvorstand Frank Witter der "Börsen-Zeitung" zur Frage nach staatlichen Zuschüssen. Der Konzern verfüge "im Autobereich über einen starken Cash Flow und eine ordentliche Nettoliquidität". Dafür sei im vergangenen Jahr die Basis gelegt worden.

Kurzarbeitergeld hingegen wird VW in Anspruch nehmen. Wegen Lieferengpässen und einem Absatzschwund wollen die Wolfsburger dies für rund 80.000 Beschäftigte beantragen. Trotz der Reserven geht es VW in der Krise darum, das Geld zusammenzuhalten.

Forderung an die EZB

VW-Finanzvorstand Frank Witter

VW-Finanzvorstand Frank Witter. | Bildquelle: picture alliance/Ole Spata/dpa

Dazu gehört laut Witter, Auszahlungen zu reduzieren, sämtliche Programme, Investitionen, Beraterleistungen und anderes einer sehr kritischen Überprüfung zu unterziehen. Neue Beteiligungsverkäufe sind demnach aber bisher nicht geplant. "Der Einzahlungsstrom hat sich im Zuge der fehlenden Fahrzeugverkäufe stark verengt, daher müssen wir auch den Auszahlungsstrom auf das begrenzen, was aktuell wirklich wichtig ist", sagte der Finanzchef.

Wichtige Themen wie der Ausbau der Software-Kompetenz und die Elektromobilität würden nicht vom Tisch fallen, andere Projekte jedoch hinterfragt. An der Dividendenerhöhung will Witter hingegen nicht rütteln. Der Vorschlag, den Aktionären für das Geschäftsjahr 2019 eine um 35 Prozent steigende Ausschüttung zu zahlen, sei "im Moment" angemessen.

In der "Financial Times" wendet sich Witter nicht an den Staat, sondern an die Europäische Zentralbank. Zur Stabilisierung der Märkte solle die EZB verstärkt kurzfristige Schuldtitel von Firmen kaufen. "So bald wie möglich" sollten klare Signale gesetzt werden, sechs- bis neunmonatige Papiere aufzukaufen.

S&P: Ausblick gesenkt

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
150,10
Differenz relativ
-1,34%

Wegen der wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise hat die Ratingagentur S&P den Daumen für die deutschen Autobauer gesenkt. Bei VW hat S&P den Ausblick von "stabil" auf "negativ" reduziert. Die Branche stehe derzeit wegen der lahmenden Nachfrage stark unter Druck.

Schlechtere Ratings können für Unternehmen die Finanzierungskosten erhöhen, wenn Investoren zum dem Schluss kommen, dass sich Risikoprofil unvorteilhaft verändert hat. Am Nachmittag verlor die VW-Aktie im Xetra-Handel zeitweise fast sieben Prozent.

VW wird "praktisch keine" Autos mehr los

Herbert Diess, VW

Herbert Diess, VW. | Bildquelle: picture alliance / Andreas Arnold/dpa

Konzernchef Herbert Diess hat derweil vor möglicherweise noch länger anhaltenden Folgen der Coronavirus-Pandemie für den Autobauer gewarnt. "Wir gehen aus einer starken Position in diese Krise", sagte er am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung "Markus Lanz". "Aber unsere Verkäufe weltweit stehen. Wir machen keinen Absatz, wir machen keinen Umsatz außerhalb Chinas."

Derzeit werde der Hersteller in sämtlichen anderen Märkten "praktisch keine" Autos mehr los, weil die Nachfrage am Boden liege. Infolgedessen nehmen die Liquidität stark ab - Diess sprach von bis zu zwei Milliarden Euro pro Woche. "Wir reduzieren unsere Ausgaben. Wir verschieben Projekte, die nicht erfolgskritisch sind", sagte der Manager.

Wie geht es weiter?

Ob alle der derzeit rund 80.000 in Deutschland kurzarbeitenden Beschäftigten nach den laufenden Werksschließungen wieder voll arbeiten könnten, könne er nicht garantieren: "Es wird davon abhängen: Wie schnell können wir diese Krise beherrschen?" Im Fall einer längeren wirtschaftlichen Talfahrt werde diese "sicher negative Einflüsse auf unser Geschäft haben".

Diess erwartet, dass es dem Konzern und den Mitarbeitern aber gelingen wird, die Probleme abzufedern. Dafür gelte es, die Zeit der Produktionsunterbrechungen zu nutzen: "Wir müssen uns auf den Wiederanlauf vorbereiten." Nötig seien etwa neue Hygienemaßnahmen und größere Abstände an den Bändern. "Ich bin froh, dass wir nun mindestens drei Wochen Zeit haben, uns neu zu organisieren. Ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen, so umzubauen, dass sich keiner anstecken wird."

Mit jedem Tag, an dem keine Fahrzeuge produziert und verkauft werden könnten, verschlechterten sich die Aussichten für das Unternehmen einschneidend, hieß es aber auch in einem am Freitag veröffentlichten Brief der Konzernspitze an die Belegschaft. "Es wird schwer sein und lange dauern, diese Verluste aufzuholen, viel länger als die Coronakrise selbst dauern wird." Deshalb dürften die Logistikketten nicht für längere Zeit unterbrochen bleiben, sonst werde ein Wiederanlaufen der Produktion schwieriger.

Produktionsstopp verlängert - Erfolge beim Vergleich

VW hatte den Fertigungsstopp in Deutschland kurz zuvor um vier weitere Tage bis zum 9. April verlängert. Grund seien die anhaltend sinkende Nachfrage nach Fahrzeugen und die Herausforderungen in der Lieferkette. Seit einer Woche stehen die Bänder bereits still.

Betroffen seien die Werke in Dresden, Emden, Osnabrück, Wolfsburg, Zwickau und von Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover sowie die Werke der Volkswagen Konzern Komponente in Braunschweig, Kassel, Salzgitter, Chemnitz, Hannover Komponente und die deutschen Werke der SITECH.

Beim Hochfahren der Produktion werde Volkswagen auch auf Erfahrungen in China zurückgreifen, wo mittlerweile fast alle Werke wieder produzierten und sich der Markt langsam zu normalisieren scheine.

Derweil gibt es aber auch eine gute Nachricht für das Unternehmen: Bei vielen Teilnehmern der Diesel-Musterklage scheint das Interesse an einem schnellen Vergleich groß. Eine Woche nach dem Start hätten sich bislang nahezu 200.000 Betroffene auf der Vergleichsplattform des Konzerns registriert, teile der Autobauer am Freitag mit.

tb/rtr/dpa