Wirbelnde Euroscheine und dunkle Wolken über VW-Schild
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Rekordgewinn, Rekordabsatz VW - Dieselkrise, na und!?

von von Notker Blechner

Stand: 13.03.2018, 14:40 Uhr

Von Abgas-Skandal bis zu Affentests: VW kommt aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus. Doch das interessiert die Verbraucher in China und den USA herzlich wenig. Global betrachtet sind VW-Autos so gefragt wie nie.

Bei der Präsentation seiner Jahresbilanz am Dienstag in Berlin glänzten die Wolfsburger mit zahlreichen Rekordzahlen. So hat sich 2017 der Gewinn im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt auf 11,4 Milliarden Euro. Das ist mehr als im Jahr vor der bekannt gewordenen Abgasaffäre 2015. Ohne die "Dieselgate"-Kosten hätte VW gar 17 Milliarden Euro verdient. Die Bewältigung des Diesel-Skandals kostete 2017 den Autobauer 3,2 Milliarden Euro - nur noch halb so viel wie im Jahr davor.

Das operative Ergebnis kletterte gar auf ein Rekordniveau von 13,8 Milliarden Euro - über sieben Milliarden mehr als im Vorjahr. Der Umsatz stieg im abgelaufenen Jahr um über sechs Prozent auf 231 Milliarden Euro, ebenfalls ein Rekordwert.

Pole Position verteidigt

Denn das Tagesgeschäft läuft rund: Mit 10,74 Millionen Fahrzeugen verkauften 2017 die Wolfsburger mehr Autos als jeder andere Hersteller der Welt. Selbst in den USA steigerte der Konzern seinen Absatz.

Größter Gewinnbringer war Audi. Die Oberklasse-Tochter verdiente operativ 5,1 Milliarden Euro. Porsche erwirtschaftete ein operatives Ergebnis von 4,14 Milliarden Euro. Und auch die Kernmarke VW trug mit rund 3,3 Milliarden Euro - bereinigt um Sonderkosten für die Diesel-Affäre - zum Gewinnsprung bei.

Müller bekommt über zehn Millionen Euro

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ARD-Börse: VW und die Zukunft

Die gute Entwicklung beschert den VW-Vorständen ein dickes Gehaltsplus. Vorstandschef Matthias Müller strich 2017 mehr als 10,1 Millionen Euro ein. Ein Jahr zuvor waren es noch 7,25 Millionen.

Dabei ist es kaum zweieinhalb Jahre her, als "Dieselgate" das VW-Imperium erschütterte. Die Affäre um Software-Manipulationen an Diesel-Motoren hat bis heute den Konzern über 20 Milliarden Euro gekostet und die Jahresbilanzen von 2015 und 2016 belastet.

"Abgas-Skandal" überwunden?

VW I.D. Cross
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Börse 12.00 Uhr Volkswagen zu Elektromobilität

Doch die Diesel-Krise hat VW nur kurz gebremst und das Image des Autobauers ramponiert. Inzwischen scheint der Abgasskandal ausgestanden, meinen Experten wie Analyst Frank Schwope von der NordLB. Sogar in den USA wissen 99 Prozent der Bevölkerung nicht mehr, dass VW die Abgaswerte manipulierte.

Auch in vielen anderen Ländern der Welt wird der Dieselskandal ignoriert. Die Chinesen zum Beispiel interessieren sich überhaupt nicht für "Dieselgate". Kein Wunder, schließlich verkauft VW seit Jahren keine Diesel-Fahrzeuge mehr im Reich der Mitte. China ist der wichtigste Absatzmarkt für die Wolfsburger. Fast 40 Prozent aller Autos werden dort verkauft.

Nur in Deutschland stockt der Markt

Nur in einem Schlüsselmarkt läuft's nicht rund: in Deutschland. Hierzulande verkaufte Volkswagen im vergangenen Jahr 0,4 Prozent weniger Autos. Offenbar hat die Diesel-Debatte im Heimatmarkt den Konzern getroffen. Die Angst vor möglichen Fahrverboten lässt viele Bundesbürger vor dem Kauf eines Diesel-Autos zurückschrecken.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
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Zwar sind die Folgen von "Dieselgate" noch nicht ganz verdaut. Hinsichtlich der Rückstellungen für Diesel-Nachrüstungen und Fahrzeug-Rückkäufe "wird in den nächsten Jahren noch einiges kommen, falls es tatsächlich Fahrverbote geben sollte und Schadensersatzklagen Erfolg haben", meint Analyst Schwope von der NordLB. Doch das sei nicht dramatisch, selbst das sollte der Konzern locker wegstecken, glaubt der Experte.

Auch der jüngst bekannt gewordene Skandal um Abgastests mit Affen wird wohl allenfalls dem VW-Image etwas schaden. Finanzielle Folgen hieraus sind kaum zu erwarten. Schwerer wiegt da der Vorwurf eines Kartells der deutschen Autobauer bei Technik, Kosten und Zulieferer. In geheimen Arbeitsgruppen sollen sie sich angeblich über ihre künftigen Fahrzeuge abgesprochen haben.  Sollte sich der Verdacht erhärten, könnte die EU-Kommission Milliarden-Strafen verhängen.

Das Erfolgsmodell von VW

Trotz Skandalen, Affentests und Fahrverbots-Diskussionen: Auch 2018 dürfte VW seine Erfolgsfahrt fortsetzen und den Auslieferungs- und Umsatzrekord erneut übertreffen. Bleibt die Frage: Warum manövrieren sich die Wolfsburger so sicher durch all die Turbulenzen? Experten haben dafür eine ganz simple Antwort: VW baue einfach die besseren Autos. Bei der Verarbeitung, dem Spritverbrauch und den Infotainment-Angeboten lägen die Wolfsburger vor der Konkurrenz, meint Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach.

Zudem hat der Konzern bei seiner Modellpolitik die Kurve gefunden und mit SUVs den Geschmack der Kunden getroffen. 2020 sollen 19 unterschiedliche Geländewagen im Angebotsportfolio der Marke VW stehen. Dann soll der Anteil der SUVs am VW-Absatz auf 40 Prozent steigen.

VW Touareg

VW Touareg. | Bildquelle: Unternehmen

Die große E-Auto-Offensive

Den Trend zur Elektromobilität hat VW freilich lange Zeit verschlafen. Der Dieselskandal hat den größten Autobauer der Welt aber endlich aufgeweckt. Nun investieren die Wolfsburger in den nächsten fünf Jahren 34 Milliarden Euro in die elektrische und digitale Ära von morgen. Bis 2025 will der Konzern gut 80 Elektromodelle auf den Markt bringen. An weltweit 16 Standorten sollen bis Ende 2022 Stromer gefertigt werden. Bisher sind es erst drei Standorte.

Ganz verzichten auf den Diesel will VW künftig nicht, auch weil sonst wohl die ehrgeizigen Klimaziele der EU nicht erfüllt werden könnten. "Ich bin fest überzeugt, dass der Diesel ein Revival erleben wird", sagte Konzernchef Matthias Müller auf dem Genfer Autosalon. Schließlich habe der Antrieb vor allem auf langen Strecken immer noch seine großen Vorteile.

Bringt VW die Brummi-Sparte an die Börse?

An der Börse hat die jüngste Diesel-Debatte nur wenig Wirkung gezeigt. VW hat sich längst vom Abgasskandal erholt. Die Aktien notieren wieder nahe des Niveaus von vor "Dieselgate". Neue Fantasie in den Aktienkurs könnte ein Umbau des Konzerns bringen. Am Rande des Genfer Autosalons bestätigte Vorstandschef Müller erstmals Überlegungen für einen Börsengang der Nutzfahrzeug-Sparte. Der Vorstand beschäftige sich mit solchen Fragen "die ganze Zeit".

Darüber hinaus wird über Verkäufe von Randbereichen wie der Motorradmarke Ducati und dem Getriebehersteller Renk immer wieder spekuliert. Angeblich bremsten die Familieneigner bei VW Müller hier aus. Sie pochten darauf, dass solche Fragen erst im Aufsichtsrat beraten werden. Analysten und Fondsmanager fordern schon seit längerem eine Neustrukturierung des Mehr-Markenkonzern. Arndt Ellinghorst, Analyst vom Investmentberater Evercore ISI, meint, der Konzern sei mit zwölf Marken zu groß und komplex geworden und nur schwer zu steuern.

Angst vor Präsident Trump

Zum Spielverderber könnte mal wieder die Politik werden. Sollte US-Präsident Donald Trump seine Drohungen wahr machen und Strafzölle auf deutsche Autoimporte verhängen, hätte VW ein Problem. Die Wolfsburger produzieren nicht nur Autos in den USA, sondern exportierten auch große Stückzahlen.

Letztlich ist VW aber unbeschadet durch alle Krisen gekommen. Bei den Wolfsburgern gebe es im Durchschnitt alle zehn Jahre einen Skandal, der dann relativ rasch weggesteckt werde, hat der Journalist Marc C. Schneider in seinem Buch "Volkswagen - eine deutsche Geschichte" analysiert. So war es zuletzt auch 2006/2007, als ein Sexskandal den Konzern erschütterte. Heute spricht kaum einer mehr von den "Sex-Managern aus Wolfsburg". Stattdessen gelten die VW-Manager jetzt als Diesel-Betrüger und Tierquäler. Doch auch solche Vorwürfe werden sich wohl bald wieder in der (Diesel-)Wolke auflösen…