China: Kunden sehen sich zum Verkauf angebotene VW-Fahrzeuge an.

Virtuelle Hauptversammlung VW: Der China-Faktor

Stand: 30.09.2020, 09:46 Uhr

Fünf Monate später als geplant lädt VW seine Aktionäre heute zur virtuellen Hauptversammlung. Der Autobauer steht vor riesigen Herausforderungen, hat aber auch einige Asse im Ärmel. Eines davon heißt China.

Natürlich hat der allgemeine Lockdown im Frühjahr auch den Volkswagen-Konzern hart getroffen. Der Autoriese ist im ersten Halbjahr tief in die roten Zahlen gerutscht. Im Automobilgeschäft (ohne die Finanzsparte) rutschte das Ergebnis von plus 7,6 Milliarden Euro auf minus 2,7 Milliarden ab. Konzernweit schrumpften die Auslieferungen seit Jahresbeginn um mehr als ein Fünftel unter den Wert von 2019. Nur dank der relativ stabilen Bank- und Finanzsparte konnte der Gesamtkonzern in den ersten sechs Monaten den Nettoverlust auf eine Milliarde Euro begrenzen.

Auf eine Dividende müssen die Aktionäre, allen voran die Familien Porsche und Piech sowie das Land Niedersachsen, dennoch nicht verzichten. Allerdings fällt die einst versprochene Erhöhung von 30 Prozent aus und es bleibt bei der Ausschüttung wie im vergangenen Jahr von 4,80 Euro je Stammaktie und 4,86 Euro je Vorzugsaktie.

Signal der Zuversicht

Dass der Konzern trotz des verheerenden Absatzeinbruchs und tiefroter Zahlen trotzdem an der Zahlung festhält, gilt als ein Signal der Zuversicht. Tatsächlich dürfte das dritte Quartal wieder besser aussehen, weil die flächendeckenden Lockdowns vorüber sind. Gut möglich, dass Konzernchef Herbert Diess den Aktionären für das Gesamtjahr 2020 sogar schwarze Zahlen in Aussicht stellt.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
135,64
Differenz relativ
-2,46%

Dass VW bisher relativ glimpflich durch die Krise gekommen ist, ohne den Abbau von vielen Tausend Arbeitsplätzen zu verkünden, hat er wesentlich seiner üppigen Finanzausstattung zu verdanken. Anfang dieses Jahres betrug das zur Verfügung stehende Geldpolster eigenen Angaben zufolge 21 Milliarden Euro.

Stabilitätsfaktor China

Damit war es dem Konzern möglich, die laufenden Fixkosten zu begleichen während die Produktion und der Verkauf von Autos in Europa im März und April praktisch zum Erliegen gekommen war.

Als weitere Stütze des Unternehmens erweist sich seine starke Stellung in China. Hier legten die Verkäufe gegenüber den Vorjahresmonaten zuletzt wieder zu. Schon im zweiten Quartal konnten die chinesischen Gemeinschaftsunternehmen ihr anteiliges operatives Ergebnis steigern.

Der zwanzigmillionenste VW läuft in China vom Band

Der zwanzigmillionenste VW läuft in China vom Band. | Bildquelle: imago images / Xinhua

Auch im August meldete VW in dem Land ein Verkaufsplus im Jahresvergleich von 3,5 Prozent, wenngleich der Rückgang auf Jahressicht mit 11,6 Prozent immer noch beträchtlich ist. Im margenträchtigen Premium-Segment erwartet der Konzern in China für dieses Jahr schon ein leichtes Wachstum.

Wie wichtig die Volksrepublik für die Wolfsburger ist, zeigen auch diese Zahlen: Etwa 20 Prozent der dort verkauften Autos tragen das Logo einer VW-Konzernmarke, 40 Prozent ihrer weltweit verkauften Autos setzen die Wolfsburger allein in dem Land ab.

Milliarden für E-Mobilität in China

VW ID.3

VW ID.3. | Bildquelle: picture alliance / S. Kahnert / dpa-Zentralbild / dpa

Entsprechend herausragend ist die Rolle, die China auch bei der Elektromobilität spielt. Der Dax -Konzern will dort zusammen mit seinen Gemeinschaftsunternehmen zwischen den Jahren 2020 und 2024 rund 15 Milliarden Euro in den Ausbau der E-Mobilität investieren. Bis 2025 wolle Volkswagen 15 neue elektrifizierte Modelle lokal produzieren, sagte Vorstandschef Diess am Montag.

China soll in großem Maße elektrifiziert werden, bis zum Jahr 2025 soll das dortige Produktportfolio zu rund 35 Prozent aus rein elektrischen Modellen bestehen. Eine Ausweitung um bis zu fünf neue Modelle sei dabei geplant, hieß es aus Peking. Die Summe von 15 Milliarden Euro allein in China kommt demnach zu geplanten Investitionen in Höhe von 33 Milliarden Euro hinzu, die der Konzern im Zuge seiner Elektrifizierungsstrategie im selben Zeitraum bis 2024 weltweit ausgeben will.

Auch hierzulande kommt die Elektrooffensive ins Rollen - gerade rechtzeitig in dem Moment wo sich die Nachfrage nach Elektroautos als stabilisierendes Element erweisen könnte. Die Bundesregierung hatte die Förderung von Batterie- und Hybridfahrzeugen nochmals erhöht und zudem auf begrenzte Zeit die Mehrwertsteuer gesenkt.

Hofnungsträger ID.3

Nun kommt auch der große VW-Hoffnungsträger für das Elektrozeitalter ID.3 endlich zur breiten Kundschaft. Jüngst stellte VW zudem den ID.4 vor, einen Kompakt-SUV, der sich ab Jahresende gegen den derzeitigen Elektroprimus Tesla mit seinem Model Y stellen soll. Spannend dürfte dabei werden, wie Tesla mit der entstehenden Fabrik vor den Toren Berlins auf dem Heimatmarkt des weltgrößten Autobauers agiert.

Gerade erst kündigte Tesla-Chef Elon Musk einen Schnäppchen-Tesla an, der für 25.000 Dollar (rund 21.400 Euro) zu haben sein könnte. VW-Chef Diess hatte einst angekündigt, den Vormarsch der Kalifornier unter der Preismarke von 30.000 Euro stoppen zu wollen.

Dieselbetrug bleibt Belastung

Verschmutztes VW-Logo

VW Dieselskandal. | Bildquelle: picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa

Belastet wird VW allerdings weiter vom Dieselbetrug. Jüngst musste der Konzern auch wieder rund 700 Millionen Euro an Sonderkosten dafür verbuchen, weil das Ausräumen der vielen Kundenklagen nach einem ungünstigen BGH-Entscheid jetzt teurer wird. Nun steht die Abgasrechnung bei insgesamt 32 Milliarden Euro.

Ex-Chef Martin Winterkorn muss sich vor Gericht mindestens dem Verdacht des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs stellen, weitere Manager aus der Zeit sind ebenfalls angeklagt. Zwar hat das aktuelle Führungsduo aus Diess und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch die Gefahr einer eigenen Anklage mittlerweile durch eine Geldzahlung gebannt. Unbequeme Prozesse aber bleiben den Wolfsburgern erhalten, allein schon das Mammutverfahren nach dem Kapitalanlegermusterverfahrensgesetz (KapMuG), in dem Anleger milliardenschwere Wiedergutmachung wegen angeblich zu später Information der Finanzmärkte einfordern.

Ärger bei MAN

Auch darüber hinaus gibt es Ärger: Beim Lkw-Bauer MAN aus der VW-Nutzfahrzeugholding Traton laufen die Arbeitnehmer Sturm gegen die Pläne, bei der MAN Truck & Bus mit 9.500 Arbeitsplätzen rund jede vierte Stelle zu streichen. Bei der schwedischen Schwestermarke Scania stehen 5.000 Jobs zur Disposition. Schon vor der Corona-Krise war der Ausblick auf den Nutzfahrzeugmärkten konjunkturell mies und VW waren die Kosten zu hoch. Doch die Pandemie hat Auslieferungen und Bestellungen von Trucks noch einmal deutlich schärfer einbrechen lassen.

Insgesamt bleibt VW also ein komplexer und vielschichtiger Konzern, der es bisher aber geschafft hat, besser durch die Corona-Krise zu kommen als viele Konkurrenten.

lg