Wirecard-Zentrale in Aschheim

Noch-Dax-Titel gewinnt zweistellig Vorsicht bei der Wirecard-Aktie!

von Detlev Landmesser

Stand: 27.07.2020, 10:04 Uhr

77 Interessenten für das Kerngeschäft der insolventen Wirecard - das hört sich gut an. Wer aber nun die Wirecard-Aktie kaufen will, sollte berücksichtigen, dass die Aktionäre sehr wahrscheinlich leer ausgehen werden.

Vielleicht haben Sie bereits horrende Verluste mit der Wirecard-Aktie erlitten und denken nun, angesichts der positiven Nachrichten über den Verwertungsprozess doch wieder einsteigen und ein paar Euro "zurückgewinnen" zu können? Vergessen Sie's lieber. Denn auch wenn solche Nachrichten für kurzfristige Zuckungen nach oben sorgen können - alle Erfahrung spricht dafür, dass die Aktie bereits jetzt praktisch wertlos ist.

Wircard-Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé - Archivbild von 2008

Wircard-Insolvenzverwalter Dr. Michael Jaffé. | Bildquelle: (c) dpa - Bildfunk

Für das Kerngeschäft hätten 77 Interessenten Vertraulichkeitsvereinbarungen unterzeichnet, hatte der Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Michael Jaffé am Wochenende mitgeteilt. "Wir sind zuversichtlich, einen Investor für das Kerngeschäft zu finden." Als Konsequenz daraus schnellt die Wirecard-Aktie zur Stunde im Xetra-Handel um über 20 Prozent nach oben.

Asset Deal versus Share Deal

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,80
Differenz relativ
-3,16%

Was viele unerfahrene Anleger nicht wissen: Interessenten für das Kerngeschäft haben keinerlei Interesse daran, das Unternehmen als solches - also die Aktie - zu kaufen. Damit würden sie sich eine gewaltige Menge an Problemen ins Haus holen: Ein Bilanzchaos sondergleichen, eine Klagewelle geschädigter Anleger und vor allem einen gigantischen Schuldenberg. Dieser ist noch nicht einmal zu beziffern, ist doch die Buchführung über Jahre hinweg gefälscht worden, womit allein das Bilanzloch deutlich über den bisher aufgedeckten 1,9 Milliarden Euro liegen dürfte.

Warum also sollte ein Wirecard-Konkurrent die Aktie kaufen? Viel eleganter ist es, Geschäftsteile aus der Insolvenzmasse zu ziehen. Man nennt das Asset Deal, in Abgrenzung zum Share Deal, dem Aktienkauf.

Rentenmarkt ist realistischer

Natürlich wird der Insolvenzverwalter damit Cash in noch unbekannter Höhe erlösen, um damit die Forderungen an die Insolvenzmasse zu bedienen. Nur: Die Aktionäre als "Eigentümer" von Wirecard müssen sich in diesem Prozess ganz hinten anstellen, das heißt Gläubiger werden zuerst bedient.

Gläubiger sind neben den Beschäftigten und Zulieferern des Noch-Dax-Konzerns vor allem die Kreditgeber. Dazu gehören auch die Inhaber der Anleihe, und hier zeigt sich, dass der Anleihemarkt die Chancen deutlich realistischer einschätzt als der Aktienmarkt. Die Wirecard-Anleihe mit Laufzeit bis 2024 notiert gerade mal bei 12,5 Prozent und hat von den jüngsten Nachrichten kaum profitiert.

Selbst den Anleihegläubigern billigt der Markt also wenig Aussicht auf eine Rückzahlung ihrer Gelder zu. Das sollte Anlegern zu denken geben, die sich für die Aktie interessieren.