Kassierer einer türkischen Bank mit mehreren Lira- und Dollar-Scheinen

Erste Entscheidung des neuen Notenbankchefs Kräftige Zinserhöhung in der Türkei

Stand: 19.11.2020, 14:43 Uhr

Bläst jetzt ein anderer Wind am Bosporus? Der neue türkische Zentralbankchef hat mit einem deutlichen Zinsschritt seine Unabhängigkeit demonstriert. Staatspräsident Erdogan hatte zuletzt immer wieder Zinserhöhungen abgelehnt.

Schlägt die Türkei nun wieder einen wirtschaftsfreundlicheren Kurs ein, um ausländische Investoren anzulocken? Nach dem überraschenden Machtwechsel an der Spitze hat die türkische Zentralbank den Leitzins stark angehoben - von derzeit 10,25 Prozent auf 15 Prozent. Die Entscheidung fiel in der ersten vom neuen Notenbankchef Naci Agbal geleiteten Sitzung.

Kampf gegen die hohe Inflation

Die türkischen Währungshüter versprachen, entschlossen am Straffungskurs festzuhalten, um die Inflation in Schach zu halten. Die Teuerungsrate liegt im zweistelligen Prozentbereich. Die türkische Lira büßte seit Jahresbeginn gut 27 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar ein.

Staatschef Recep Tayyip Erdogan, eigentlich ein Gegner höherer Zinsen, hat sich zuletzt offen für einen geldpolitisch härteren Kurs gezeigt und seinen Vertrauten Naci Agbal zum Zentralbankchef ernannt. Agbals Vorgänger, Murat Uysal, war Anfang November von Präsident Recep Tayyip Erdogan entlassen worden. Einen Tag danach trat der amtierende Finanzminister Berat Albayrak zurück, der Schwiegersohn Erdogans.

Meinungswandel von Erdogan?

Am Mittwoch hatte Erdogan eine "neue Mobilmachung" in der Wirtschaft, der Justiz und der Demokratie angekündigt. Politikbeobachter sehen das als Manöver, um ausländische Investoren wieder ins Land zu locken.

Eigentlich gilt Erdogan als vehementer Gegner von Zinsanhebungen. Noch am Dienstag hatte er seine Abneigung gegen höhere Zinsen deutlich gemacht. Vor führenden Wirtschaftsvertretern sagte er, Investoren dürften nicht dadurch "erdrückt" werden. Die Türkei solle sich wirtschaftlich auf Exporte, Produktion und Arbeitsplätze konzentrieren. Zugleich betonte er, der Kampf gegen Inflation habe oberste Priorität.

Lira erholt sich nur kurz

Der vom neuen türkischen Notenbankchef bestandene Glaubwürdigkeitstest kam an den Devisenmärkten zunächst gut an. Die türkische Lira legte nach dem weitgehend erwarteten Zinsschritt um fast zwei Prozent zu - auf 7,56 Lira gegen den Dollar. Danach gab die Währung aber wieder einen Teil ihrer Gewinne ab. Anfang November waren noch mehr als 8,50 Lira für einen Dollar bezahlt worden.

Das Auf und Ab der Lira in den vergangenen Wochen habe bei den Investoren ein Wechselbad der Gefühle ausgelöst, meinte Devisenexperte Oliver Harvey von der Deutschen Bank. Da sei es nicht verwunderlich, dass die Marktteilnehmer an der Lira als attraktivem Handelsobjekt zweifelten.

Im Oktober waren die Investoren noch auf dem falschen Fuß erwischt worden, als die Notenbank die Füße still hielt und trotz der Währungskrise den Zins nicht anhob. Im September hatte sie hingegen überraschend eine Erhöhung beschlossen. Nun gelobte die Notenbank, auf Prinzipien wie Transparenz und Berechenbarkeit zu achten.

nb