Lädierte türkische Flagge
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Türkische Lira im freien Fall Märkte spielen Pleite der Türkei durch

Stand: 10.08.2018, 15:29 Uhr

Die Türkische Lira ist im freien Fall. Anleger verkaufen im großen Stil türkische Aktien und Staatsanleihen. Sie befürchten, neue US-Sanktionen könnten einen Staatsbankrott nach sich ziehen.

Seit Donnerstag kommt es zu heftigen Kursverlusten bei der türkischen Währung, die zum Euro und zum US-Dollar heute auf neue Rekordtiefststände fällt. In den vergangenen zwei Tagen summieren sich die Kursverluste der Lira im Handel mit dem Euro auf über 14 Prozent. Am frühen Nachmittag wird eine Lira für 0,1378 Euro gehandelt - so billig wie noch nie. Zum Dollar hat die Lira seit Jahresbeginn über ein Drittel ihres Werts verloren.

Streit um US-Pastor Brunson

B5-Moderatorin Margit Siller
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B5 Börse 14.12 Uhr: Lira wertet weiter ab, während Erdogan spricht

Die Investoren hätten im großen Stil türkische Aktien und Anleihen verkauft und sorgten damit für immer mehr Abwertungsdruck, hieß es in einer Einschätzung der Landesbank Baden-Württemberg. Am Dienstag hatte die Rendite der zehnjährigen türkischen Staatsanleihe erstmals die Marke von 20 Prozent überschritten. "Mittlerweile spielen die Märkte durchaus einen Default der Türkei durch, die Prämien der Kreditausfallversicherungen (CDS) kletterten auf mehrjährige Höchststände."

Die wachsende Einflussnahme von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf die Zentralbank beunruhigt internationale Investoren schon seit Monaten. Hinzu kommt aktuell der Streit zwischen Washington und Ankara über den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson. Am Nachmittag kündigte US-Präsident Trump per Twitter die Verdopplung der Zollsätze auf türkische Stahl- und Aluminiumprodukte an - was die türkische Währung weiter unter Druck brachte. Zuvor hatten schon Reden von Erdogan und des neuen Finanzministers Berat Albayrak den Kursverfall nicht stoppen können.

Schwerer Schlag für Ankara

Der Auswärtige Ausschuss des US-Senats hat bereits ein Gesetz beschlossen, das es den US-Vertretern bei der Weltbank und bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung untersagen würde, weiteren Krediten an die Türkei zuzustimmen. Das wäre ein schwerer Schlag für Ankara, gehört das Land doch zu den größten Kreditnehmern bei diesen Institutionen.

Die Blockade weiterer Kredite an die Türkei muss zwar erst noch vom Senat beschlossen und vom Präsidenten abgesegnet werden. Doch alleine die Aussicht genügt, um die Währung immer weiter abstürzen zu lassen. Schließlich ist kaum ein Land der Welt so abhängig von ausländischem Kapital wie die Türkei. Experten sprechen daher auch von einem Zombiestaat, der nur durch fremdländisches Kapital am Leben erhalten wird.

Sorge um Bankenkredite

An den europäischen Aktienmärkten geht indes die Sorge um, dass die milliardenschweren Türkei-Kredite insbesondere spanischer, italienischer und französischer Banken ausfallen könnten. Quer durch Europa waren Bankentitel am Freitag die größten Kursverlierer.

"Macht Euch keine Sorgen"

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Erdogan hatte sich schon zuvor bemüht, die Furcht vor einem weiteren Verfall der Lira zu zerstreuen. "Macht Euch keine Sorgen", rief er am späten Donnerstagabend in Rize am Schwarzen Meer Anhängern zu. Derzeit liefen gegen die Türkei mehrere Kampagnen, sagte er mit Blick auf den Streit mit den USA. "Beachtet sie nicht." Er ergänzte: "Vergesst nicht, wenn sie ihre Dollars haben, dann haben wir unser Volk, unseren Gott."

ag

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Experten sind alarmiert Währungsverfall in der Türkei

Lutz Karpowitz

Lutz Karpowitz, Analyst Commerzbank
"Bisher zeigt sich Präsident Erdogan von der Reaktion der Finanzmärkte unbeeindruckt. Das ist ein gefährliches Spiel: Je später er nachgibt, desto größer der Schaden, denn ohne Politikwechsel dürfte die Lage weiter eskalieren. Dann wären auch Kapitalverkehrskontrollen wahrscheinlich. Wer derzeit nicht auf ein Einlenken von Erdogan setzen mag, sollte eine weitere massive Lira-Schwäche einplanen."