Tomtom Kartierungsfahrzeug

Navi-Urgestein TomTom – Totgesagte leben länger

von Angela Göpfert

Stand: 05.02.2020, 10:22 Uhr

Die Erfindung des Smartphones änderte für TomTom alles. Der Navi-Hersteller schaffte es trotzdem zu überleben. Heute ist sein Karten-Know-how bei Firmen wie Apple, Uber, Daimler und Huawei gefragt.

2001 fertigte TomTom das erste mobile Navigationssystem für Kraftfahrzeuge, den "TomTom Navigator". Doch 19 Jahre später hat das mobile Navi an der Windschutzscheibe ausgedient. Die Kunden nutzen lieber ihre Smartphones, um sich den Weg weisen zu lassen, oder die im Auto fest eingebauten Navis. Ist in einer solchen Welt überhaupt noch Platz für die Amsterdamer Firma?

Tatsächlich hat es TomTom geschafft, trotz aller Widrigkeiten zu überleben. Die Antwort auf die Frage nach dem Wie findet sich bei Charles Darwin: "Nicht die stärksten oder die intelligentesten Spezies werden überleben, sondern diejenigen, die sich am schnellsten anpassen."

Fakt ist: Feste Navigationssysteme, die man sich an die Windschutzscheibe klebt, braucht heute (fast) kein Mensch mehr. Die dahinter liegenden Kartendaten aber sehr wohl.

Zurück in die Vergangenheit?

Tomtom Go 6100

Hat nahezu ausgedient: Navi von TomTom . | Bildquelle: Unternehmen

TomTom wandelt sich daher zunehmend vom Hard- zum Softwarekonzern. Harold Goddijn, der seit fast zwei Jahrzehnten an der Spitze des Konzerns steht, will sich in Zukunft stärker auf Navigationssoftware und Echtzeit-Verkehrsinformationen konzentrieren.

Das ist auch eine Rückkehr zu den Wurzeln der Amsterdamer Firma. Deren Kernkompetenz sind nämlich ohnehin nicht die Navis an sich – sondern die Kartendaten, die TomTom seit Jahrzehnten sammelt.

Autobauer und Tech-Konzerne als Kunden

Heute steht das Navi-Urgestein mit seinen mehr als 4.000 Mitarbeitern als einer der führenden Anbieter hochexakter digitaler Karten da. Und die Liste seiner namhaften Kunden ist lang.

Große Technologiefirmen wie Apple und Microsoft finden sich hier. Apple nutzte bislang TomTom-Daten für seine auf iPhones vorinstallierte Karten-App. Seine elektronischen Straßenkarten verkauft TomTom aber auch höchst erfolgreich an Autohersteller wie Renault, Peugeot, BMW, Daimler oder VW. In bis zu 90 Prozent aller Fahrzeuge weltweit sind nach Angaben des Konzerns Daten von TomTom zu finden.

Daimler Freightliner Truck

Fährt dieser Daimler-Truck bald spritsparender?. | Bildquelle: Unternehmen

Mit Daimler und Bosch kooperiert TomTom überdies in Brasilien. Anfang Januar gaben die Konzerne bekannt, gemeinsam an automatisierten Fahrassistenzsystemen zu forschen, die LKWs beim Spritsparen helfen sollen.

Autonomes Fahren als Treiber

Ebenfalls im Januar konnte TomTom den chinesischen Technologiekonzern Huawei als Kunden gewinnen. Huawei-Handys sollen künftig ihr Kartenmaterial von TomTom bekommen. Wegen eines US-Embargos darf Huawei Google Maps nicht mehr auf seinen Geräten vorinstallieren.

Doch nicht nur die Trumpsche Politik, auch der Trend zum autonomen Fahren kommt den Niederländern entgegen. Denn selbstfahrende Autos brauchen vor allem eines: hochexaktes HD-Kartenmaterial, das über den Detailgrad herkömmlicher Routenübersichten weit hinausgeht.

Selbstfahrendes Auto von Uber

Selbstfahrendes Auto von Uber. | Bildquelle: Model Foto: colourbox.de

Straßenverläufe, Fahrbahnneigungen, Spurmarkierungen, Schilder- und Ampelpositionen müssen zentimetergenau dokumentiert werden. Nicht umsonst gehört Uber zu TomToms Kunden. Der US-Fahrdienstleister forscht selbst intensiv zu selbstfahrenden Autos.

Profitieren vom E-Trend

Elektroauto wird an einer Stromtankstelle aufgeladen

Wo ist die nächste E-Ladesäule - und ist sie frei? Für Elektroauto-Fahrer sind das wichtige Fragen. | Bildquelle: picture alliance/Roland Weihrauch/dpa

Auch ein weiterer Mobilitätstrend, die Elektromobilität, kommt den Niederländern zupass. 2019 stellte der Konzern zwei neue Programmierschnittstellen vor, die bei der Entwicklung von Anwendungen für die Elektromobilität helfen sollen.

Algorithmen können so eine Route unter Einbeziehung der Ladung des Akkus und den Stopps zum Laden der Batterie planen. Dabei wird auch berücksichtigt, ob eine Ladestation passend zum Anschlusstyp frei ist.

Aktie zuletzt gefragt

Das Interesse der Autohersteller und Technologiekonzerne an den Daten von TomTom spiegelt sich auch im Aktienkurs der börsennotierten Firma wider: Binnen fünf Jahren hat sich das Papier in der Spitze verdoppelt auf über 11,00 Euro.

Tomtom Chart seit 2006

Erholung auf erniedrigtem Niveau: die TomTom-Aktie . | Bildquelle: boerse.ARD.de

Am Mittwoch stürzt der Aktienkurs jedoch nach einem Gewinneinbruch 2019 ab. Ein Blick auf den Langfrist-Chart verrät zudem: Von den gut 43 Euro, die Anleger noch 2007 für TomTom zahlten, ist die Aktie heute meilenweit entfernt.

TomTom ist damit der beste Beweis dafür, dass wirtschaftlicher Erfolg genauso schnell verschwinden kann, wie er gekommen ist. Und dass smarte Unternehmen mit der Fähigkeit zur Adaption trotzdem nicht untergehen müssen.