Logos von Walmart, Tiktok, Microsoft

Oracle sticht Microsoft aus Tiktok: Warum das auch eine Niederlage für Walmart ist

von Lothar Gries

Stand: 14.09.2020, 14:09 Uhr

Im Ringen um die Zukunft der populären Video-App Tiktok in den USA zeichnet sich ein Sieg des Softwarekonzerns Oracle ab. Der Deal wäre nicht nur eine Niederlage für Microsoft. Auch die Supermarkt-Kette Walmart wäre betroffen.

Für Walmart-Chef Doug McMillon muss es enttäuschend gewesen sein zu erfahren, dass Tiktok in den USA wohl an Oracle statt an Microsoft geht. Denn die Partnerschaft mit dem Windows-Konzern sollte dem Einzelhändler einen besseren Zugang zu jüngeren Verbrauchern ermöglichen - und damit den Einstieg in einen ganz neuen Trend im Internethandel markieren, dem "Social Commerce". Der scheint so verlockend, dass Walmart noch in der Nacht verkündete, weiter Interesse an Tiktok zu haben und verhandeln zu wollen.

Dough McMillon, Walmart

Dough McMillon. | Bildquelle: picture alliance / AP Images

Wirklich überrascht dürfte McMillon aber auch nicht gewesen sein, denn es hatte sich bereits abgezeichnet, dass US-Präsident Trump ausschließlich ein Technologieunternehmen als Partner für Tiktok bevorzugt. Das passe besser zu der von der Regierung vorgetragenen These, die Video-App stelle eine Gefahr für die nationale Sicherheit der USA dar, weil durch sie chinesische Behörden Zugriff auf Daten von Millionen von Amerikanern erhalten, hieß es in verschiedenen US-Medien.

Oracle-Mitgründer ist Trump-Fan

Larry Ellison

Larry Ellison. | Bildquelle: picture alliance / newscom

Oracle - ein Anbieter von Cloud-Diensten - hat zwar keine Erfahrung mit sozialen Medien, aber der 76-jährige Konzern-Mitgründer Larry Ellison gilt als einer der wichtigsten Trump-Unterstützer im Silicon Valley. Dieser Aspekt habe bei der Entscheidung eine wichtige Rolle gespielt, mutmaßen US-Medien. Das Weiße Haus und ein für ausländische Investitionen in den USA zuständiges Gremium müssen dem Deal nun noch zustimmen.

Trump hat US-Firmen und -Bürgern Geschäfte mit Tiktok ab Mitte September verboten. Letzte Woche betonte er sogar, die Frist werde nicht verlängert. Sie läuft gemäß der Anordnung bis zum 20. September, während Trump mehrfach den 15. September als Stichtag nannte.

ByteDance will nicht verkaufen

Doch Trump ist klug genug zu wissen, dass es politisch äußerst unklug wäre, die bei jungen Amerikanern so beliebte App in den USA zu verbieten. Also musste ein Deal her, natürlich mit einem amerikanischen Technologiekonzern, dem die Verwaltung der Benutzerdaten von Tiktok anvertraut werden kann.

Auf diese Weise darf Tiktok in den USA weiter genutzt und zugleich die chinesische Regierung beschwichtigt werden. Auch über einen Einstieg von Oracle bei Tiktok werde verhandelt, hieß es. Microsoft gab sich bereits geschlagen und erklärte, der Konzern habe eine Absage von ByteDance, dem chinesischen Eigentümer, erhalten.

Ob es nun tatsächlich zu einer Partnerschaft mit Oracle kommt, bleibt abzuwarten. Der chinesische Staatsender CGTN berichtete unter Berufung auf Insider, ByteDance werde das US-Geschäft von Tiktok weder an Oracle noch an Microsoft verkaufen und den Quellcode der Videoplattform auch nicht an eine US-Käufer abgeben.

Walmart hat im Onlinehandel große Pläne

Dass Walmart mit Hilfe der Tiktok-App seine Präsenz im Internethandel weiter ausbauen will, ist Teil einer breit angelegten Expansionsstrategie. Dabei hat sich Walmart bereits zu einem der führenden Anbieter im Onlinehandel entwickelt.

Weißer Walmart-Schriftzug

Walmart. | Bildquelle: Imago

Laut dem Marktforschungsunternehmen EMarketer ist Walmart bereits im vergangenen Jahr in den USA an Ebay vorbei gezogen und steht jetzt auf Platz zwei hinter Amazon. 2019 erzielte der Konzern im Onlinehandel einen Umsatz von 19 Milliarden Dollar. Im zweiten Quartal dieses Jahres hat Walmart seine E-Commerce-Erlöse gegenüber dem Vorjahr sogar verdoppelt. Mit dem Griff nach Tiktok wollte der Konzern die Präsenz von Walmart besonders bei den unter 24jährigen Amerikanern weiter voranbringen.

Stichwort "Social Commerce"

Denn zwischen Handel und sozialen Netzwerken gibt es zunehmend Berührungspunkte. Das Stichwort heißt "Social Commerce". Dabei erhalten die Nutzer sozialer Netzwerke immer mehr Möglichkeiten, direkt auf ihren Plattformen einzukaufen.

Vorreiter ist China, die Heimat von Tiktoks Mutterkonzern. Hier brachte "Social Commerce" nach Angaben des Marktforschers Emarketer 2019 mehr als 180 Milliarden Dollar ein, fast zehnmal so viel wie in den Vereinigten Staaten.

Um diesen Vorsprung aufzuholen, haben die US-Handelsriesen wie Walmart zuletzt Milliarden investiert. Nach der Übernahme von Online-Händlern wie Jet.com oder Bonobos, wagte sich Walmart sogar nach Indien und erwarb eine Mehrheit am dort führenden Online-Händler Flipkart.

Nationale Hoheit über das Internet

Walmart und auch andere Einzelhändler wie Target fürchten nämlich, mittelfristig im Onlinehandel von den sozialen Netzwerken abgehängt zu werden. So strebt auch Facebook zunehmend in dieses Geschäft.

Das Netzwerk will eine neue Plattform kreieren, die Messenger, WhatsApp und Instagram vereint und den Nutzern anbietet, dort auch direkt einzukaufen. Laut den jüngsten Erhebungen von Facebook shoppen mittlerweile 85 Prozent der Menschen weltweit online.

Gut möglich also, dass Oracle demnächst Besuch von Walmart, Amazon & Co erhält, um Zugang zu den Daten von Tiktok zu erhalten. Insgesamt verdeutlicht der Streit um die App jedoch, dass es sowohl China als auch den USA darum geht, die nationale Hoheit über das Internet zu erlangen, ein Gedanke, der eigentlich der Ursprungsidee des World Wide Web widerspricht.