Stahlproduktion
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Neuer Stahlriese entsteht ThyssenKrupp und Tata Steel: Was lange währt...

Stand: 22.12.2017, 13:28 Uhr

... wird endlich gut. Nach langwierigen Verhandlungen schmiedet der Dax-Konzern ThyssenKrupp endlich das angekündigte Stahlbündnis mit dem Konkurrenten Tata Steel. Ein neuer europäischer Stahlriese entsteht.

Dabei hat ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger der Gewerkschaft IG Metall deutliche Zugeständnisse gemacht. Neun Jahre lang wird es keine betriebsbedingten Kündigungen oder Standortschließungen geben. Zudem muss der Konzern seinen Anteil am gemeinsamen Joint Venture mit Tata mindestens sechs Jahre halten und dabei mindestens 400 Millionen Euro pro Jahr in die Stahlstandorte investieren.

"Das hat es auch im Stahl so noch nie gegeben", sagte der stellvertretende Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp Steel Europe, Detlef Wetzel, ehemaliger Chef der Industriegewerkschaft Metall. "Mit dem heute erzielten Ergebnis haben wir eine wesentliche Voraussetzung dafür geschaffen, unsere strategische Zielsetzung zu erreichen und gleichzeitigen Interessen unserer Beschäftigten gerecht zu werden", erklärte Hiesinger.

Gremien müssen noch zustimmen

Bereits im September hatten die beiden Konzerne die grundsätzliche Vereinbarung bekannt gegeben, ihre Stahlsparten zu fusionieren. Es entsteht damit der zweitgrößte europäische Stahlkocher hinter ArcelorMittal mit einer Flachstahlproduktion von 21 Millionen Tonnen jährlich und 48.000 Mitarbeitern.

Knackpunkt waren bei ThyssenKrupp stets die geplanten Stellenstreichungen, bis zu 2.000 Arbeitsplätze sollen abgebaut werden. Insgesamt arbeiten 27.000 Menschen in der Stahlsparte des Essener Konzerns, dessen Hauptmärkte in Deutschland und dem europäischen Ausland liegen. Tata Steel Europe mit einer Rohstahlproduktion von 12,5 Millionen Tonnen pro Jahr gehört zum indischen Mischkonzern Tata mit über 100 Unternehmen, 600.000 Mitarbeitern und rund 100 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr.

ThyssenKrupp-CEO Dr. Heinrich Hiesinger

ThyssenKrupp-CEO Dr. Heinrich Hiesinger. | Bildquelle: Imago

Das neue Unternehmen wird in ein Joint Venture mit Sitz in den Niederlanden transferiert, an der beide Seiten zunächst 50 Prozent halten. Allerdings kann der ThyssenKrupp-Anteil im Laufe dieser Zeit sinken, beispielsweise durch einen Börsengang. ThyssenKrupp beziffert die positiven Synergieeffekte dabei auf 400 bis 600 Millionen Euro. Ganz in trockenen Tüchern ist der Deal aber noch nicht. So muss der (paritätisch besetzte) Aufsichtsrat von ThyssenKrupp noch zustimmen und auch die Gewerkschaftsgremien. Zwar kann Heinrich Hiesinger die Arbeitnehmerseite im Kontrollgremium theoretisch überstimmen, er will aber die Arbeitnehmer bei der Neuordung des Konzerns mit ins Boot holen.

Weg vom volatilen Stahlgeschäft

ThyssenKrupp Stahlwerk CSA Brasilien

ThyssenKrupp Stahlwerk CSA Brasilien. | Bildquelle: Unternehmen

Hiesingers übergeordnetes Ziel ist es nämlich, den Traditionskonzern neu auszurichten und die Abhängigkeit vom zyklischen und hochvolatilen Stahlgeschäft zurückzudrängen. Dessen Ergebnisse schwanken bekanntlich je nach Konjunkturlage. Gerade das vergangene Geschäftsjahr hat dies mal wieder deutlich gezeigt, auch wenn der Effekt dieses Mal positiv war. Zuvor war der Konzern durch seinen missglückten Ausflug in das amerikanische Stahlgeschäft in schweres Fahrwasser geraten.

All dies soll es nicht mehr geben, geht es nach Hiesinger und dem Aufsichtsrat. Der Firmenchef will stattdessen lieber die weniger schwankungsintensiven Geschäfte mit Aufzügen, Autozubehör, Anlagen oder U-Booten betreiben.

ThyssenKrupp-Aktie volatil

Deutsches U-Boot U33 von ThyssenKrupp in der See-Erprobung

U-Boot U33 von ThyssenKrupp. | Bildquelle: ThyssenKrupp [http://www.thyssenkrupp.com/de/presse/bilder.html&photo_id=870]

ThyssenKrupp-Aktionäre müssen hart im Nehmen sein, wie der Fünf-Jahres-Chart zeigt. Von den Hochpunkten im Jahr 2015 rauschte der Kurs dramatisch abwärts, um sich danach V-förmig ab Anfang 2016 bis Mitte 2017 wieder zu erholen. Der Rückfall von den Hochkursen über 26 Euro ist aber in diesem Jahr nicht so dramatisch ausgefallen wie vor zwei Jahren, als die nordamerikanische Stahlkrise auf dem Unternehmen lastete.

Aktuell ist das Papier dabei, einen Teil der Verluste seit dem Sommer wieder aufzuholen und schwankt um die Marke von 24 Euro. Am frühen Nachmittag gehört die Aktie im Dax weiterhin zu den größten Verlierern im deutschen Leitindex.

Mit den vereinbarten tariflichen Rahmenbedingungen sei die Wahrscheinlichkeit der Fusion des Thyssen-Stahlgeschäfts mit Tata Steel gestiegen, lobte Analyst Sven Diermeier von Independent Research in einer am Freitag vorliegenden Studie die Einigung der Tarifpartner. Allerdings schränke der Tarifvertrag die Flexibilität des künftigen Gemeinschaftsunternehmens und von ThyssenKrupp ein, so der Experte weiter.

rm