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Aufzüge und ganz viel Hoffnung Thyssenkrupp: Wann stoppt der Niedergang der Industrie-Ikone?

Stand: 21.11.2019, 11:00 Uhr

Für Thyssenkrupp ist 2019 ein Krisenjahr. Die neue Konzernchefin Martina Merz soll die Wende bringen: Der Konzern befindet sich im Umbruch und hofft auf einen Geldsegen durch den Verkauf der Aufzugsparte. Währenddessen steigen die Verluste - und die Aktie stürzt ab.

Anfang Oktober hatte Martina Merz den Vorstandsvorsitz übernommen. Leicht ist ihre Aufgabe nicht. Das Unternehmen schreibt Verluste und kämpft mit steigender Verschuldung, Thyssenkrupp flog im September dieses Jahres nach mehr als 30 Jahren aus dem Dax, die Aktie ist im Sinkflug. Klar ist eigentlich nur, dass ThyssenKrupp  vor einem großen Umbau steht.

Thyssenkrupp sei in keiner einfachen Lage, wie Merz bereits einräumte. "Zur Wahrheit gehört, dass es in einigen Bereichen nicht ohne signifikanten Stellenabbau gehen wird." Etwas mehr als 160.000 Mitarbeiter arbeiten für den Essener Industriekonzern, derzeit ist davon die Rede, rund 6.000 Stellen zu streichen. Aber nur mit der Methode Jobkürzungen wird man nicht durchkommen. Was das Management braucht, ist ein Plan für die Zukunft.

Martina Merz und Guido Kerkhoff

Die Chefin Martina Merz und und ihr Vorgänger Guido Kerkhoff. | Bildquelle: picture alliance / Sven Simon

Restrukturierung, Sanierung, Umbau

Und der lautet: Umbau. Im Zentrum stehe neben einer möglichen Trennung vom Aufzuggeschäft der Anlagenbau sowie Autokomponenten, teilte das Unternehmen heute mit. Der Anlagenbau, der zurzeit Verluste schreibt, soll operativ wieder auf Vordermann gebracht werden. Gleichzeitig prüft Thyssenkrupp die Möglichkeit, das Geschäft mit Partnern oder unter einem neuen Dach weiterzuentwickeln, hieß es.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg hatte jüngst berichtet, Thyssenkrupp habe die US-Bank Citigroup mit der Untersuchung des Geschäfts rund um industrielle Anlagen und Systeme beauftragt. Die Sparte Industrial Solutions könnte vollständig oder in Teilen das Interesse von Wettbewerbern oder Investmentfirmen wecken.

Auch im Autozuliefergeschäft will Merz einiges verändern. Im Geschäftsfeld System Engineering, dass vor allem Komponenten rund um die Themen Karosserie und Antriebsstrang für die Automobilindustrie fertigt sowie Automatisierungslösungen für elektrische Speicher- und Antriebssysteme anbietet, sollen etwa 640 Stellen abgebaut werden. Insgesamt hat Thyssenkrupp für Restrukturierungen im laufenden Geschäftsjahr einen mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Betrag vorgesehen.

Thyssenkrupp-Aufzugstestturm in Rottweil

Thyssenkrupp: Aufzugstestturm in Rottweil. | Bildquelle: Unternehmen

Die Perlen des Unternehmens: Fahrstühle

Übrig blieben dann die Aufzugssparte, die Stahlsparte, die ebenfalls vor einer Restrukturierung steht, sowie die Sparte Material Services. Jedenfalls vorerst, denn die Zukunft der Aufzugssparte ist ungewiss. Ein Verkauf oder Teilverkauf könnte Kapital in die Kassen spülen, das für den Umbau dringend benötigt wird.

Bis zu 17 Milliarden Euro soll "Elevator Technology" wert sein. Der Gesamtkonzern ist an der Börse derzeit lediglich etwas mehr als 8 Milliarden schwer. Konkurrenten wie die finnische Kone sowie eine Reihe von Finanzinvestoren sollen interessiert sein. Ein Konsortium aus den Investoren Blackstone, Carlyle und dem Canada Pension Plan Investment Board wird genannt, sowie ein weiteres aus Advent, Cinven und Abu Dhabi Investment Authority.

Selbst ein Börsengang ist noch denkbar. Die internen Vorbereitungen sollen bis Jahresende abgeschlossen werden, teilte das Management nun mit. Eine Entscheidung für eine der Optionen soll voraussichtlich im ersten Quartal 2020 fallen.

Thyssenkrupp-Werk in Duisburg

Thyssenkrupp-Werk in Duisburg. | Bildquelle: thyssenkrupp Steel Europe AG

Die Konjunktur bremst   

Ein wesentliches Problem für ThyssenKrupp ist die starke Abhängigkeit von der globalen Konjunkturlage. Sowohl das Stahlgeschäft, der Anlagenbau als auch die Komponentensparte leiden, wenn die Wirtschaft nur mäßig läuft. So hat die Stahlsparte seit längerem nun schon mit schwacher Nachfrage und Überkapazitäten zu kämpfen.

Auch in der Autoindustrie, mehren sich die Anzeichen für eine Krise: "Das Beste der Party ist vorbei", teilte Volkswagen-Finanzchefs Frank Witter unlängst mit. Vor allem im weltgrößten Pkw-Markt China lässt die Dynamik nach – Erholung unsicher. Hinzu kommen noch die Sorgen wegen der Handelsstreitigkeiten zwischen den USA, China und der EU.     

"Schwächere wirtschaftliche Rahmenbedingungen, niedrigere Auto-Nachfrage insbesondere in China, Verwerfungen an Rohstoffmärkten und Importdruck bei Stahl belasten Mengen- und Margenentwicklung vorwiegend bei Geschäften mit Auto-Komponenten und Werkstoffen", hieß es dazu im Neunmonatsbericht. Die Bedingungen für das Management sind also nicht gerade optimal. Unter Boom-Bedingungen wäre vermutlich manches leichter.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
11,62
Differenz relativ
+1,97%

Es soll noch schlechter werden

Die Probleme sind nicht kleiner geworden: Thyssenkrupp hat nach hohen Verlusten die Dividende kassiert und rechnet im laufenden Geschäftsjahr unter dem Strich mit noch schlechteren Zahlen. Die Maßnahmen für eine bessere Performance würden im laufenden Jahr noch nicht voll durchschlagen, der Nettoverlust wegen der geplanten Restrukturierungen deutlich höher sein, kündigte Merz an. Im vergangenen Geschäftsjahr 2018/19 fuhr der Konzern einen Nettoverlust von 304 Millionen Euro ein nach einem Fehlbetrag von 62 Millionen Euro im Vorjahr.

Das operative Ergebnis (bereinigtes Ebit) brach insbesondere wegen des schwachen Geschäfts mit Stahl und Autoteilen auf 802 Millionen Euro von 1,4 Milliarden Euro ein. Merz erwartet hier im laufenden Jahr keine Verbesserung, sondern ein Ergebnis auf Vorjahresniveau. Die Dividende fällt aus.

Die Anleger reagieren heftig: Die Aktie fällt um mehr als zehn Prozent auf knapp über zwölf Euro und belegt den letzten Platz im MDax.

ts