Guido Kerkhoff, CEO von Thyssenkrupp

Nur noch Formsache Thyssenkrupp: Aus für Kerkhoff

Stand: 25.09.2019, 08:03 Uhr

Bei Thyssenkrupp steht mal wieder ein Führungswechsel an. Der kriselnde Mischkonzern gibt seinem Vorstandschef Guido Kerkhoff bereits nach etwas mehr als einem Jahr den Laufpass. Von Erfolg geprägt war seine Zeit nicht - im Gegenteil.

Erst im Juli 2018 hatte Kerkhoff, der seit 2011 im Konzern ist, die die Nachfolge des überraschend zurückgetretenen Heinrich Hiesinger übernommen. Doch von Anfang an stand der 51-Jährige in der Kritik einiger Investoren. Nach mehreren Strategiewechseln und Prognosesenkungen hatte er zuletzt immer mehr an Vertrauen im Markt verloren. Nun ist seine Amtszeit schon wieder vorbei. Eigentlich hatte er einen Vertrag bis zum 30. September 2023.

Martina Merz und Guido Kerkhoff

Martina Merz und Guido Kerkhoff. | Bildquelle: picture alliance / Sven Simon

Der Personalausschuss des Aufsichtsrats habe dem Gremium empfohlen, mit Kerkhoff "Verhandlungen über eine zeitnahe Beendigung seines Vorstandsmandates aufzunehmen", teilte das Unternehmen am Dienstagabend mit. Anstelle von Kerkhoff soll Aufsichtsratschefin Martina Merz für bis zu zwölf Monate als Vorstandschefin einspringen. Die ehemalige Bosch-Managerin führt erst seit Februar das Kontrollgremium. Sie hatte rasch klar gemacht, dass sie Kerkhoff genau auf die Finger schauen werde.

Sobald der Vorstandsvorsitz neu besetzt wird, werde Merz in den Aufsichtsrat zurückkehren. "Der Aufsichtsrat wird zeitnah in einer außerordentlichen Sitzung über die Empfehlungen des Präsidiums und des Personalausschusses beraten und entscheiden", hieß es in der Mitteilung. Dass Kerkhoff gehen muss, dürfte allerdings nur noch eine Formsache sein.

Thyssenkrupp schrumpft und schrumpft

Konkrete Gründe für den ungewöhnlichen Schritt wurden zunächst nicht genannt. Dem Vernehmen nach gab es zuletzt unterschiedliche strategische Vorstellungen. Maßgebliche Aufsichtsräte hätten sich daher neue Führungskräfte gewünscht, hieß es. Außerdem muss der langjährige Finanzchef Kerkhoff für das Ende September endende Geschäftsjahr einen hohen Verlust verantworten.

Allein in den ersten neun Monaten schrumpfte das operative Ergebnis auf 683 Millionen Euro nach 1,3 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Unter dem Strich fuhr das kriselnde Unternehmen einen Verlust von 207 Millionen Euro ein - und musste die Jahresprognose eindampfen.

Abstieg aus dem Dax

Und nicht nur das: Seit einigen Tagen zählt Thyssenkrupp nicht mehr zu den 30 wertvollsten Börsenunternehmen in Deutschland. Der Industrie- und Stahlkonzern musste wegen seines drastisch gesunkenen Aktienkurses den Dax verlassen. Ersetzt wurde der Traditionskonzern in dem Leitindex durch den Triebwerksbauer MTU.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
11,39
Differenz relativ
+0,31%

"Wichtig ist, dass wir den Konzern jetzt neu und profitabler aufstellen, um so das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen", hieß es nach dem Dax-Abstieg. An der Aktie haben die Anleger schon längst keine Freude mehr. Seit Anfang 2018 ist das Thyssenkrupp-Papier um über 50 Prozent in die Tiefe gerauscht. Mitte August war der Wert zeitweise sogar unter 10 Euro gerutscht. Zum Vergleich: Als Kerkhoff Chef wurde, hatte der Wert noch über 20 Euro gelegen.

Neuausrichtung wird fortgesetzt

Die Essener stecken seit langem in der Krise. Die Finanzdecke ist dünn - unter anderem eine Folge von milliardenschweren Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Brasilien und den USA. Die als Befreiungsschlag geplante Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata wurde von der EU untersagt. Kerkhoff sagte daraufhin auch die Aufspaltung des Konzerns in zwei eigenständige Unternehmen ab.

Um Geld in die leeren Kassen zu bekommen, hatte Kerkhoff zuletzt einen Börsengang oder einen Verkauf der profitablen Aufzugsparte geplant. Ihr Wert wird von Analysten deutlich höher eingeschätzt als der des gesamten Konzerns mit seinen weltweit rund 160.000 Mitarbeitern. Das Aufzugsgeschäft war in den ersten neun Monaten mit einem stabilen Gewinn von 642 Millionen Euro ein Lichtblick im Konzern.

Auch ohne Kerkhoff will Thyssenkrupp den Plan offenbar weiterverfolgen. "Die im Mai 2019 angekündigte und vom Aufsichtsrat einstimmig beschlossene Neuausrichtung des Konzerns wird konsequent fortgesetzt", kündigte der Konzern an.

tb/dpa-AFX/rtr