ThyssenKrupp-CEO Dr. Heinrich Hiesinger
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Bis zu 4.000 Stellen vor dem Aus ThyssenKrupp und Tata besiegeln Fusion

Stand: 20.09.2017, 09:32 Uhr

Endlich Einigkeit: Nach anderthalb Jahren Verhandlungen haben ThyssenKrupp und Tata Steel die Fusion ihrer Stahlgeschäfte beschlossen. Perfekt ist die Zusammenlegung noch nicht, Mitarbeiter, Betriebsrat, Gewerkschaft und Aufsichtsrat kündigen Widerstand an.

Die beiden Konzerne haben eine Absichtserklärung für ein Joint Venture ihrer europäischen Stahlaktivitäten unterzeichnet, wie ThyssenKrupp und Tata am Mittwochmorgen mitteilten. "Ziel ist es, einen führenden europäischen Flachstahlanbieter zu schaffen." Beide Partner sollen an dem neuen Gemeinschaftsunternehmen je 50 Prozent halten.

Viele Details der Fusion sind noch nicht ausgearbeitet. Bis Anfang 2018 soll aber der endgültige Vertrag stehen. Die gesamte Transaktion soll bis Ende 2018 nach Zustimmung der Fusionskontrollbehörden komplett über die Bühne gebracht werden.

4.000 Jobs vor dem Aus

Ziel des Zusammenschlusses ist es, wettbewerbsfähiger zu werden. Die beiden Konzerne gehen davon aus, gemeinsam kostengünstiger arbeiten zu können. Erwartet werden Einpspareffekte von 400 bis 600 Millionen Euro, wie ThyssenKrupp mitteilte.

Konkret heißt das Jobabbau: Bis zu 2.000 Stellen in Verwaltungsbereichen und möglicherweise bis zu 2.000 Stellen sollen in der Produktion abgebaut werden. Dabei sollen die Lasten ungefähr je zur Hälfte auf die beiden Partner entfallen.

Thyssen-Aktie steigt

ThyssenKrupp-Konzernchef Heinrich Hiesinger hat in der Vergangenheit immer wieder die Notwendigkeit einer weiteren Konsolidierung betont. Auch ohne einen solchen Zusammenschluss seien Einschnitte notwendig. Hiesinger begründete dies mit den weltweiten Überkapazitäten in der Branche. "Mit dem geplanten Joint Venture geben wir den europäischen Stahlaktivitäten von Thyssenkrupp und Tata eine nachhaltige Zukunftsperspektive", sagte Hiesinger nun.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
19,33
Differenz relativ
-1,78%

An der Börse wird die Fusion wohlwollend aufgenommen. Die Aktie von ThyssenKrupp legt zum Handelsstart fünf Prozent zu bei auf 26,58 Euro. Anleger setzen schon länger auf die Fusion, sie erhoffen sich eine geringere Abhängigkeit vom Stahlmarkt, gerade angesichts globaler Überkapazitäten. Auf Sicht von zwölf Monaten haben die Aktien des Dax-Konzerns um mehr als 23 Prozent zugelegt und sich damit etwas besser entwickelt als der deutsche Leitindex.

Die Analysten des Investmenthauses Jefferies sehen nun den lange erwarteten positiven Kurstreiber gekommen. Das Kerngeschäft von ThyssenKrupp mit Investitionsgütern verdiene eine deutlich höhere Bewertung. Experte Ingo Schachel von der Commerzbank hob positiv hervor, dass beide Konzerne etwas mehr Pensionsverpflichtungen in das geplante Gemeinschaftsunternehmen transferierten als gedacht. Bei Thyssenkrupp sorge das mit Blick auf die Verschuldung für noch mehr Entlastung. Zudem erscheine die Bewertung der durch die Essener eingebrachten Unternehmensteile vorteilhaft. Schachel hob sein Kursziel um 3 auf 32 Euro an und bestätigte sein Kaufvotum.

Widerstand vom Betriebsrat

Arbeiter beim Abstich am Hochofen Schwelgern 1 der ThyssenKrupp AG
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Was wird aus ThyssenKrupps Stahlsparte? [8.9.]

Es formiert sich allerdings Widerstand. Am Freitag wollen die Stahlkocher von ThyssenKrupp in Bochum gegen die Pläne demonstrieren. Die IG Metall erwartet mehrere tausend Teilnehmer. Die Arbeitnehmervertreter hatten zudem angekündigt, bei einer bei einer möglichen Abstimmung im Aufsichtsrat geschlossen gegen ein Zusammengehen mit dem indischen Konkurrenten stimmen zu wollen. Ein solches Votum wäre ein Novum in der Konzerngeschichte.

Die IG Metall und die Betriebsräte hatten am Dienstag aber eine Zustimmung zu den Plänen nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen. Sie fordern unter anderem Garantien für die Sicherung der Arbeitsplätze und der Standorte der Stahlsparte.

Der neue Riese

Die neu fusionierte Firma wäre der zweitgrößte europäische Stahlkonzern nach ArcelorMittal. Pro Jahr dürften Umsätze von etwa 15 Milliarden Euro erzielt und etwa 21 Millionen Tonnen Flachstahl verkauft werden.

Das neue Unternehmen mit dem Namen ThyssenKrupp Tata Steel wird seinen Sitz in den Niederlanden in der Region Amsterdam haben. Nach dem Zusammenschluss kommt das Unternehmen erst einmal auf rund 48.000 Mitarbeiter - 27.000 von ThyssenKrupp kommen.

bs