Steinhoff Möbel Lager in Westerstede

Vergleichsverhandlungen laufen Übernahmefantasie lässt Steinhoff haussieren

Stand: 05.02.2020, 16:24 Uhr

Nach dem Bilanzskandal bei Steinhoff haben sich Anleger zu einer Sammelklage gegen den Einzelhandelskonzern zusammengeschlossen. Am Mittwoch läuft die Frist für die Anmeldung ab. Derweil geht die Aktie zwischenzeitlich durch die Decke.

Übernahmefantasien treiben das Papier an: Steinhoffs Tochter Pepco und die Beteiligung Cofel, ein Matratzenhersteller, haben Gerüchten zufolge beide das Interesse anderer Unternehmen geweckt. Die Handelskette Pepco hat mit frischen Geschäftszahlen überzeugen können, für das Unternehmen steht zudem ein Börsengang im Raum. Auch eine Übernahme würde Steinhoff Geld in die Kassen spülen, das der Konzern gut gebrauchen kann. Die Steinhoff-Aktie stieg in der Folge auf ein Hoch seit Mai 2019 an, auch nach ersten Gewinnmitnahmen hat sie seit Wochenbeginn noch mehr als 50 Prozent zugelegt.

Markus Jooste

Markus Jooste. | Bildquelle: Imago

Ein milliardenschwerer Bilanzskandal hatte Steinhoff Ende 2017 in eine tiefe Krise gestürzt. Die Ergebnisse der für eine Sonderprüfung eingesetzten Wirtschaftsprüfer zeigten künstlich aufgeblähte Buchungen und zahlreiche Transaktionen, die in Wirklichkeit nie stattgefunden haben. Insgesamt soll es um fiktive Buchungen im Wert von 6,5 Milliarden Euro gehen, die bis ins Jahr 2009 zurückreichen. Im Mittelpunkt des Skandals steht wohl der ehemalige Konzernchef Markus Jooste sowie eine kleine Gruppe weiterer Manager. Jooste weist aber jede Schuld von sich. Das Unternehmen sitzt nun auf einem gigantischen Schuldenberg und braucht dringend Geld, der immense Imageschaden belastet das laufende Geschäft. Die Steinhoff-Aktie ist zum Pennystock geworden und vor rund sechs Wochen auch endgültig aus dem Nebenwerte-Index SDax geflogen.

Vergleichsverhandlungen laufen

Steinhoff muss den Skandal aufarbeiten und steht dabei auch rechtlich unter Druck, es läuft eine Sammelklage gegen das Unternehmen. „In dem Musterverfahren wird geklärt, ob sich Steinhoff gegenüber Investoren wegen der Verletzung von Ad-hoc-Pflichten schadenersatzpflichtig gemacht hat“, heißt es von der Rechtsanwaltsgesellschaft Tilp, die rund 70 Kläger hinter sich versammelt hat. Momentan laufen Verhandlungen über einen Vergleich, das Verfahren selbst ruht solange. Anleger können also auf Schadenersatz hoffen. Genau sechs Monate nach Bekanntgabe des Musterklägers durch das Oberlandesgericht Frankfurt ist für Aktionäre nach dem 5. Februar aber keine neue Anspruchsmeldung mehr möglich. Nur wer sich angemeldet hat, verhindert eine Verjährung der Ansprüche.

Steinhoff kann nach dem Stichtag wohl grob einschätzen, was finanziell auf den südafrikanisch-deutschen Möbelkonzern zukommen könnte und was die deutschen Aktionäre rechtlich geltend machen wollen. Allerdings laufen auch mehrere andere Klagen, beispielsweise in Südafrika und in den Niederlanden, wo Steinhoff aus steuerlichen Gründen eingetragen ist. Der Konzern steht also weiter vor einer völlig ungewissen Zukunft.

Sanierung geht voran

Die Sanierung bei Steinhoff schreitet derweil weiter voran. In den vergangenen Monaten hat sich das Unternehmen unter anderem vom südafrikanischen Neu- und Gebrauchtwagenhändler Unitrans Motors und der britischen Möbelsparte Blue Group mit den Marken Harveys und Benson for Beds getrennt. Dieser Deal muss allerdings noch von den Behörden genehmigt werden. Vorher hatte Steinhoff schon Anteile am US-Bettenverkäufer Mattress Firm verkauft und Stellen beim französischen Möbelhändler Conforama gestrichen, die Marke soll gesund geschrumpft werden. In Deutschland war Steinhoff vor allem für die Möbelhauskette Poco bekannt, die längst zu XXXLutz gehört.

Für das Tochterunternehmen Pepco bahnt sich möglicherweise ein Börsengang an. Pepco könnte dabei mit rund vier Milliarden Euro bewertet werden. Zur Pepco-Gruppe gehören etwa 2.700 Läden, darunter die gleichnamige Billigklamotten-Kette in Osteuropa und die Poundland-Shops in Großbritannien. Auch in der schweren Krise von Steinhoff hat sich die Sparte gut entwickelt. Der Börsengang könnte noch in der ersten Jahreshälfte angepeilt werden, es wird über ein Doppel-Listing in London und Warschau spekuliert. Insidern zufolge habe Steinhoff für das IPO bereits die US-Investmentbanken JPMorgan Chase und Goldman Sachs angeheuert. Eine endgültige Entscheidung über den Börsengang sei aber noch nicht gefallen, insbesondere die Übernahmespekulationen rund um Pepco könnten den Plan nun kippen.

Hoffnungsträger Pepkor?

Ende Januar hat der mehrheitlich von Steinhoff gehaltene südafrikanische Mischkonzern Pepkor solide Zahlen vorgelegt und eine bessere Einstufung von der Ratingagentur Moody’s erhalten. Pepkors Verschuldung sei moderat, außerdem stehe das Unternehmen unter den verschiedenen Warenhäusern Südafrikas gut da, argumentiert Moody’s. Einige Steinhoff-Töchter scheinen sich also gut weiterzuentwickeln. Konzernchef Louis du Preez, seit Jahresbeginn 2019 im Amt, muss bei Steinhoff folglich die Spreu vom Weizen trennen. Erst der massive Zukauf zahlreicher anderer Unternehmen hatte Steinhoff vor dem Bilanzskandal zum Weltkonzern gemacht. Nun will du Preez den Konzern zu einer reinen Investment Holding zurückführen.

Diese positiven Signale mögen neben den Übernahmefantasien bei einigen Anlegern Hoffnung auf bessere Zeiten wecken. An den langfristigen Aussichten ändert die jüngste Kursrally für Steinhoff aber wenig, viele Fragen bleiben weiterhin offen – auch rund um die Sammelklagen der Aktionäre. Damit ist die Steinhoff-Aktie immer noch ein hochspekulatives Investment. Die aktuelle Lage lässt kaum eine seriöse Einschätzung der Zukunft zu, namhafte Analysehäuser beobachten Steinhoff schon lange nicht mehr.

niw