Unsicherheit und Gewinneinbrüche Startschuss für eine historische Berichtssaison

Stand: 13.07.2020, 12:47 Uhr

In dieser Woche leiten die großen Banken um JPMorgan die US-Berichtssaison zum zweiten Quartal ein. Experten rechnen mit einem katastrophalen Gewinneinbruch - und die Aussichten sind unsicher wie nie zuvor. Doch gerade das birgt auch Hoffnung.

In dieser Woche läuft die Quartalsberichtssaison in den USA an: Auf der Agenda stehen 36 Unternehmen aus dem S&P-500-Index. Eröffnet wird der Zahlenreigen unter anderem von den großen US-Banken JPMorgan, Wells Fargo, Citigroup, Goldman Sachs, Morgan Stanley und der Bank of America.

Die Banken haben in der Corona-Krise gelitten. So rauschten die Kurse von JPMorgan und der Bank of America 30 bis 40 Prozent in die Tiefe.

"JP Morgan, Citigroup und Wells Fargo legen alle am Dienstag ihre Berichte vor und es besteht die Ansicht, dass die Messlatte ziemlich niedrig gelegt wurde, um die fast obligatorischen 'besser als erwartet'-Ergebnisse zu erzielen - trotz des Fehlens eines Ausblicks bei vielen Unternehmen", meinte ein Marktexperte. Positive Überraschungen sind in der Berichtssaison also durchaus denkbar.

Mehr als die Hälfte haben Prognose gestrichen

Darüber hinaus berichten die Fluggesellschaft Delta Air Lines, der Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson und der Filmstreaming-Dienst Netflix über ihre jüngste Geschäftsentwicklung. Den Anfang macht PepsiCo am Montag.

Noch nie war eine Berichtssaison so von Unsicherheit geprägt. Normalerweise prognostizieren die Unternehmen eine Geschäftsentwicklung und bieten damit die Grundlage für Analysten. Doch aktuell weiß niemand, wie es weitergeht.

Nach Angaben des Datenanbieters Factset haben mehr als die Hälfte der Unternehmen im S&P-500 die Gewinnprognose für das zweite Quartal gestrichen, fast 40 Prozent für das laufende Gesamtjahr.

Gewinneinbruch von 44 Prozent?

Gewinnwarnungen, abgesagte Reisen, gesprengte Lieferketten, Sparmaßnahmen: Die Corona-Krise hat die Wirtschaft hart getroffen. Im Schnitt rechnen Analysten für das zweite Quartal von einem Gewinneinbruch von 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das wäre der größte Einbruch seit 2008.

Auch die Umsatzerwartungen sind beunruhigend. Laut Factset werden die Umsätze mit einem Minus von 11,1 Prozent gegenüber 2019 so stark sinken wie seit 2009 nicht mehr. Besonders der Energiesektor habe aufgrund von niedrigen Ölpreisen massive Verluste verbucht. Auch die Reise- und Tourismusbranche dürfte gelitten haben.

Immerhin: Aktuell lockern Regierungen weltweit die coronabedingten Lockdown-Maßnahmen schrittweise, um das Wachstum wiederzubeleben. Auch in den USA entwickelten sich Geschäfts- und Verbraucherstimmung zuletzt positiv. Im Juni konnte die Verbraucherstimmung ihren zweiten Monatsgewinn in Folge verzeichnen.

Neue Maßnahmen drohen

Andererseits verursachen neue Ausbrüche weitere Einschränkungen und führen dazu, dass einige Marktteilnehmer ihre Erwartungen an das Tempo der Erholung herunterschrauben. In den Vereinigten Staaten nehmen die täglichen Corona-Neuinfektionen wieder drastisch zu. Am Wochenende erreichte die Zahl einen neuen Höchststand.

Dr. Ulrich Kater

Dr. Ulrich Kater. | Bildquelle: Deka

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, geht davon aus, dass in vielen US-Bundesstaaten wieder neue Beschränkungen notwendig sind, die auch die wirtschaftliche Erholung in den kommenden Monaten beeinträchtigen werden.

Kater verweist darauf, dass die Berichtssaison den bisherigen Hochpunkt der Corona-Krise beinhaltet. "Deshalb wird sie als Gradmesser gesehen, ob das Vertrauen in die Zukunft berechtigt ist, das in der starken Erholung am Aktienmarkt zum Ausdruck kommt."

Kaum negative Überraschungen erwartet

Die Investoren dürften die Berichtssaison mit Gelassenheit, aber auch mit Spannung verfolgen, meint der Aktienstratege der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Frank Klumpp. Mit Gelassenheit, weil die Zahlen zum zweiten Quartal kaum noch negatives Überraschungspotenzial entfalten könnten.

"Umso spannender sind die Hinweise auf den weiteren Geschäftsverlauf - hier dürfte sich der Nebel im Vergleich zum Vorquartal zumindest etwas lichten. Unabhängig davon dürfte die unheilvolle gleichzeitige Rekordjagd von US-Neuinfektionen und Aktienkursen wohl kaum Bestand haben können. Die begonnene Konsolidierung an den Aktienmärkten dürfte sich daher zunächst einmal fortsetzen", prognostiziert Klumpp.

Die Marktteilnehmer rechneten mit einem Rückgang der Unternehmensgewinne um etwa 40 Prozent. "Wesentlich wird jetzt sein, ob diese Einschätzung realistisch ist und ob die Ausblicke der Unternehmen die These von der raschen Erholung im kommenden Jahr bestätigen", ergänzte der Dekabank-Experte.

Immer noch ein Wahljahr

Insgesamt sind sich die meisten Beobachter sicher: Die Gewinne des zweiten Quartals werden schwach ausfallen und Prognosen sind unsicher wie nie zuvor. Wie fällt die zweite Jahreshälfte aus?

"Der Markt preist einen Impfstoff bis zum Labor Day sowie endlose steuerliche und monetäre Anreize ein", glaubt etwa David Rosenberg von Rosenberg Research. Sollten diese Aspekte nicht eintreffen, würden die Märkte im zweiten Halbjahr nachgeben.

Allerdings sei Wahljahr in Amerika. Normalerweise bedeute das eine positive Entwicklung an der Wall Street. Laut dem US-Präsidentschaftszyklus - einem der wenigen gut funktionierenden Zyklen in der Finanzwelt - können Anleger in einem Wahljahr auf Kursgewinne hoffen.

tb