Claudio Albrecht
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Ex-Actavis-Manager kommt Stada: Schon wieder ein neuer Chef

Stand: 01.09.2017, 09:28 Uhr

Das Stühlerücken im Stada-Tollhaus geht weiter: Ex-Ratiopharm-Chef Claudio Albrecht soll künftig den Arzneimittelhersteller aus dem hessischen Bad Vilbel leiten. Für die verbliebenen Stada-Aktionäre endet heute eine wichtige Frist.

Bis heute können sie noch ihre Aktien für 66,25 Euro je Titel an die neuen Eigentümer, Bain und Cinven, andienen. Mit dieser Nachfrist hoffen die Finanzinvestoren, weitere Anteile zu bekommen. Sie hatten im zweiten Anlauf nur ganz knapp die Übernahme von Stada mit 63,8 Prozent der Anteile geschafft. Die erforderliche Schwelle lag bei 63 Prozent.

Da der Aktienkurs aktuell bei 78,58 Euro notiert, dürften wohl nur wenige Aktionäre ihre Papiere abgegeben haben. Sie spekulieren auf eine satte Abfindung durch die Finanzinvestoren. Besonders US-Investor Paul Singer versucht, mehr Geld aus seinem Engagement herauszuholen. Er hat zuletzt noch Aktien dazu gekauft und hält jetzt einschließlich Derivaten 15,24 Prozent.

Warten auf den Beherrschungsvertrag

Um bei Stada durchregieren zu können, planen die Finanzinvestoren einen Gewinnabführungs- und Beherrschungs-Vertrag. Diese sollte deutlich höher ausfallen als die bisherige Offerte von Bain und Cinven, hoffen Singer & Co. Sein Hedgefonds Elliott werde einen solchen Vertrag nur gegen eine Mindestabfindung von 74,40 Euro je Aktie unterstützen, teilte er gestern mit. Über einen Beherrschungsvertrag soll auf einer außerordentlichen Hauptversammlung abgestimmt werden. Wann diese stattfinden soll, ist unklar.

Auf der ordentlichen Hauptversammlung am Mittwoch billigten die Aktionäre ein neues Vergütungssystem, das der variablen Bezahlung des Stada-Managements mehr Gewicht gibt. Aufsichtsratschef Carl Ferdinand Oetker sowie weitere Kontrolleure wurden mit großer Mehrheit entlastet.

Früheren Chefs Entlastung verweigert

Für einen neuerlichen Eklat sorgte der Aufsichtsrat mit schweren Vorwürfen gegen die ehemaligen Vorstandschefs Matthias Wiedenfels und Hartmut Retzlaff sowie den früheren Finanzchef Helmut Kraft. Ermittlungen des Kontrollgremiums hätten "belastbare Erkenntnisse für schwerwiegende Pflichtverletzungen" von Vorstandsmitgliedern im Geschäftsjahr 2016 ergeben, sagte Aufsichtsratschef  Oetker. Der Aufsichtsrat schlug der Hauptversammlung deshalb vor, Wiedenfels, Kraft und Retzlaff, der bereits 2016 seinen Hut als Vorstandschef nehmen musste, die Entlastung zu verweigern.

Wiedenfels ließ mitteilen, der Aufsichtsrat habe ihm noch bis vor wenigen Tagen Vorschläge zur Beendigung seiner Tätigkeit gemacht, die seine Entlastung ausdrücklich beinhalteten. Der Vorstand um den neuen Stada-Chef Engelbert Tjeenk Willink versuchte zu beschwichtigen und reichte den Antrag ein, die Abstimmung über den Streitpunkt zu vertagen. Die Aktionäre billigten mit der großen Mehrheit von 90,6 Prozent den Antrag, die Abstimmung auf die nächste HV 2018 zu vertagen.

Neue Führungsspitze für Stada

Willink, den kaum jemand in der Stada-Belegschaft kennt, dürfte bald schon wieder seinen Übergangsjob beim MDax-Unternehmen an den Nagel hängen. Er soll  Platz machen für den neuen Vorstandschef Claudio Albrecht – vorbehaltlich der Zustimmung des Aufsichtsrats. Albrecht hat reichlich Erfahrung in der Pharmabranche. Bis 2005 führte er den Generikahersteller Ratiopharm. Später leitete er den isländischen Wettbewerber Actavis.

Ebenso soll Mark Keatley neuer Finanzvorstand werden. Er wird Bernhard Düttmann ersetzen. Auch Keatley kennt sich in der Branche aus. Er war Finanzvorstand von Actavis.

"Wie in einer Seifenoper"

Ob durch die neuen Manager wieder Ruhe in den Stada-Konzern einkehrt, ist fraglich. Aktionärsvertreter übten scharfe Kritik auf der HV. Winfried Mathes von der Fondsgesellschaft Deka sagte, die Vorgänge um Stada glichen einer Seifenoper. "Stada ist für uns alle ein Lehrstück darüber, was schlechte Corporate Governance anrichten kann. Eine zu große Machtfülle, Gehaltsexzesse und Vetternwirtschaft in der Führungsetage unter Duldung des Aufsichtsrats." Viele Angelegenheiten seien bei Stada nicht sauber gelaufen und müssten aufgeklärt werden, selbst wenn das Unternehmen nun neue Eigentümer habe, forderte Peter Barth von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

nb