Proteste von Google-Mitarbeiterinnen in San Francisco

Allmächtige Gründer So funktioniert das "System Google"

von Angela Göpfert

Stand: 29.04.2019, 10:33 Uhr

"Sei nicht böse", war bis vor einem Jahr noch das Firmenmantra von Google. Doch die Vorwürfe gegen Google-Manager wegen sexueller Belästigung reißen nicht ab. Eine ausgeklügelte Aktienstruktur läuft den Interessen von Mitarbeitern wie Aktionären entgegen.

"Wir haben genug" – im November 2018 legten Tausende Google-Mitarbeiter weltweit ihre Arbeit nieder und gingen auf die Straße. Sie protestierten gegen Sexismus, Rassismus und Machtmissbrauch durch Führungskräfte.

Auf den Schildern der Demonstranten tauchte immer wieder das alte Firmenmotto auf, das Google im Mai 2018 nach fast 20 Jahren aus seinem Verhaltenskodex entfernte - "Don't be evil".

Aktionärs-Klagen gegen den Führungszirkel

Doch das "System Google" zieht nicht nur die Kritik zahlreicher Mitarbeiter auf sich. Auch Anleger laufen Sturm. Mehrere Großaktionäre haben das Unternehmen verklagt, darunter ein Privatinvestor und zwei US-Pensionskassen.

Die Klage richtet sich gegen die Gründer Larry Page und Sergey Brin, den amtierenden Chef Sundar Pichai, Verwaltungsratsmitglied John Hennessy und den früheren Konzernchef Eric Schmidt.

Google-Gründer Larry Page (l.) und Sergey Brin

Die beiden Google-Gründer Larry Page(l.) und Sergey Brin. | Bildquelle: picture alliance / dpa, Montage: boerse.ARD.de

"Goldener Fallschirm" von 90 Millionen Dollar

Ihr Vorwurf: Der engste Kreis um die Gründer habe zahlreiche Börsenregeln zur Offenlegung missachtet, Firmengelder verschwendet und die Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern verletzt. Denn Google hat zahlreiche Manager, gegen die interne Untersuchungen wegen sexueller Übergriffe liefen, mit hohen Abfindungen entlassen.

Explizit genannt wird in der Klageschrift beispielsweise ein Topmanager, der eine Untergebene zum Oralsex gezwungen haben soll. Er sprang mit einem "goldenen Fallschirm" von 90 Millionen Dollar ab.

"Signifikanter finanzieller Schaden"

Um eines klarzustellen: Die Aktionäre, die jetzt gegen den Google-Mutterkonzern Alphabet klagen, agieren gewiss nicht aus humanistischen Beweggründen. Vielmehr steht für sie der "signifikante finanzielle Schaden" im Fokus, den der Konzern und damit auch die Anteilseigner aus den ungerechtfertigten Abfindungen erlitten haben.

Doch wie ist so etwas überhaupt möglich? Schließlich ist Alphabet ein börsennotierter Aktienkonzern, der jedes Quartal vor seinen Aktionären Rechenschaft ablegen muss – so auch heute Abend nach US-Börsenschluss – und durch einen Verwaltungsrat kontrolliert wird.

Alphabet Inc.

Google Alphabet

Die US-amerikanische Holding der Google LLC wurde 2015 gegründet. Google LLC wird seither als Tochterunternehmen weitergeführt. Die Aktienkürzel heißen weiterhin GOOGL bzw. GOOG.

Gepflegte Drei-Klassen-Gesellschaft

Ganz einfach: Bei Alphabet ist nicht jeder Aktionär gleich. Vielmehr herrscht hier eine gepflegte Drei-Klassen-Gesellschaft von A-, B- und C-Aktionären. Wer eine A-Aktie hält, besitzt sowohl einen Anteil am Unternehmen als auch ein Stimmrecht pro Papier. So weit, so normal.

Doch dann gibt es da noch die B-Aktie. Sie ist gewissermaßen die Super-Aktie im Google-Universum, verleiht sie ihrem Inhaber doch Superkräfte. Sie ist nicht börsennotiert, gibt dem Aktionär aber sowohl Anteile am Unternehmen als auch das zehnfache Stimmrecht.

Alphabet-A-Aktie in Dollar seit 2004

Die Alphabet-A-Aktie hat seit dem Börsengang mehr als 2.700 Prozent zugelegt. | Bildquelle: und Grafik: boerse.ARD.de

Beliebter Trick

Die Google-Gründer Page und Brin hatten sich die B-Aktien beim Börsengang im Jahr 2004 gesichert. Dabei handelt es sich um einen im Silicon Valley beliebten Trick, um den Einfluss externer Aktionäre von vornherein zu begrenzen.

Später wurde noch die C-Aktie eingeführt, die gar keine Stimmrechte umfasst. Anleger partizipieren damit nur an der Kursentwicklung.

keine Beschreibung

Der Google-Börsengang 2004 machte Page und Brin zu Multimilliardären.

Die Macht der Gründer

Das mag kompliziert klingen, hat aber eine ebenso einfache wie fatale Konsequenz: Google-CEO Larry Page und Google-Präsident Sergey Brin kontrollieren mit gerade einmal 13 Prozent der Aktien 51 Prozent der Stimmen.

Gegen sie läuft somit gar nichts. Jegliche Vorstöße von Aktionären, die abgestufte Stimmkraft abzuschaffen oder abzumildern, wurden bislang im Keim erstickt.

Solange die Gründer also nicht umschwenken und sich das radikale Vorgehen gegen den Missbrauch von Macht im eigenen Konzern selbst auf die Fahnen schreiben, hat das "System Google" gute Chancen zu überleben. Auf Kosten der Mitarbeiter – und der Aktionäre.

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Das sind die fünf größten Google-Aktionäre Milliardäre unter sich

Larry Page

1. Larry Page
Zusammen mit Sergey Brin entwickelte Larry Page 1998 die Suchmaschine Google. Seit 2015 ist er CEO der neuen Google-Muttergesellschaft Alphabet, hat aber zuletzt viele seiner täglichen Aufgaben an Sundar Pichai übertragen.

Laut dem jüngsten SEC-Filing, das vom 31. Dezember 2017 datiert, hält Page aktuell 20 Millionen Alphabet-C-Aktien und 20 Millionen -B-Aktien. Laut der aktuellen "Bloomberg Billionaires"-Liste verfügt Page über ein Vermögen von 61,4 Milliarden Dollar und ist damit der siebtreichste Mensch der Welt.