Dunkle Wolken und Aktionäre auf dem Weg zur Siemens-HV
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Schwierige Hauptversammlung bei Siemens Draußen Proteste, drinnen Häppchen

Stand: 31.01.2018, 12:45 Uhr

Eine Stätte der Gegensätze: Vor der Münchener Olympiahalle Proteste der Siemens-Mitarbeiter gegen Jobabbau und Werkschließung. Drinnen gibt's Häppchen für die Aktionäre: Siemens-Chef Joe Kaeser verspricht eine höhere Dividende und präsentiert einen Gewinnanstieg. Ein klein bisschen Hoffnung gibt's auch für die Mitarbeiter in Görlitz.

Joe Kaeser geht einen kleinen Schritt auf die Arbeitnehmer zu. Am Rande der Hauptversammlung in München brachte er einen Erhalt des von der Schließung bedrohten Gasturbinen-Werks in Görlitz ins Spiel. "Als Bestandteil eines weiterführenden Industriekonzepts Oberlausitz" und in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung und der sächsischen Regierung sei ein Fortbestand des Werks unter dem Dach von Siemens möglich, sagte Kaeser zu Journalisten. "Da werden wir in Gottes Namen für diese 600 bis 700 Leute eine Perspektive finden." Zuvor hatte Kaeser Beschäftigte aus Görlitz empfangen, die gegen die Schließung protestierten. Einige waren die mehr als 500 Kilometer lange Strecke von Görlitz nach München mit dem Fahrrad gefahren.

"Mensch vor Marge"

Siemens plant einen Stellenabbau in größerem Stil. In der von Auftragsrückgängen gebeutelten Kraftwerks-Sparte Power & Gas und der verwandten Antriebs-Sparte sollen insgesamt 6.900 Stellen wegfallen. Seit Wochen laufen die Mitarbeiter dagegen Sturm. Vor der Olympiahalle in München, wo sich heute die Aktionäre zu ihrer Hauptversammlung trafen, demonstrieren rund 250 Beschäftigte aus Görlitz, Erfurt, Offenbach und anderen von der Schließung bedrohten Werken gegen die Pläne.

Sie tragen Plakate mit Aufschriften wie "Mensch vor Marge" und "Mit Siemens spekuliert man nicht!". Die Mitarbeiter sind empört über die Abbaupläne. "Wir haben die Gewinne hier erwirtschaftet. Durch uns ist Siemens stark geworden", sagt Michael Basner aus Berlin. "Da ist es unverschämt, dann zu den Mitarbeitern zu sagen, die sollen gehen. Nur weil sie noch mehr Gewinn machen wollen", ergänzt Petra Lagler aus Erlangen.

Über die Gewinne kann sich Siemens nicht beklagen. Das Auftaktqurtal sah gut aus. Der Konzern konnte seinen Gewinn sogar um zwölf Prozent auf rund 2,2 Milliarden Euro steigern. Da ist der Unmut der Mitarbeiter nachvollziehbar.

Die Einschnitte sind nötig...

Allerdings, auch das muss erwähnt werden: Siemens konnte den Gewinn nur dank dem Verkauf von Osram-Aktien und dank der US-Steuerreform steigern. Die Geschäfte aber in der kriselnden Kraftwerkssparte laufen nach wie vor schlecht, die Gewinne brachen dort ein.

Das zeige, dass der Handlungsbedarf "notwendig ist, ja sogar dringlicher geworden ist", wirbt denn auch Kaeser um Verständnis für die radikalen Einschnitte. Der Umsatz in der Sparte war im ersten Quartal um 20 Prozent, das operative Ergebnis sogar um die Hälfte eingebrochen.

... die Dividendenerhöhung auch?

Der Einbruch im Markt für konventionelle Kraftwerke, für die Siemens große Gas- und Dampfturbinen liefert, sei nicht nur eine vorübergehende Eintrübung. "Behauptungen, dass unsere Werke in Offenbach, Erfurt, Mülheim oder auch Görlitz voll ausgelastet und sogar profitabel seien, sind ein Mythos oder Stimmen aus der Vergangenheit", sagte Kaeser. "Mit der Realität heute haben sie jedenfalls nichts zu tun."

Plausible Erklärung. Weniger plausibel ist die erneute Dividendenerhöhung. Siemens schüttet für das abgelaufene Geschäftsjahr 3,70 Euro je Aktie aus. Es ist die vierte Anhebung der Dividende in Folge. Die Belegschaftsaktionäre foderten den Konzern auf, diesmal die Ausschüttung nicht zu erhöhen. Stattdessen seien Investitionen erforderlich, um eine "umweltverträgliche, versorgungssichere und wirtschaftliche Energieversorgung auch künftig maßgebend gestalten" zu können. Sie wollen Siemens-Chef Joe Kaeser nicht entlasten, halten Werksschließungen und Personalabbau für "grundsätzlich falsch". Aber ihre Stimme hat nur wenig Gewicht, sie dürften auf gerade einmal 0,3 Prozent des vertreteneen Kapitals kommen. Da haben die Familie Siemens, der Staat Katar und Finanzinvestor Blackrock deutlich mehr Gewicht - und die dürften nichts gegen mehr Bares haben. Bei den Mitarbeitern dürfte das auf kein Verständnis stoßen.

Das neue Siemens-Gesicht

Siemens ist mitten im Umbau, geplant ist ein "Flottenverbundes", der die einzelnen Einheiten selbstständiger und damit agiler und wettbewerbsfähiger machen soll. Kaeser warb vor Aktionären für seine neue Strategie. "Konglomerate alten Zuschnitts haben keine Zukunft mehr", sagte Kaeser. Deswegen müsse der Konzern nun die Voraussetzungen für das Siemens der nächsten Generation schaffen.

Im Rahmen der neuen Strategie ist bereits das Windgeschäft mit dem spanischen Konkurrenten Gamesa fusioniert worden. Für das Zuggeschäft wurde ein Zusammenschluss mit dem französischen Wettbewerber Alstom vereinbart. Die Medizintechnik soll voraussichtlich in wenigen Wochen an die Börse. Dann gäbe es künftig drei börsennotierte Töchter, die annähernd für die Hälfte des Konzernumsatzes stehen.

bs

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