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Schwieriger Börsenstart Siemens Energy: Grün genug für die Börse?

von Lothar Gries

Stand: 28.09.2020, 17:53 Uhr

Nach der Gesundheitssparte hat Siemens heute sein Energiegeschäft an die Börse gebracht. Das Unternehmen wird mit rund 16 Milliarden Euro bewertet, steht allerdings wegen seines Engagements für Kohlekraftwerke vor großen Herausforderungen.

Das scheinen auch die Finanzmarktteilnehmer so zu sehen, hatte doch die Aktie heute trotz eines positiven Umfeldes einen schwierigen Start. Der erste Kurs auf dem Handelssystem Xetra betrug noch 22,01 Euro, dann rutschte die Aktie zeitweise bis unter 20 Euro ab. Am Nachmittag ging Siemens Energy mit 21,21 Euro aus dem Xetra-Handel. Jeder Siemens-Aktionär hatte für je zwei Siemens-Aktien automatisch eine von Siemens Energy erhalten.

Konzernchef Joe Kaeser ist sich der Kohle-Problematik bewusst, stand doch der Konzern im Winter wegen der - vergleichsweise kleinen - Beteiligung des Konzerns an einem Kohleminenprojekt in Australien im Kreuzfeuer der Kritik. Kaeser hatte Klimaaktivistin Luisa Neubauer daraufhin sogar einen Platz im Aufsichtsrat des neuen Energieunternehmens angeboten, das nun an die Börse gebracht wird.

Dass Neubauer die Offerte abgelehnt hat, bedauerte Kaeser und sagte: "Sie hätte an der Lösung der von der Fridays-for-Future-Bewegung zu Recht adressierten Klimaproblematik mitgestalten können und dabei auch Einblicke in komplexe unternehmerische Zusammenhänge bekommen."

Große Herausforderung

Tatsächlich besteht Siemens Energy im Kern aus zwei Teilen: einer Kraftwerks- und einer Windsparte. Die Kraftwerkssparte Gas & Power wird von Experten mit 10 bis 15 Milliarden Euro bewertet. Hinzu kommt die 67-Prozent-Beteiligung an dem spanischen Hersteller von Windkraftanlagen Siemens Gamesa, die an der Börse derzeit rund zehn Milliarden Euro schwer ist. Insgesamt setzte der Konzern im letzten Jahr 29 Milliarden Euro um.

Siemens Windkraftturbinen

Siemens Windkraftturbinen. | Bildquelle: Unternehmen

Damit bilde Energy die Stromwertschöpfungskette perfekt ab, betonen die Experten von CMC Markets. Doch die breite Aufstellung ist auch eine Herausforderung. So hat der neue Konzern zwar mit der Beteiligung an Gamesa zwar ein starkes Windenergiegeschäft und ist auch in der wichtigen Stromübertragung tätig, doch gleichzeitig liefert und wartet er hauptsächlich Turbinen und andere Technik für Gas- und vor allem Kohlekraftwerke.

Schrumpfender Markt für Kohlekraftwerke

Das Problem dabei: Dieses Geschäft ist mit seinen langfristigen Verträgen und riesigen Auftragsbeständen zwar relativ stabil, doch die Margen liegen deutlich unter dem des bei Siemens verbleibenden Industriegeschäfts. 2.700 Arbeitsplätze sind deshalb bereits gestrichen worden. Zudem geht es beim Bau von Turbinen und Generatoren für Kohlekraftwerke um einen Markt, der in den kommenden Jahrzehnte schrumpfen und wegbrechen dürfte.

Siemens Gasturbinen-Montage

Siemens Gasturbinen-Montage. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Kaeser, der Energy als Aufsichtsratschef weiter begleitet, hat dem Vorstand deshalb die Aufgabe gegeben, einen Plan zum Ausstieg aus der Kohle zu entwickeln - verantwortungsvoller als Aktivisten dies forderten und "konsequenter, als Zögerlinge dies für notwendig halten". Einen Zeithorizont nannte Kaeser allerdings nicht.

Behutsamer Übergang zu erneuerbaren Energien

Als ersten Schritt verkündete der neue Siemens Energy-Chef Christian Bruch, dass die Kraftwerkssparte ab sofort selektiver an Ausschreibungen teilnehmen werde. Gleichzeitig versprach er seinen Kunden einen behutsamen Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien. Einen abrupten Stopp der Technik für Kohlekraftwerke wie ihn jüngst der US-Konkurrent GE verkündete, soll es also nicht geben.

Damit steht fest: Siemens Energy ist zwar ein Champion im Energiegeschäft mit einzigartiger Breite und Tiefe, aber das Unternehmen bewegt sich noch längere Zeit in einem von Umbrüchen gekennzeichneten Markt, der auch politischen Schwankungen unterliegt.

Auch deshalb will Firmenchef Bruch das Unternehmen auf mehr Rendite trimmen: Ziel ist es, die operative Marge bis 2023 auf 6,5 bis 8,5 Prozent zu steigern. 2019 lag sie bei 5,3 Prozent, im noch laufenden Jahr dürfte sie coronabedingt in den roten Bereich sinken. Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, soll bis 2023 mindestens eine Milliarde Euro eingespart werden - womöglich sogar 300 Millionen mehr.

Siemens bleibt Ankeraktionär

Selbst die bei Siemens geltende Vereinbarung zur Standortsicherung will der Firmenchef nicht übernehmen. Das soll Produktionsketten vereinfachen, argumentiert er. Die Gewerkschaft reagierte alles andere als amüsiert und sprach von "versteckten Drohungen" auf der Zielgeraden zur Abspaltung. Leicht dürfte der Start an der Börse also nicht werden.

Ganz trennen wird sich Siemens von der Energiesparte nicht: Gut 35 Prozent behält der Konzern zunächst selbst, knapp zehn Prozent gehen an den Pensionsfonds des Konzerns. Beide Positionen werden über die Zeit schrumpfen, Siemens will aber Ankeraktionär mit einem Anteil von rund 25 Prozent bleiben.

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ARD-Börse: Siemens Energy startet an der Börse

Angesichts seiner Größe könnte Siemens Energy in absehbarer Zeit neben der alten Mutter Siemens Teil des Aktienindex Dax werden. Am heutigen 28. September ist es schon so weit - allerdings nur für kurze Zeit. Die Aktie bleibt für einen Tag im Dax, der dann 31 Titel hat. Weil auch die andere große Siemens-Abspaltung Healthineers als Dax-Kandidat gilt, könnten Ende des kommenden Jahres drei Unternehmen mit dem Namen Siemens in der obersten Liga der Deutschen Börse notiert sein.

Schwankungen erwartet

Doch bis es soweit ist, müssen die Aktionäre wohl einige Kursschwankungen durchmachen. Nicht jeder kann oder will die zugebuchten neuen Papiere auch behalten. So müssen beispielsweise Fonds, die den Dax abbilden, die Aktie, die derzeit nicht im Dax ist, abstoßen.

In Siemens-Kreisen rechnet man in den ersten Wochen mit größeren Schwankungen. Erst dann werde der Kurs des neuen Unternehmens wirklich etwas über seinen Wert aussagen können - und der kombinierte Börsenwert von Siemens und Siemens Energy etwas darüber, ob Einzelteile wirklich mehr wert sind als ein Ganzes.