Wirecard-Firmensitz in Aschheim
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Große US-Adressen wetten gegeneinander Showdown bei Wirecard

Stand: 13.01.2020, 14:46 Uhr

Der Krimi um Wirecard ist zum Western geworden: Immer mehr angelsächsische Akteure werden derzeit auf der "Long-" und "Short"-Seite aktiv und wetten offenbar auf den Ausgang der Sonderprüfung bei dem Zahlungsdienstleister.

Bereits nach den bisher letzten Vorwürfen der "Financial Times" im Dezember 2019 positionierten sich immer mehr Hedgefonds gegen Wirecard. Sie bauten Netto-Leerverkaufspositionen auf und setzten somit auf fallende Kurse. Dieses Phänomen ist bei der Wirecard-Aktie immer wieder zu erkennen.

Die Summe der meldepflichtigen Leerverkaufs-Positionen beträgt derzeit rund fünf Prozent. Zu den Skeptikern gehören vor allem angelsächsische Institute wie Slate Path Capital, TCI, Marshall Wace, Coltrane Asset Management, Greenvale Capital und Coatue Asset Management. Letztere Firma erhöhte erst am vergangenen Donnerstag ihre Short-Position auf 0,67 Prozent. Unterhalb der 0,5-Prozent-Marke ist keine Meldung nötig.

Deutlich mehr Leerverkäufe als angegeben?

Christian Kirchner von "Finanz-Szene.de" gibt denn auch zu bedenken, dass das deutsche Meldesystem für Leerverkäufe Lücken aufweist. Kirchner beruft sich dabei auf den renommierten US-Datenanbieter S3 Partners. Dieser kommt auf der Basis echter Broker-Daten zum Ergebnis, dass am 3. Januar dieses Jahres rund 24,7 Millionen Wirecard-Aktien leer verkauft sein müssten. Das entspräche einem Anteil von 19,9 Prozent aller Wirecard-Aktien und damit beinahe dem Vierfachen der ausgewiesenen Short-Positionen.

Prominente Großinvestoren von Übersee

Goldman Sachs Tower

Goldman Sachs Tower. | Bildquelle: Imago

Auf der anderen Seite gibt es aber auch einige prominente Wirecard-Investoren aus den USA, die an ihrer Long-Position festhalten und diese in den vergangenen Wochen weiter ausbauten. Goldman Sachs ist aktuell mit einem Anteil von 10,81 Prozent der größte Investor, dicht gefolgt von Morgan Stanley (10,26 Prozent). Dahinter folgt der Wirecard-Chef Markus Braun (7,05 Prozent), die deutsche DWS Investment GmbH (5,95 Prozent) und ein weiterer US-Investor: die Fondsgesellschaft Blackrock mit 5,4 Prozent. Vor allem bei Goldman Sachs und Morgan Stanley sei laut Kirchner nicht klar, ob sie die Aktien wegen der "eigenen Marktmeinung und auf eigene Rechnung oder im Kundenauftrag halten". Für wahrscheinlicher hält er letztere Option.

KPMG-Sonderbericht "Ende des ersten Quartals"

Sowohl Pessimisten als auch Optimisten halten dem Anschein nach an ihren Strategien fest. "Die Annahme liegt nahe, dass es sich de facto um Wetten auf den Ausgang des KPMG-Sonderberichts handelt", meint Christian Kirchner von "Finanz-Szene.de". Der KPMG-Bericht wurde von Wirecard selbst in Auftrag gegeben und sollte Anfang 2020 veröffentlicht werden. Zuletzt war vom "Ende des ersten Quartals" die Rede.

Sollte der Bericht die Unschuld Wirecards beweisen, dürften viele Leerverkäufer die Flucht ergreifen und eine Erholung der Wirecard-Aktie wäre sicher. Die Shorties bekamen schon in den vergangenen Wochen keine "Schützenhilfe" mehr durch Negativberichte.

Wirecard-Aktie leicht im Aufwind

Die Vorwürfe der "Financial Times" im Dezember des vergangenen Jahres hatten für eine erneute Talfahrt des Dax-Titels gesorgt. Zwar konnte sich die Aktie seitdem etwas erholen, stieg aber nicht über das damalige Ausgangsniveau.

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
94,56
Differenz relativ
+0,63%

Aktuell steigt die Wirecard-Aktie, am frühen Nachmittag notiert sie rund 1,9 Prozent im Plus. Als Grund nennen Börsenexperten die Neubesetzung des Chefaufseher-Postens. Am späten Samstagabend gab der Konzern bekannt, dass Thomas Eichelmann auf Wulf Matthias folgen wird. Eichelmann leitete einst die Finanzsparte der Deutschen Börse.

Unabhängige Sonderprüfung gefordert

Mittlerweile fordert jetzt auch eine Gruppe von Wirecard-Kleinanlegern eine unabhängige Sonderprüfung in Bezug auf die Vorwürfe der Bilanzmanipulation des Dax-Konzerns. Die Sonderprüfung von KPMG reiche nicht aus. Es sei zu befürchten, dass Vorstand und Aufsichtsrat nicht alle Informationen an die Aktionäre weiterreichten. "Wir wollen schnellstmöglich Klarheit haben, was bei Wirecard los ist", sagte Rechtsanwalt Wolfgang Schirp am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Schirp ist außerdem Gründungsmitglied des Aktionsbundes Aktiver Anlegerschutz e.V.

ms