Netflix

Eigene Prognose verfehlt Hat Netflix jetzt ausgeboomt?

von Angela Göpfert

Stand: 21.10.2020, 08:47 Uhr

Nach dem Abo-Boom im ersten Halbjahr hat der Kundenandrang bei Netflix im dritten Quartal stark nachgelassen. Wie kommt’s? Eine Spurensuche bei dem Streaming-König.

Cineastische Glücksgefühle? Fehlanzeige! Groß war die Enttäuschung der Anleger, als Netflix am Dienstagabend nach US-Börsenschluss seine Zahlen zum dritten Quartal präsentierte. Wie gewöhnlich standen dabei besonders die Abo-Zahlen des Streaming-Marktführers im Fokus, geben sie doch Aufschluss über die Wachstumsmöglichkeiten des Konzerns.

In den drei Monaten bis Ende September kamen unterm Strich allerdings lediglich 2,2 Millionen Bezahl-Abos dazu. Damit verfehlte Netflix seine eigene Prognose von 2,5 Millionen Neu-Zugängen. Das Analyseunternehmen FactSet hatte sogar mit rund 3,6 Millionen neuen Streaming-Kunden gerechnet. Zum Vergleich: Im Vorjahresquartal konnte Netflix noch 6,8 Millionen neue zahlende Kunden begrüßen.

Doch nicht nur mit der bei Netflix wohl wichtigsten Unternehmenskennziffer verfehlte das an der US-Technologiebörse Nasdaq notierte Unternehmen die Erwartungen: Auch beim Gewinn je Aktie blieb man mit 1,74 Dollar deutlich hinter den prognostizierten 2,21 Dollar zurück.

Ein Chef, eine Erklärung

Entsprechend enttäuscht reagierten denn auch die Anleger: Die Netflix-Aktie rauschte im nachbörslichen US-Handel um rund fünf Prozent in die Tiefe. Dabei dürfte es sich auch um Gewinnmitnahmen handeln. Seit Jahresbeginn waren Netflix-Papiere fast 70 Prozent in die Höhe geklettert.

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Netflix-Gründer Reed Hastings glaubt zu wissen, woran der Abo-Einbruch liegt. | Bildquelle: picture alliance / abaca

Doch ist die Enttäuschung der Anleger gerechtfertigt? Schließlich hielt Netflix-Chef Reed Hastings selbst eine auf den ersten Blick ganz plausible Erklärung für den Einbruch der Abo-Kundenzahl parat. Er wies darauf hin, dass das nachlassende Kundenwachstum eine logische Folge der Rekordzahlen des ersten Halbjahres gewesen sei nach dem Motto: Im dritten Quartal waren einfach weniger übrig, die noch Netflix-Kunden werden konnten.

In den ersten beiden Quartalen des Jahres konnte Netflix 15,8 Millionen beziehungsweise 10,1 Millionen neue Nutzer begrüßen. Damit beläuft sich die Zahl der neuen Abo-Kunden in den ersten neun Monaten des Jahres 2020 auf 28,1 Millionen – das ist weit mehr als im gesamten Jahr 2019.

Das Momentum ist weg

Tatsächlich rücken diese Zahlen den vermeintlich heftigen Abo-Einbruch bei Netflix in ein etwas anderes Licht. Doch über eines kann auch Hastings nicht hinwegtäuschen: Das starke Momentum ist weg, das krasse Wachstum aus den Anfangszeiten der Corona-Krise hat deutlich nachgelassen.

Das liegt nicht zuletzt auch an der wachsenden Konkurrenz: Amazon Prime Video hat sich für Netflix zu einem überaus lästigen Störenfried entwickelt. Erst vor kurzem kündigte Unterhaltungsriese Disney an, sich künftig auf seinen Streamingdienst Disney+ zu fokussieren. In den USA ist überdies HBO Max mit seinen herausragenden Eigenproduktionen stark auf dem Vormarsch.

Disney + App

Neuer starker Netflix-Konkurrent: Disney +. | Bildquelle: imago images / Hollandse Hoogte

Heiß begehrter Streaming-Kuchen

Apple TV+ läuft vielleicht bislang noch unter ferner liefen, doch auch hier werden enorme Anstrengungen unternommen. All diese Konzerne wollen ein Stück von dem immer größer werdenden Kuchen des Streamingmarktes.

2018 belief sich der globale Wert des Streamingmarktes auf 8 Milliarden Dollar – bis 2027 soll er auf knapp 19 Milliarden Dollar steigen, das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 13,2 Prozent.

Ein Vorteil weniger

Netflix mag in den vergangenen Jahren einen Wettbewerbsvorteil gehabt haben, weil es als erstes in den Streaming-Markt vordrang und sich als Pionier große Marktanteile sichern konnte.

Doch angesichts der niedrigen Einstiegshürden in diesen Markt dürfte es für Netflix künftig immer schwerer werden, so rasant zu wachsen wie noch im ersten Halbjahr 2020. Der Vorteil des "First Mover" verfliegt zusehends.

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Netflix-Gründer Reed Hastings

Visionär Reed Hastings
Netflix gibt es schon seit 1997. Damals war es noch üblich, sich Filme in einer Videothek auszuleihen. Reed Hastings, ein Software-Programmierer und Geschäftsmann, kam die Idee einer bequemeren Alternative: Ein Online-Filmverleih, über den man Videokassetten und DVDs ausleiht, ohne in den Laden gehen zu müssen.